Kommentar

Danke, Lollapalooza!

Genug gemeckert übers durchkommerzialisierte Festival Lollapalooza. Wer am Wochenende vor Ort im Treptower Park war, erlebte Konsens in seiner besten Form

Eine von vier Bühnen beim Lollapalooza 2016
Eine von vier Bühnen beim Lollapalooza 2016
Lollapalooza und das Ende des Generationenkonflikts
Lollapalooza und das Ende des Generationenkonflikts

Festival-Klassiker: das EinhornFestival-Klassiker: das Einhorn

Jedes Mal, wenn in Berlin etwas Neues geplant wird, ist ein beträchtlicher Teil der Bewohner dagegen. Ob Flughafen, Autobahn oder eben auch beim eher harmlosen Thema Musikfestival. Was gab es zuletzt für Diskussionen rund um das senatsfinanzierte Pop-Kultur Festival: Brauchen wir das überhaupt, soll unser gutes Steuergeld in die Förderung einer Kultur fließen, die ohnehin in Berlin bestens aufgestellt ist und wird so nicht der freie Wettbewerb verzerrt, weil ja die privatwirtschaftlichen Konzertveranstalter ins Hintertreffen geraten?Gute Frage, komisch nur, dass es beim rein privaten Lollapalooza ungleich mehr Diskussion gab, gerade weil es ja so furchtbar kommerziell sei. Nicht nur kam hier ein amerikanischer Großkonzertveranstalter ins Spiel, der – oh Schreck – mit dem Festival Geld verdienen will, nein, er drängt sich auch noch in das, was dem Berliner am heiligsten ist, seinen Park. Anwohner und sonst wie besorgte Bürger liefen Sturm, klagten und organisierten sich lautstark. Letztlich ohne Erfolg, aber immerhin mit der Zusage, dass das Festival niemals wieder im Treptower Park stattfinden wird. Es liegt zwar die Vermutung nahe, dass die Schäden der Grünanlagen eher minimal sind, angesichts der 140.000 Menschen, die an zwei Tagen über die Wiesen rollten, aber das wird den Festivalkritiker wohl nicht besänftigen. Hier reibt sich der profitorientierte Kulturimperialismus am bürgerlichen Naturideal.

Doch wer beim Lollapalooza vor Ort war, und gerade die Gegner hätten es sein können, hat ihnen der Veranstalter Ausweichquartiere, Geld und eben auch Freikarten als Entschädigung für die Ruhestörung angeboten. Wer also da war, hat ein äußerst gut organisiertes, braves und geradezu bürgerliches Fest der Jugend erlebt. Der Müll landete Großteils in den dafür vorgesehenen Mülltonnen, niemand kletterte über die Zäune, selbst Alkohol und andere rauscherzeugende Substanzen wurden nicht über die erträglichen Maße hinaus konsumiert.

Gute Laune, wenig Müll, ausverkauft

An zwei sonnigen Tagen schlenderten hübsch angezogene Menschen über die staubtrockenen Wiesen, aßen Pizza, Burger, Fischbrötchen und vegane Spezialitäten, klatschten sich goldenen Glitter ins Gesicht und ließen einhornförmige Luftballon in die Luft steigen. So viel Party muss sein, schließlich leben wir doch in der aufregendsten Stadt der Welt, oder behaupten das ganz gerne. Langeweile und Stille gibt es auch woanders, in Braunschweig oder Brandenburg zum Beispiel. Und die Frage, ob Berlin so ein Festival überhaupt benötigt, dürfte sich nach den zwei Tagen erübrigt haben, denn sie wurde an der Kasse beantwortet. Lollapalooza war ausverkauft.

Es war ein internationales Festival, mit Popmusik aus aller Welt, und zugleich auch eins für Berlin, wo gleichermaßen Altrocker aus Reinickendorf, Marzahner Technoveteranen und Schöneberger Jungfamilien etwas für sich rausholen konnten. Gerade die Kinder wurden hier vorbildlich eingebunden und bekamen nicht nur ein eigenes Programm geboten, auch schien es, dass die Eltern-Kind-Generationskonflikte im 21. Jahrhundert nicht mehr oder zumindest anders greifen. Wenn popaffine Väter dem Konzept der „ewigen Jugend“ verpflichtet, ihren Nachwuchs zu Auftritten von Tocotronic oder den Beginnern schleppen, dann wird hier popkulturell ein Staffelstab weitergereicht. Früher ging Vater mit Sohnemann ins Stadion, heute zum Popkonzert. Gut so.

Natürlich gibt es auch andere Großveranstaltungen, bei denen Berlin zusammenkommen kann und viele davon, Fanmeile, Silvester am Brandenburger Tor usw., kosten nicht einmal Geld, dennoch passt so ein (kommerzielles) Festival am Ende durchaus ganz gut in das kulturelle Gefüge dieser Stadt. Der Park wird sich in einigen Wochen komplett erholt haben und die Treptower Nachbarn bekommen ihre wohlverdiente Ruhe. Wem Menschenmassen nicht geheuer sind, oder wer lieber Bach und Beethoven lauscht, der geht nicht hin.

So geht es also um Freiheit und eigene Entscheidungen und das, was man als urbanes Individuum erdulden muss und sollte. Wir sollten nicht vergessen, dass wir Großstädter sind. Lärm, Chaos, Menschenmassen, Verkehr und Stress, aber eben auch ausgelassene Partys gehören zu einem urbanen Lebensentwurf dazu. Das gilt für Großfestivals wie Lollapalooza ebenso wie für illegale Raves an der Spree, Straßenfeste, die mal länger gehen, die organisch gewachsene Clubkultur oder die spontane Party auf dem Hinterhof. Statt diese Dinge zu ertragen oder sie zu bekämpfen, sollten wir lernen mit ihnen zu leben. Oder einfach gleich mittanzen.