Berlin lieben

»Cooler geht es nicht«

Kino-Redakteur Martin Schwarz genießt das Berliner Leben noch immer – nun vom Stadtrand aus

Foto: privat

1982 Mein vermutlich erster Berlin-Besuch, Anfang der 80er-Jahre. Die tierisch angesagte New-­Wave-Kneipe Café Rizz im Graefekiez nachts um halb zwei, gut gefüllt. In der Bar findet gerade eine Duschvorhang-Ausstellung (!) statt, überall an den Wänden hängen vollgesprayte Plastik-Vorhänge. Auf einem etwa drei mal vier Meter großen Exemplar sind eine Vagina und ein Pimmel abgebildet, darunter steht: „Greifen Sie zu!“. Irgendwann steht einer auf, reißt das Riesen-Teil von der Wand, zerknüllt es, wirft es in eine Ecke und setzt sich wieder hin. Im ganzen Raum: keine Reaktion. „Cooler geht nicht – das ist Berlin!“, denkt sich das schwäbische Landei in mir. Hier nun endlich einmal meine simple These, warum es bis heute so viele Schwaben nach Berlin zieht: weil Stuttgart als Metropole nicht viel hergibt.

Und ausgerechnet ein Adeliger hatte es ja bereits im 18. Jahrhundert auf den Punkt gebracht: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“, sagte Friedrich II. Das war es auch, was ich seit meinem Umzug 1986 immer besonders genossen habe: dieser „Leben und leben lassen“-Spirit überall im damals noch ummauerten West-Berlin. Wobei ich den „Antifaschistischen Schutzwall“ wie viele Zugezogene weniger als Einmauerung denn als Schild wahrnahm: gegen das Spießertum, zum Schutz des einzigartigen Szene-Bioskops.

Und dann war da die Kinolandschaft. Lange „Star Wars“-Nacht im Manhattan – das befand sich im dritten Stock eines Reinickendorfer Einkaufszentrums; rauchend und die Füße auf den Vordersitz schmeißend im noch unrenovierten Moviemento der Kinematografie frönen; mitdiskutieren über Kino mit Leuten wie Stefan Arndt im Sputnik Wedding; „Blade Runner“ gucken bei Onkel Bruno im Schlüter …

Foto: David von Becker

Nach 15 Jahren Neukölln zog es mich dann zum Jahrtausendwechsel an den Stadtrand, erst nach Grünau und jetzt nach Mahlsdorf. Dieser Vorgang bedeutete auch eine Art Frischzellenkur für die Liebe zu Berlin: Das Wichtigste einer Großstadt – die Kultur – weiterhin mit Löffeln zugeführt bekommen und dennoch jeden Abend auf dem Weg raus aus der Hipsterhölle das Gefühl kriegen, in den feierabendlichen Urlaub zu fahren. Wobei mein Urberliner Kollege ja nach wie vor der Ansicht ist, bei mir da draußen möchte er nicht mal „tot überm Zaun hängen“.


Hilft gegen Liebeskummer: Augen Auf!

Sollte die Stadt wieder mal nerven, dann hilft es, die Augen weiter zu öffnen als sonst und die Lebendigkeit Berlins in jedem einzelnen Gesicht abzulesen.

 

Sieben Liebeserklärungen an Berlin