Die besten Spelunken

Comeback der Eckkneipe

Etliche urige Spelunken sind aus dem Stadtbild verschwunden. Doch das Symbol des alten Berlins lockt jetzt ein junges Publikum an. Die Geschichte eines zweiten Lebens

Text: Elisabeth Wirth
Protokolle: Nicolas Šustr
Fotos: Willem Thomsen

Freitagabend in den Lenau-Stuben. Das Licht ist schummrig und die Luft geschwängert von Zigarettenrauch. Bunte Lichterketten hängen in den Fenstern und von den Decken, aus dem Boden wachsen zwei Bäume, die Stämme sind echt, die Blätter aus Plastik. Auf den Tischen liegen blaue Tischdecken, es gibt einen Billardtisch und Dartscheiben, alle paar Minuten tüdelt ein Spielautomat. Die 108 Jahre Kiez­geschichte sieht man der Neuköllner Eckkneipe nicht an.

Nur echt mit Spitzengardine

Am Tresen aus braunem Furnier sitzen die Stammgäste, am Tisch daneben trinken zwei blonde Backpacker aus Dänemark Schultheiß vom Fass. Seit nachmittags um drei ziehen sie von einer Eckkneipe zur nächsten. „Wir wollen nur die original ­Berliner Kneipen erleben. In unserem Hostel wurde uns gesagt, dass wir dafür am besten nach Neukölln fahren“, sagt einer der ­beiden. „Uns gefällt es, wenn hinter den Fenstern Spitzengardinen hängen. Die ­alten Kneipen sind viel entspannter und ­gemütlicher als die neuen und das Bier ist schön billig.“

Noch vor ein paar Jahren gab es fast an jeder Neuköllner Straßenkreuzung mindes­tens eine Eckkneipe, gehalten haben sich nur wenige – wie die Lenau-Stuben, das Weser­eck oder das Simone’s. Neukölln ist mit dem Eckkneipensterben nicht alleine. 20.000 Eckkneipen hatte Berlin einst, inzwischen sind es weit weniger als die Hälfte. Und doch: Es gibt neues Leben in den alten Kneipen. Einige der verbliebenen Spelunken, Pinten und Kaschemmen erleben einen zweiten Frühling, in Neukölln, aber auch in Kreuzberg, Schöneberg, Wedding – überall dort, wo das Nachtleben brummt.

Arm und sexy

Die Eckkneipe steht für ein authentisches Ausgeherlebnis. Neben abenteuerlustigen Touristen wollen Zugezogene und junge Studenten dieses  Stück des alten Berlins kennenlernen. Mittlerweile sind viele Kneipen auf den Routen von organisierten Kieztouren. Auch als kuriose Feierlocation werden sie genutzt: Seit 2009 findet in wechselnden Kaschemmen zwischen Furniertresen und holzvertäfelten Wänden die Partyreihe „arm & sexy“ statt. Für einen Abend erobern feiernde Twenty-somethings und Mittdreißiger den Laden, kippen Korn und Bier und tanzen zu Elektro oder ­Eurodance.

Die meisten Stammgäste der Eckkneipen haben kein Problem damit, dass ihr zweites Zuhause von den jungen Leuten besucht wird. Nur selten, wenn die Jungen wie ­Invasoren einfallen, sind sie genervt. Meis­tens bleiben sie aber unbeeindruckt am Tresen sitzen und werfen ab und an einen Blick auf das neue Publikum am Nebentisch.

0,4 Liter Bier kosten 1,20 Euro

„Die jungen Leute kommen oft eh erst, wenn meine Stammgäste schon auf dem Weg nach Hause sind“, sagt Helmut Freitag. Seit zwölf Jahren betreibt er, ein Mann um die Fünfzig, die Lenau-Stuben. Tags­über arbeitet er als Außendienstmitarbeiter und vertreibt Autoersatzteile, abends steht er hinterm Tresen. „Es gab Zeiten, da hätte ich die Kneipe ohne meinen Job nicht halten können, da habe ich sogar drauf­gezahlt“, sagt Freitag. Aufschwung und Zuzug aber hätten das Überleben der Kneipe vorerst gesichert. Der Teilzeitwirt freut sich über die neue Mischung im Kiez und in seiner Eckkneipe. „Nur die Benutzung von Aschenbechern müssen die Jungen noch lernen“, sagt er und lacht.

Auch das Simone’s in der Sonnenallee profitiert von den neuen Kiezbewohnern. Dafür musste die Betreiberin Simone Bannemann gar nichts tun. Und das ist wörtlich gemeint: Alles soll bleiben, wie es ist. Das Simone’s, eine richtige Spelunke, gibt es seit über 30 Jahren. Der Tresen ist schon am Nachmittag von einigen biertrinkenden Rentnern bevölkert. Die Stimmung unter den Stammgästen ist ausgelassen, nüchtern ist hier keiner mehr. „Früher“, erzählt eine Dame um die 70, „da habe ich bei Karstadt gearbeitet und abends sind wir mit der Belegschaft immer im Bei Egon eingekehrt. Die Kneipe gibt es aber schon seit Jahren nicht mehr, seitdem gehe ich jeden Tag ins Simone’s.“ 0,4 Liter Bier kosten 1,20 Euro, wechselnde Spirituosen gibt es im täglichen Angebot. „Hier fühlen wir uns wohl“, sagt ein anderer Gast. „Es ist ja auch so preiswert.“

Die Bushaltestelle vor der Tür spült immer neues Publikum an. „Die Jungen, die ­Studenten und die Touristen“, sagt Simone Bannemann, die auch die 23-Stunden-­Pinte Weser­eck betreibt, „kommen zum Vorglühen oder auf einen Absacker.“ Bier und Jägermeister sind die Verkaufsschlager.

Kicker und Kultstatus

Ganz anders läuft es im Schlawinchen in der Schönleinstraße. Hierher kommen sie nicht nur auf einen Absacker. Hier feiern sie die Nächte durch. Wohl keine andere Kneipe in Kreuzberg und Neukölln hat so sehr vom jungen Publikum profitiert wie diese. Der britische Guardian wählte die Kreuzberger Institution 2011 unter die zehn besten Bars der Stadt. Das hatte Konsequenzen: Wer hier auf Stammgäste treffen will, muss tagsüber kommen. Nur ­selten sitzen die auch spät noch bei Bier und Fluppe. Nachts herrscht dann Hochbetrieb: Junge Touristen und Studenten drängen in die kleinen Räume, von deren Decken Instrumente, Schiffe und Holztiere hängen.

Über den Tresen werden im Sekundentakt Bier oder Liköre wie Pfeffi und Waldi geschoben, ein laminiertes Schild weist in mehreren Sprachen darauf hin, man solle keine Getränke auf dem Kicker abstellen. Spätestens mit der ­Erwähnung in Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ hat das Schlawinchen Kultstatus ­erlangt und sich zu vermarkten gewusst. Zum 33. Schnapszahljubiläum wurden T-Shirts ­gefertigt, die man am Tresen erwerben kann. Um den trinkenden Nachwuchs muss man sich hier keine Sorgen ­machen. „Ich bin jetzt nicht so der typische Eckkneipengast“, erzählt eine junge Frau, deren Kumpel seinen Geburtstag hier feiert. „Aber hin und wieder ­finde ich die alten Kneipen schon nett. Man muss sich nicht extra schick ­machen, es ist nicht so laut, man kann sich noch gut unterhalten. Und die Wirte sind freundlich und aufmerksam.“

Die alten und die neuen Zeiten

Auch jüngere Kneipen spielen mit der Sehnsucht nach urberliner Authentizität. So treffen alter Charme und neues Barleben in der Sanderstraße aufeinander: Hinter dem 30 Jahre alten Schild vom „Mittelpunkt Gaststätte“ etwa verbirgt sich keine Eckkneipe mehr, sondern die Bar „The Black Lodge“. Wenn sich vereinzelt alte Gäste in die neue Bar verirren, finden sie sich in einer Twin-Peaks-Kulisse wieder: Der Schachbrettboden und die roten Vorhänge spielen auf die legendäre Serie aus den frühen Neunzigern an. Statt Schultheiß vom Fass gibt es Cocktails und Wein. ­Allein im Raucherraum erinnern Holzvertäfelung, alte Möbel und drei Billard-Queues an der Wand an die alten Zeiten.

Im Schlawinchen erinnert alles an die alten Zeiten. Und an die neuen. Am Tresen sitzt ein hutzeliger Mann mit Weihnachtsmannbart, durch das Band seines Schlapphuts hat jemand neonfarbene Plastikarmreifen gezogen. Lobt man seine kreative Kopfbedeckung, fasst sich der alte Herr verwundert an den Kopf, ertas­tet den bunten Hutschmuck, als hätte er ihn noch nie zuvor bemerkt. Und lächelt.

Kommentiere diesen beitrag