Interview Dr. Motte

„Clubs sind keine Porno-Kinos“

Er ist der Vater oder zumindest Mitbegründer der Loveparade – und feiert jetzt öffentlich seinen 59. Geburtstag. Mit uns sprach die DJ-­Legende Dr. Motte über Ecstasy in der Technoszene, einen Trick bei Nervosität,  Gentrifizierung und ein Missverständnis, das ihn teuer zu stehen kam

Mit fast 60 Lenzen immer noch der volle Stylo: Dr. Motte
Foto: Petrov Ahner

Im nächsten Jahr feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Das hält Sie aber nicht davon ab, weiter um den Globus zu jetten und Musik zu machen. Warum das alles noch?

Ich halt’s mal so wie die Rolling Stones. Ich sterbe hinter den Plattenspielern, wenn überhaupt. Weil: Hinter den Plattenspielern habe ich endlose Energie. Und irgendwie habe ich auch gute Gene von meinen Eltern bekommen. Deswegen läuft alles. Es ist natürlich auch immer eine Frage der generellen Lebenseinstellung. Wie denke ich über mein jetziges Dasein? Hasse ich die Welt und das Leben? Es gibt ja ganz viele, die sagen, dass alles scheiße ist. Das mache ich aber nicht. Denn ich will maximales Glück für mich selber. Also bin ich ganz entspannt und lebe im Hier und Jetzt.

Mal in die Zeitmaschine: Welchen Einfluss hatte Ecstasy für das Entstehen der Berliner Technoszene in den 90er-Jahren?

Wenn man das mit heute vergleicht, war das eine Droge des Zusammenseinwollens und nicht der Vereinzelung oder des Egos, Amphetamine bringen ja den Menschen eher zusammen. Und das ist ja auch ­keine Droge, wovor man Angst haben muss. Es werden in der Schweiz unter therapeutischer Begleitung ja auch Leute damit geheilt, von Psychosen und so weiter. Ohne Ecstasy hätte es den Sound so nicht gegeben. Ich meine, LSD hat ja auch den Rock verändert und Acid Rock hervorgebracht und die Leute befreit von ihrem starren Denken und dem Dogma. Und dadurch sind auch neue Dinge entstanden. Steve Jobs hat zum Beispiel auch gesagt, dass er ohne LSD Apple nicht gegründet hätte.

Wie ist es Ihrer Meinung nach um die Technoszene der Gegenwart bestellt?

Es findet da Entwicklung statt. Im Augenblick ist es so, dass das Establishment, weil wir uns weiterentwickelt haben und auch so konsequent unsere eigene Kultur entwickeln, sich aufbäumt. Das sieht man zum Beispiel daran, wie momentan mit dem Fusion Festival umgegangen wird – das ist für mich der Versuch der Zerstörung unserer Kultur. Die Fusion ist per Grundgesetz als Gesamtkunstwerk geschützt. Die Kunst und die Musik müssen frei sein – und jeder, der dagegen verstößt, verstößt gegen das Grundgesetz.

Wie gefährdet sind Berlins Kulturräume?

Gerade Gentrifizierung ist ein großes Thema. Es gibt von der Stadt ja auch keinen Bestandsschutz. Zwar ist die Clubcomission schwer am Rödeln und am Machen und am Tun, aber ich finde es schade, dass das alles so lange dauert. Denn wir brauchen Bestandsschutz. Wir müssen ganz schnell schauen, wie wir das hinkriegen. Und eine Umwandlung der Clubs, die ja keine Pornokinos oder so sind, in Kulturbetriebe. Am Yaam zum Beispiel wird gebaut. Und das Watergate ­wurde an einen neuen Eigentümer verkauft. Der Club muss jetzt die doppelte Miete zahlen. 23 Euro pro Quadratmeter sind quasi unfinanzierbar. Und wir hatten gerade ja auch das Problem mit dem Rockhaus Berlin. Da ist die Stadt jetzt eingesprungen. Zum Glück! Danke sehr! Trotzdem darf so was nicht wieder vorkommen, denn wo sollen denn diese tausend Künstler sich vorbereiten, proben und neue Songs entwickeln? Wie geht Berlin mit meiner und unserer Kultur um? Überhaupt mit der Musikkultur. Ist das nicht so wichtig? Da fehlt eine Lobby. Die müssen wir entwickeln. Vielleicht brauchen wir dafür eine eigene Partei.

In der Vergangenheit sind Sie mehrfach mit kontroversen Äußerungen aufgefallen. So sollen Sie zum Beispiel 2011 Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit „Blockwarte“ beschimpft und „Heil Hitler“ gerufen haben. Sind Sie sich in gewissen Momenten nicht bewusst, was Sie sagen?

Ich wollte eigentlich nur einen Lieferanten schützen. Der wusste nicht, wo er parken soll, musste aber einen Gemüsehändler beliefern und konnte das nicht. Also stand er mehr oder weniger dann da in dritter Spur. Und sofort waren die Ordnungsbeamten da und haben ihn aufgeschrieben. Da habe ich dann von der gegenüberliegenden Seite gerufen, dass sie damit aufhören sollen. Und zack klebten sie an mir dran und haben mich provoziert. Dann habe ich sie „Sind wir schon wieder bei HH?“ gefragt. Das wurde mir dann von ihnen und in der Presse leider anders ausgelegt und ich muss gestehen, dass ich da auch etwas träge war und nicht rechtzeitig reagiert habe. Dann kam das Schreiben vom Gericht und auch da habe ich Fristen verpennt. Das kam mich teuer zu stehen. Ich habe mich auf meinem Blog deswegen auch schon 2014 entschuldigt und eine Richtigstellung veröffentlicht.

Wie war das eigentlich so, an der Siegessäule vor Hundertausenden von Technoanhängern zu sprechen?

Selbst wenn man sich darauf vorbereitet, ist es immer noch eine sehr hohe Anspannung. Ich meine, mir war immer wichtig, dass ich denen, die zusehen, zuhören und auch denen, die anwesend sind, den Augenblick vertiefe und beschreibe, was da gerade passiert. Das wollte ich erreichen. Aber trotzdem zittert man. Und deswegen ­hatte ich immer weite Hosen, damit man das nicht so sieht.

Was braucht es denn für einen guten Abend?

Am Ende muss viel zusammenkommen. Das Licht muss stimmen, die Atmosphäre muss stimmen, es müssen die richtigen Leute anwesend sein, die Anlage muss gut klingen und es muss alles in Harmonie sein. Alle müssen in dem gleichen Atem atmen. Und dann kann etwas passieren, was man nicht beschreiben kann.