Geflüchtetentheater

Code-Switching: Wechsel

Klischees rund um den Spracherwerb von Geflüchteten

80 Millionen Menschen sind laut UN auf der Flucht. Klar, dass diese politische Frage im Thea­ter thematisiert wird, auf vielen Bühnen stehen seit 2015 Geflüchtete im Mittelpunkt und auch selbst auf der Bühne. Doch hier ist das Ergebnis nur ärgerlich.

Wir erleben in drei gedehnten Thea­terstunden einen Deutschunterricht für Geflüchtete. Die Rollen sind klar verteilt: da die bösen Lehrenden und hier die überforderten Geflüchteten, lost in translation. So also wäre der Schulalltag, behauptet die regieführende Stückautorin Samanta Beric. Doch solche Klischees haben mit der Arbeit derjenigen, die täglich unter schwierigen Bedingungen die Willkommensklassen beschulen, nichts zu tun. Der Autor dieser Zeilen weiß das, er hat selbst einen Kurs zu diesem Thema geleitet.

Besonders fragwürdig wird es, als der „böse“ Lehrer ausgezogen wird und ihn ein syrischer Geflüchteter mit dem Gürtel schlägt. Freundlich gedeutet, könnte man behaupten, der ­Kriegstraumatisierte lässt sein Leiden heraus, aber szenische Herleitung? Fehlanzeige! Dass ­Zuschauer an dieser Stelle lachen, illustriert die problematische Regie­führung.

Auch Büchners Woyzeck, jener Prototyp der geschundenen Kreatur, tritt kurz auf, damit nun auch der Letzte begreift, wer in diesem „Code-Switching“, dem Missverständnisse provozierenden Sprachwechsel, das Opfer ist. Doch so einfach ist dem komplexen Thema Flucht, Migration und Exil nicht beizukommen. Diese Mitleids-Bußestunde hilft kaum, die Situation geflüchteter Menschen zu erklären. Im Gegenteil trägt dieser aus Stereotypen gebastelte Theaterabend eher dazu bei, die Schützengräben der Fluchtdebatte weiter auszuschaufeln. AXEL SCHALK

21. + 22.2., 19.30 Uhr, Theater verlängertes Wohnzimmer, Frankfurter Allee 91, Fried­richs­hain. Regie: Samanta Beric. Eintritt 14, erm. 9 €