PORTRÄT

Die Bodenständige

Als Winnie in Becketts „Glückliche Tage“ kehrt die ­Ausnahmeschauspielerin Dagmar Manzel  wieder ans DT zurück. Soeben ist auch ihre Autobiografie „Menschenskind“ erschienen

Menschenskind: Dagmar Manzel als Winnie in „Glückliche Tage“ – Foto: Arno Declair

Text: Anna Opel

„Oh, dies ist ein glücklicher Tag. Dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein!“, ruft Winnie aus. Und steckt in einer weiten, versengten Ebene bis über die Hüfte in Erde, in ihrem Grab. Willie, ihr Mann, lebt auf der anderen Seite des Hügels. Sehen kann sie ihn nicht, aber immerhin – er ist noch da. Glück ist eben relativ.

„Glückliche Tage“ stammt aus der Feder des bedeutenden Samuel Beckett. Die immer tiefer im Grab versinkende Winnie bleibt darin munter entschlossen, ihr Dasein schön zu finden. Die tragikomische Rolle wird in der jetzt zur Premiere kommenden Inszenierung  am Deutschen Theater von Dagmar Manzel interpretiert.

Hier war sie von 1983 bis 2001 festes Ensemblemitglied, seitdem arbeitet sie freischaffend. Vor allem als singende Schauspielerin und Muse des Australiers Barry Kosky, unter dessen Intendanz sich die Komische Oper seit 2012 zu einem erstklassigen weltoffenen Musiktheater entwickelt hat, erweitert die Ausnahmeschauspielerin stetig ihr Repertoire, der Schwerpunkt liegt derzeit bei musikalischen Formaten.

Manzel sprengt Schubladen, wechselt mühe­los die Register zwischen Charakterrolle und komischem Fach, widmet sich Schauspiel und Operette mit gleicher Hingabe. Bleibt der wahrhaftigen ­Interpretation ihrer Rollen treu. Schnoddrige Bodenständigkeit und Sensibilität, ein Hauch von Glamour. Als Franken-„Tatort“-Kommissarin Paula Ringelhahn verweigert Manzel den Dienst an der Waffe und erzielt Höchstquoten.

Wenn die Berliner Pflanze an der Seite von Jörg Pose nun unter der Regie von Christian Schwochow Beckett interpretiert, dürfte es tragikomisch werden. In gleichnishaft-­absurden Bildern bringt Beckett in seinen Werken die menschliche Existenz auf die Theaterbühne: das Leben als sinnloses Spiel der Wiederholungen. Gott ist der Spielleiter, der Mensch muss sehen, wie er klarkommt.

Die Konstellation mit Schwochow ist bereits erfolgreich erprobt: der Filmregisseur gab 2013 mit Manzel und Ulrich Matthes in Lot Vekemans „Gift“ sein Theaterdebüt am DT: Für ihre herausragende Leistung darin erhielt Manzel im Jahr darauf prompt den renommierten „Faust“-Theaterpreis.

Dass Manzels glückliche Tage abwechslungsreicher sind als die ihrer Figur Winnie, kann man ihrer soeben erschienenen „Autobiographie in Gesprächen mit Knut Elstermann“ entnehmen (Aufbau Verlag). Im Ton manchmal allzu privat, erfährt man viel über Manzels Arbeit, ihren künstlerischen Werdegang zwischen Theater und Film, die stetige Erweiterung ihres Repertoires und über Künstler, die sie geprägt haben. Und auch über ihre Nahbarkeit als Mensch.

Unter dem ­Titel „Menschenskind“, nach einem Lied des Komponisten Friedrich Hollaender, erzählt die 1958 in Ost-Berlin geborene Künstlerin von glücklichen Kindertagen, ihrer originellen Bewerbung an der Schauspielschule und den Stationen ihrer Karriere zwischen Ost und West.

Zeitgeschichte wird lebendig, wenn ­Manzel vom 9. November 1989 berichtet. Im Kino International wurde gerade die Filmpremiere von „Coming Out“ gefeiert, dem berühmten Film von Heiner Carow, in dem Manzel die verlassene Ehefrau spielte – als unverhofft die Berliner Mauer fiel. Glück­liche Tage.

„Glückliche Tage“: 22.4. (Premiere), 23.+28.4., 3.5., 20 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Christian Schwochow, mit Dagmar Manzel, Jörg Pose. Eintritt 12–48, erm. 9 €

Dagmar Manzel: „Menschenskind. Eine Autobiographie in Gesprächen mit Knut Elstermann“, 239 Seiten, Aufbau Verlag, 19,95 €

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