Westbams Club-ABC

D wie Dschungel

Ging man bei Nacht in den frühen Achzigern durch die Nürnberger Strasse, konnte man sicher sein, dass man dort auf Wessitrupps traf, die mit dem 19er Nachtbus angereist waren und jedem, dessem sie habhaft werden konnten, mit breitem Dialekt ihrer Heimat fragten: „Wo gehts denn hier ins Dschungel?“ Nach einem ungeschriebenen Gesetz hatten angesagte Läden in Berlin nie Türschilder, und wenn die Wessis die unauffällige Tür doch erreichten, wurden sie sowieso nicht reingelassen. Die besten von ihnen schafften es noch ein paar Meter weiter ins Cha Cha.
Der Dschungel war für viele die perfekte Disco der New-Wave-Ära, nicht zuletzt wegen des unterkühlten New-Eisdielen-Looks. Bekannt wurde er als Promi-Hangout für David Bowie, Depeche Mode, Mick Jagger und Co.
Hin ging „man“ nur unter der Woche, am Wochenende galt ein Abstecher als uncool, man fürchtete den Fünfer Eintritt und die erhöhte Wessi-Quote. Der Dschungel galt als Tempel des reinen guten Berlin-Geschmacks, auch musikalisch. Das äußerte sich in einer Besonderheit, die ich als DJ niemals wieder gesehen habe: Zwischen DJ-Box und Tanzfläche gab es eine Mauer als Sichtblende, die es dem DJ unmöglich machte, sein Publikum zu sehen.
Damit konnte der keinen Populismen anheim fallen, und es war auch dem Publikum unmöglich, Wünsche zu äußern, bei denen wahrscheinlich sowieso nichts Gescheites rausgekommen wäre. Das führte dazu, dass hier der DJ wirklich sein eigenes Ding durchziehen musste. Als irgendwann der Name des Clubs an der Tür stand, endete die Dschungel-Ära.

 Zeitpunkt des Besuch:  1981-87   
Ort: Nürnberger Straße
Typischer Track:  Tuxedomoon – No Tears (For The Creatures Of The Night)

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