Interview

„Natursehnsucht ist Ausdruck der Krise“

Die Choreografin Constanza Macras über den Mythos Wald und ihre Freiland-Tanzproduktion „Forest: The Nature of Crisis“.

Interview: Friedhelm Teicke und Tobias Schwartz

Constanza Macras: Die 1970 in Buenos Aires geborene Choreografin studierte in New York Tanz und Modedesign. Seit 1995 lebt die Argentinierin in Berlin, wo sie 2003 ihre Tanzkompagnie Dorky Park gründete. Macras inszeniert im In- und Auslan, in Berlin vor allem am HAU und der Schaubühne. 2010 erhielt sie den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ – Foto: Marco Caselli
Constanza Macras: Die 1970 in Buenos Aires geborene Choreografin studierte in New York Tanz und Modedesign. Seit 1995 lebt die Argentinierin in Berlin, wo sie 2003 ihre Tanzkompagnie Dorky Park gründete. Macras inszeniert im In- und Ausland, in Berlin vor allem am HAU und der Schaubühne. 2010 erhielt sie den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ – Foto: Marco Caselli

Frau Macras, Ihr neues Stück nimmt sich einen tiefverwurzelten deutschen Mythos vor: den deutschen Wald. Welche Bedeutung hat er für Sie als Argentinierin? Der Wald ist nicht nur eine deutsche Metapher und ein deutscher Sehnsuchtsort, er hat viel mit der gegenwärtigen Krise zu tun. Das beginnt bei den Bodenschätzen, die man im Wald findet und abbaut und endet beim zivilisatorischen Gegenort, in den sich die Menschen zurückziehen, um aufzuatmen. Und da gibt es natürlich die romantisierende Bewegung auf den Spuren Rousseaus: „Zurück zur Natur.“ Nur leider kann man sich von der Politik und auch von der Wirtschaft nicht frei machen, auch nicht im Wald.

Immerhin finden Magazine wie „Landlust“, die das Bild der Idylle feiern, damit gerade in den Städten eine stetig wachsende Leserschaft. Die „grüne Idee“ steckt mittlerweile in den Menschen. Aber vielleicht hapert es noch mit den Absurditäten, die es teilweise produziert. Nehmen Sie das Beispiel Mülltrennung. Das viele Plastik, das wir konsumieren, kann man nicht mehr recyceln, weil es so viele Arten von Plastik gibt. Da nützt die Mülltrennung nichts, denn am Ende wird alles wieder zusammengeschmissen. Allerdings sind das Probleme von Leuten, denen es sehr gut geht. Leute, die nichts haben, machen sich darüber wenig Gedanken. Die neue Natursehnsucht ist auch ein Ausdruck der Kapitalismuskrise.

Wie unterscheidet sich der argentinische vom deutschen Wald? In Argentinien gibt es vor allem Eukalyptusbäume, in vielen Teilen des Landes wie in den Bergen wurde der Wald nicht abgeholzt. In Deutschland ist der Wald hingegen häufig kultiviert. Eine 600-jährige Eiche findet man hier nicht mehr im Wald, sondern nur in von Menschen gepflegten Landschaften. Die ältes­ten Bäume stehen hierzulande in Parks.

Und die kulturgeschichtliche Bedeutung des Waldes? Da gibt es große Unterschiede. In Deutschland ist der Wald aufgeladen mit Geschichte und Geschichten, allen voran den Märchen. Das gibt es in Argentinien nicht, abgesehen von den Mythen aus der Zeit vor dem Kolonialismus, vor den Konquistadoren, als das Land noch den Indios gehörte.

Sie haben sich bislang in Ihren Arbeiten überwiegend mit urbanen Themen wie Konsumismus, Migration oder Segregation auseinandergesetzt. Wieso jetzt die Wende zur Natur? Ja, stimmt schon, ich bin eher ein urbaner Typ. Entstanden ist die Idee, mit der Natur umzugehen, gar nicht in Deutschland sondern in Wales. Da gab es einen Wald, in den wir Ausflüge gemacht haben und ich war beeindruckt, wie dramatisch die Landschaft sich mit dem Regen, dem Regenbogen, der Sonne verändert, was ganz neue Szenerien erschafft. Bereits damals haben wir ein Tanzprojekt im Wald realisiert, in dem die keltische Mythologie eine große Rolle spielte. Gleichzeitig haben wir sehr moderne, sehr urbane Stoffe und Motive in den Wald gebracht, der ja quasi von selbst den mythologischen Aspekt mitbringt. Die Erfahrung, im Freien zu arbeiten, war überwältigend.

Und jetzt erneut im Müggelwald? Hier setzen wir uns mit den deutschen Märchen auseinander. Es gibt so viele unbekannte Märchen, von denen man nicht mal genau weiß, was sie bedeuten. Und dann gibt es noch das deutsche Kunstlied, das bei uns auch eine große Rolle spielt, der „Erlkönig“…

Schuberts Vertonung des Goethegedichts. Jeder Deutsche kennt diese Geschichte und sie ist sehr unheimlich. Für eine Argentinierin ist es verblüffend, dass eine so finstere Geschichte in der Schule gelehrt wird. Rotkäppchen ist auch so ein Beispiel. Aber für mich ist David Lynchs „Twin Peaks“ noch wichtiger.

Eine US-amerikanische TV-Serie, die Unheimliches hinter der idyllischen Fassade einer Kleinstadt aufzeigt. Das ist das Epos des Waldes im Kontext des Unheimlichen und Unerklärlichen. Und dazu kommt, dass es im Dunkeln besonders unheimlich wird. Die Dunkelheit und die Geräusche des Waldes werden auch in unserer Produktion eine Rolle spielen. „Forest“ beginnt im Hellen und endet bei Dunkelheit.

Sie sind 1995 nach Berlin gezogen, in eine sehr grüne Stadt. Wie hat sich die Stadt verändert? Als ich hergekommen bin, gab es so viele Underground-Aktivitäten. Egal in welcher Bar man gelandet ist, irgendetwas passierte immer. Es gab so viele seltsame Performances. Ich war auf einer Party, da lief einer rum, der wie ein Frosch verkleidet war. Einfach so. Im restlichen Europa habe ich nur gespürt, wie alt alles ist. Berlin war ganz anders, lebendiger, faszinierender. Und alles war offen, voller Freiräume. Nehmen Sie den Potsdamer Platz: Der hatte Charme, als dort noch Baustelle war und überall Kräne standen. Aber heute? Heute gibt es dort Legoland.

Premiere „Forest: The Nature of Crisis“ am 10.8., 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen: 12.-14. und 16.-19.8., 19.30 Uhr, Müggelwald (Treffpunkt um 19 Uhr Waldeingang gegenüber Parkplatz „Rübezahl“, Müggelheimer Damm 143).
Regie/Choreografie: Constanza Macras; mit Louis Becker, Emil Bordás, Ádám Horváth. Eintritt 22, erm. 14 Euro

Kommentiere diesen beitrag