BRASILIANISCHES KINOFESTIVAL

cinebrasil 2020

Das brasilianische Filmfestival blickt zum 15-jährigen Bestehen auf Erfolge zurück – präsentiert aber auch frische Filme aus dem Tropenland

Text: Friedhelm Teicke

Feliz aniversário! Happy birthday! Seinen 15. Geburtstag feiert das brasilianische Filmfestival cinebrasil mit dieser Ausgabe, Festivalort ist wieder das Babylon Mitte. 2005 präsentierte der Schauspieler und Kulturmanager Sidney Martins erstmals aktuelle Spiel- und Dokumentarfilme aus seinem Heimatland, damals noch im Eiszeitkino und mit dem Fokus auf Schwarze im brasilianischen Film („O negro no cinema brasileiro“). Zum Jubiläum blickt cinebrasil nun in einer Retrospektive auf die Filme zurück, die in den letzten 14 Jahren bei Publikum und Kritikern am besten angekommen waren.

Grund zur Freude: Seit 15 Jahren kuratiert Sidney Martins das Festival cinebrasil – Foto: cinema negro

Darunter sind „Mutum“, das berührende Spielfilmdebüt von Sandra Kogut lief 2008 auch auf der Berlinale, und Andrucha Waddingtons starbesetztes Mehrgenerationen-Porträt „Casa de Areia“ (Das Haus aus Sand), in dem neben Fernanda Montenegro, Fernanda Torres, Seu Jorge und Luiz Melodia auch die fantastische Dünenlandschaft des Lençóis Maranhenses eindrucksvoll mitspielt.

Zu den Lieblingen gehören auch „Olhos azuis” (Blaue Augen) von José Joffily, in dem ein US-amerikanischer Grenzer im nordostbrasilianischen Sertão seinen Seelenfrieden sucht, „Bróder” von Jefferson De, über das Leben dreier Freunde aus einer Favela, und das Mittelschichtsdrama „Praça Saens Peña“ von Vinicius Reis, dessen Protagonisten Chico Diaz, Maria Padilha und Isabella Meirelles das cinebrasil 2010 eröffneten.

Alles Beispiele für ein seit dem internationalen Erfolg von Walter Salles „Central Station“ (Berlinale-Gewinner 1998) lange prosperierendes Filmland, das auch im sozialkritischen Selbstverständnis seiner Filmschaffenden an das berühmte Cinema Novo anknüpft.

Doch gerade das ist der rechtspopulistischen Regierung Jair Bolsonaros ein Dorn im Auge. Die staatliche Filmförderung wurde für 2020 um fast die Hälfte gekürzt, das Kulturministerium schon gleich zum Amtsantritt im Januar 2019 abgeschafft. Bolsonaro will einen „ideologischen Filter“ für die Vergabe von Geldern einführen und hat den Direktor der nationalen Filmagentur Ancine mit einem Evangelikalen ausgetauscht.

Der offen homophobe Präsident will LGBTQ-Inhalte gar nicht mehr fördern, womit Filme wie „Madame Satã“ (gezeigt beim 7. cinebrasil) oder „Praia do Futuro“ von Karim Ainouz (10. cinebrasil) zukünftig nicht mehr gedreht werden könnten. Andere rechte Politiker wie der evangelikale Pastor und Bürgermeister von Rio de Janeiro, Marcelo Crivella, üben gleich ganz direkt Zensur aus. Crivella versuchte im September einen Comic mit schwulem Inhalt von der Buchschau „Bienal do Livro“ entfernen zu lassen, scheiterte aber letztendlich vor Gericht.

Ein Comic ist nun auch Vorlage des Eröffnungsfilm der Geburtstagsausgabe von cinebrasil am 23. Januar. „Tungstênio“ von Heitor Thalia basiert auf der gleichnamigen Graphic-Novel von Marcello Quinthanilha, in der am Strand vom Salvador da Bahia vier Lebensgeschichten schicksalhaft miteinander verwoben werden. Der Trailer des 2019 erschienenen Filmes, der nun erstmals in Deutschland gezeigt wird, verspricht schon einiges:

Comicautor Quinthanilha wird bei der Filmvorstellung im Babylon Mitte übrigens anwesend sein.

Fünf weitere neue Spiel- und fünf Dokumentarfilme werden beim Festival im Original mit englischen Untertiteln gezeigt, darunter auch „O Beijo no Asfalto“ (Der Kuss auf dem Asphalt) von Murilo Benício, eine Neuverfilmung des Theaterklassiker von Nelson Rodrigues mit dem Schauspielstar Lázaro Ramos. Der hatte wiederum seinen Durchbruch in der Titelrolle eines charismatischen Transvestiten in „Madame Satã“ von Karim Aïnouz, also einem der Filme, die Bolsonaro empören. Gut so.

23.-28.1, Babylon Mitte, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Mitte. www.cinebrasil.info