Interview

»Colette war eine Regelbrecherin«

Regisseur Wash Westmoreland über Genderfragen und Zahnpastaflecken in ­seinem neuen Film, dem Biopic „Colette“

Mr. Westmoreland, „Colette“ ist ein Film, an dem Sie sehr lange gearbeitet haben, nicht wahr?
Das können Sie laut sagen: Vor über 17 Jahren haben wir angefangen, daran zu arbeiten, ich habe also gut ein Drittel meines Lebens damit verbracht, diesen Film Wirklichkeit werden zu lassen.

Wie nahm das damals alles seinen Anfang?
Eigentlich damit, dass mein inzwischen verstorbener Ehemann und Film-Partner Richard Glatzer um 2000 herum anfing, die Bücher von Colette zu verschlingen. Er meinte, dass man einen Film über sie drehen müsse. Wir verbrachten also den Sommer 2001 in Frankreich und konzentrierten uns beim Schreiben auf die Ehe von Colette und Willy. Doch als wir nach unserer Rückkehr in L.A. Kontakt zu Produzenten aufnahmen, stießen wir auf Desinteresse.

Warum?
Unsere Geschichte, oder besser: ­Colettes ­Leben, war einfach zu radikal. Dass sie ­gegen Ende ihrer Ehe eine Beziehung zu ­einer Frau einging, die ihre eigene Maskuli­nität auslebte und zu einer Vorreiterin der heuti­gen Transgender- und Butch-Lesben-­Bewegungen wurde, war für Hollywood viel zu sehr Nischenthema. Aber heute sind ­solche Nischen zum Glück mehr und mehr im Mainstream angekommen. Mittler­weile fordert das Publikum ja, auch solche ­Geschichten erzählt zu bekommen.

Warum haben Sie diesen ­vergleichsweise kleinen Ausschnitt aus Colettes Leben ­gewählt und nicht noch viel mehr von ihr ­erzählt?
Colette hat ein Leben gelebt, das locker für zehn Staffeln einer HBO-Serie reichen ­würde. Alles in einem Film unterzubekommen, war schlicht unmöglich. Und ihre Künstler-Werdung erschien uns einfach wichtig – und der Moment, wo sie erstmals ein Buch unter eigenem Namen veröffentlicht, als guter Schlusspunkt.

Sind Colettes Bücher nun Kitsch oder große Literatur? Was ist Ihr Standpunkt?
Ich halte sie ohne Frage für eine große Schriftstellerin. Man kann in ihren Büchern mitverfolgen, wie sie sich weiterentwickelt hat, und die Arbeiten, die sie nach der Trennung von Willy verfasste, gehören für mich zur besten Literatur jener Zeit. Wer auch nur eine einzige Seite von „Chéri“ liest und ­danach behauptet, das sei keine gute Lite­ratur, sollte sich mal untersuchen lassen.

Wash Westmoreland
1966 im englischen Leeds geboren, ­siedelte Wash Westmoreland nach dem Studium in die USA über und legte 2002 mit „The Fluffer“ sein Kino-Langfilmdebüt vor. Seinen bislang größten Erfolg feierte Westmoreland, der bevorzugt mit seinem verstorbenen Ehemann Richard ­Glatzer als Regieduo auftrat, 2014 mit dem ­Alzheimer-Drama „Still Alice“.
Foto: DCM

So modern und subversiv Colettes Lebensstil war, so traditionell kommt „Colette“ als ­Kostümfilm daher …
Da würde ich widersprechen. Natürlich ging es uns auch um Schönheit und Opulenz, denn das machte die Zeit damals ja auch aus. Aber uns ging es auch um Realis­mus, deswegen hat diese Schönheit ihre Macken. Der Zahnpastafleck, den Colette bei ihrem ersten gesellschaftlichen Event in Paris auf ihrem Kleid hat, steht sinnbildlich für das, was uns vorschwebte. Die Menschen, die wir zeigen, haben echte Körper, sie machen Fehler und auch Flecken. Echte Menschen, die Sex haben, rülpsen und furzen. In den meisten Kostümfilmen wartet man zwei Stunden, bis das Paar sich verlobt. Hier vögeln Colette und Willy schon nach fünf Minuten in der Scheune. Außerdem ist das Ausleben sexueller Lust in „Colette“ nichts, wofür die weibliche Protagonistin bestraft wird, wie sonst so oft. Das wäre ein Verrat an der echten Colette gewesen.

In den Nebenrollen tummeln sich in ­„Colette“ allerlei Schauspieler*innen, die nicht heterosexuell oder nicht cis-gender sind. Das ist nicht nur für einen Kostümfilm ungewöhnlich, oder?
Es wird ja in diesen Tagen viel diskutiert über Diversität, Offenheit und Inklusion, wenn es um die Besetzung von Schauspieler*innen geht. Und ich bin vollen Herzens dafür. Es ist essenziell, dass Kunst die Welt reflektiert, in der wir leben. Gerade Kostümfilme waren bisher eine Bastion der weißen Oberschicht, was aber nicht zwingend die Gesellschaften repräsentierte, aus denen heraus diese Geschichten geboren wurden. Des­wegen war die Casting-Philo­sophie bei „Colette“: Natürlich sollen die Schauspieler*innen spielen, aber lasst uns alle ­mit einschließen. Also spielen nun Trans-Männer Cis-Männer, Trans-Frauen verkörpern Cis-Frauen, eine offen lesbische Schauspielerin spielt heterosexuell, und dunkelhäutige oder asiatisch-­stämmige Darsteller*innen sind in Rollen zu sehen, die historisch gesehen sicherlich weiß ­waren. Ich habe diese Vielseitigkeit bewusst gesucht und finde auch, dass das funktioniert. Colette war eine Regelbrecherin, deswegen fand ich unseren Ansatz hier noch passender.

Sie haben Ihren verstorbenen Mann Richard Glatzer erwähnt, der die Initialzündung zu „Colette“ gegeben hatte. Wie viel von ihm steckt noch im Film?
Sein Witz und seine Klugheit stecken in jeder Minute des Films, schon allein weil fast 90 Prozent des Drehbuchs noch ­seiner ursprünglichen Fassung entsprechen. Er kämpfte die letzten vier Jahre ­seines ­­Lebens gegen seine ALS-Erkrankung. Als wir ­gemeinsam „Still Alice“ ­inszenierten, ­konnte er nur noch über sein iPad kommunizieren und war trotzdem ­jeden Tag am Set. Die Oscar-Verleihung, bei der ­Julianne Moore für unseren Film den Oscar ­gewann, verbrachten wir auf der Intensiv­station. Ein paar Freunde waren dabei und hatten ­Champagner ins Krankenhaus ­geschummelt. Als Julys Name vorgelesen wurde, ­haben wir so laut gejubelt, dass das Pflegepersonal angestürmt kam, weil es ­dachte, es sei etwas passiert. Wir ­wussten, dass Richards Kampf nicht mehr zu ­gewinnen war, aber ich fragte ihn trotzdem, was er als nächstes machen ­wolle. „Colette“ war seine Antwort, die er da nur noch mit dem Fuß tippen konnte. Diese ­Geschichte war sein absolutes Traum­projekt, deswegen habe ich den Film auch für ihn gedreht.

Colette