»Und dann war ich sie einfach«

Claudia Eisinger im Interview

Die Schauspielerin Claudia Eisinger ist für „Mängelexemplar“ in die Rolle der depressiven Karo geschlüpft – und meistert sie mit Bravour. Ein Gespräch über Ausbildung, Emotionen und den Drehort Berlin

Interview: Martin Schwarz

Frau Eisinger, Sie haben mit dem Theater schon zu Schulzeiten angefangen und sind dann auf die Ernst-Busch-Schauspielschule gegangen. Klingt nach einem festen Plan …

Ich habe als Jugendliche im Berliner Off-Theater TIK gespielt, und da wurde viel über die „Ernst Busch“ gesprochen. In meinem damaligen Universum gab es nur diese Schule und nur da wollte ich hin.

Claudia Eisinger wurde vor 31 Jahren in Berlin ­geboren und absolvierte nach dem Abitur ihre Schauspiel­ausbildung an der hiesigen Ernst-Busch-Schule. Nach Auftritten in Filmen wie „Polska Love ­Serenade“, „Blutzbrüdaz“ und „13 Semester“ feierte sie mit „Wir sind die Neuen“ ihren Durchbruch. Nun glänzt sie als Karo in „Mängel­exemplar“.Foto: X Verleih/ Stephanie Kulbach
Claudia Eisinger wurde vor 31 Jahren in Berlin ­geboren und absolvierte nach dem Abitur ihre Schauspiel­ausbildung an der hiesigen Ernst-Busch-Schule. Nach Auftritten in Filmen wie „Polska Love ­Serenade“, „Blutzbrüdaz“ und „13 Semester“ feierte sie mit „Wir sind die Neuen“ ihren Durchbruch. Nun glänzt sie als Karo in „Mängel­exemplar“.
Foto: X Verleih/ Stephanie Kulbach

Nicht nur bei dieser Schauspielschule gibt es das Vorurteil, dass die Anfänger erstmal gebrochen werden sollen, um sie dann neu aufzubauen.

Fakt ist: Durch diese Schule wird man zu einem gut funktionierenden Bühnen­menschen gemacht. Rückblickend empfinde ich die Schule als unheimlich festgefahren und eben sehr leistungsorientiert. Sie arbeitet mit Druck und Bewertung. Statt frei zu werden gehen viele in die Angst, nicht gut genug zu sein. Und das ist ein Raum, in dem meine Kreativität komplett erstarrt und in dem es einfach keinen Spaß macht zu spielen.

Aber das Handwerkszeug, das man von der Schule bekommt, ist doch sinnvoll, oder?

Es gibt einem eine äußere Sicherheit im ­Sinne von „Ich weiß, wie man laut spricht“. Mich hat es unsicher gemacht. Weil ich ­immer mehr spürte, dass mir mein innerer Anker total fehlt. Das hat nun aber nicht mit der Schule zu tun, sondern mit meiner persönlichen Entwicklung. Es gab einen Punkt am Theater, wo ich mich gefühlt habe, als wäre ich gar nicht mehr da, wie innerlich abgestorben. Für mich war ganz klar, dass ich etwas ändern musste. Ich habe gekündigt, und dann begann eine Reise nach ­innen, sowohl für mich selbst als auch für meine Figuren.

Gehört es nicht zur Schauspielerei dazu, dass man lernt, Emotionen aus sich herauszuholen? 

Ja natürlich. Und dafür gibt es eben nicht den einen richtigen Weg. Gott sei Dank ist ja jeder anders. Ich glaube, es geht vor allem darum, wirklich mit sich selbst in Kontakt zu gehen, mit seinen inneren Räumen, fern von Konzepten und Vorstellungen, die von außen kommen.

Musste dieser radikale Bruch mit dem -Theater 2011 also zwingend sein? 

Ja, für mich war das total wichtig. Die Angst wurde körperlich, das führte sogar soweit, dass ich mich mehrere Male auf der Bühne nicht mehr bewegen konnte – wie erstarrt. Und dieser Cut war dann eine große Befreiung.

Nach interessanten Low-Budget-Filmen wie „Polska Love Serenade“ kam der große -Kino-Durchbruch mit der WG-Komödie „Wir sind die Neuen“ …

Ich mochte diese völlig verspannte, humor­lose Jurastudentin, die eben eigentlich einfach komplett überfordert ist von dem ­immensen Leistungsdruck, der so sehr spürbar ist in meiner Generation.

Eine sehr emotionale Rolle – wie jetzt auch bei „Mängelexemplar“ …

Stimmt, denn genau wie bei Karo in „Mängelexemplar“ liegt unter dieser Biestigkeit, Zickigkeit und Verklemmtheit einfach eine riesige Not und ein großes Verlorensein.

Kannten Sie Sarah Kuttners Roman vorher?

Ich habe das Drehbuch gelesen, wurde zum Casting eingeladen und habe dann den ­Roman gelesen.

Wie sind Sie an diese schwierige Figur -herangegangen? 

Vom Zeitpunkt des Castings bis zum Dreh selber ist fast ein Jahr vergangen. So konnte ich mit der Rolle lange Zeit schwanger ­gehen und mich innerlich füttern. Nicht, dass Karo mir fremd war, intuitiv habe ich sie ­sofort verstanden, aber das reicht ja nicht. Ich habe viel über das Thema Depres­sion gelesen, mich mit mir selber beschäftigt. Und ich habe angefangen, aus Karo heraus Dinge aufzuschreiben, Gedankenketten in ihrem Kopf, das war sehr hilfreich. Als wir dann zu drehen begonnen haben, war Karo so in mir präsent, dass ich einfach den Kopf ausschalten konnte. Mein System konnte auf Karo umschalten. Und dann war ich sie einfach.

Und wie hält man die immense Spannung während des Drehs hoch? 

Der Hauptdrehblock dauerte vier Wochen, und ich bin die ganze Zeit mehr oder weniger in der Figur geblieben. Es war ein bisschen wie ein Rausch. Ich hatte in den vier Wochen nicht viel Privatleben, abends war ich alleine zu Hause. Ich wurde ­morgens um halb sechs abgeholt und kam irgendwann abends nach Hause. Es wäre viel ­anstrengender gewesen, abends aus der ­Rolle ­herauszugehen und ein paar Stunden später alles wieder hochzufahren.

Haben Sie Depressionen selbst schon erlebt? 

Depression oder die Symptome, die wir ­damit meinen, sind in meinem Leben durchaus ein Thema gewesen: in der ­Phase der großen Verzweiflung und Orientierungslosigkeit, vor allem nach meiner Kündigung am Theater – als ich frei war und auf einmal so viel Zeit hatte und nicht wusste, wie leben geht. Das war ein Jahr, ähnlich wie bei Karo, in dem ich mich mit mir auseinandersetzen musste.

Diese Gefühle für eine Figur noch einmal -hervorzuholen, das muss doch sehr schmerzhaft sein.

Es gab eine Zeit, in der ich geglaubt habe: Wenn ich allen Schmerz in mir heile, kann ich ihn nicht mehr spielen. Aber es ist umgekehrt: Je heiler ich bin, desto besser kann ich auf diese körperliche Erfahrung zurückgreifen und sie wie eine Farbe benutzen.

War es hilfreich, dass alles in Berlin spielt? 

Ja, genau wie Karo bin ich ja auch Berlinerin. Ich bin in Mitte geboren und in Lichtenberg aufgewachsen, habe in Köpenick, Friedrichshain und Prenzlauer Berg gewohnt und lebe aktuell am Rand von ­Berlin. Ich habe hier quasi mein ganzes bisheriges Leben verbracht, genau wir Karo eben auch. Den Film hätte man nicht woanders drehen können, er erzählt ja auch ein Stück Berlingeschichte.

Zur Rezension über „Mängelexemplar