Was mich beschäftigt

Darf ich Herbst liken?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen.
Dieses Mal: ZITTY-Redakteurin Claudia Wahjudi

Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Nur Nacken und Schulter sind noch steif nach dem letzten Aufbäumen der Hitze, als der nass geschwitzte Oberkörper auf dem Rad in den Fahrtwind geriet. Doch das ist Kleinkram, verglichen mit den schlaflosen Nächten und losen Nerven in den Wochen zuvor. Herr, dieser Sommer war zuletzt so megalomanisch groß, wie ihn Rilke gar nicht hätte erdichten können. Juli im Juni, Juni im August, August im September. Aber jetzt ist Herbst.
Als er begann, flatterten über Twitter Fotos herein von buntem Laub und Nebelfeldern. Obwohl auf dem Dienstaccount unterwegs, habe ich die Aufnahmen sofort gelikt. Herbst ist schön. In der schräg scheinenden Sonne leuchten die letzten Malven und Zaunwinden. Die geöffneten Fenster lassen Frischluft herein. Wir können in Ruhe arbeiten. Der frühe Schlaf ist tief und fest.

Der Sommer wäre nicht ganz so schlimm gewesen, wenn wir unsere Arbeit an das neue Wetter angepasst hätten. Haben wir aber nicht. Die Siesta ist in Deutschland nicht eingeführt worden. Im Gegenteil, so berichten die Zeitungen, halten Spanier und Italiener seltener die Mittagspause ein. Am Computer habe ich herumgetippt, bis die Nachmittagshitze ihn abstürzen ließ. Und bei 30 Grad noch nach Sonnenuntergang saß ich in einem Theatersaal, um ein Podium zu moderieren. An das, was wir da besprochen haben, erinnere ich mich kaum, wohl aber an die Schweißtropfen auf den Stirnen, an Autos, die vor dem offenen Fenster lärmten, und die Bühnenscheinwerfer, die uns zusätzlich einheizten. Fein, dass auch niemand aus dem Publikum ohnmächtig ­wurde.

Foto: Jesko Sander
Foto: Jesko Sander

Wenn das so weitergeht, wird das nichts mit der stetigen Steigerung unserer Lebenserwartung.  Hitze lässt Milch schnell sauer werden, fördert Fliegen sowie Infektionen und schwächt Menschen mit protestantischem Arbeitsethos. Dennoch es gibt so etwas wie ein Diktat der Meinung, knallende Sommersonne sei großartig, ausgesprochen gern von Mitwartenden vor dem Aufzug oder am Kaffeeautomaten: tolles Wetter, nicht wahr, da brauchen wir gar nicht nach Italien, oder aber: hach, bald ist es vorbei mit den schönen Tagen. Sogar der öffentlich-rechtliche Wetterbericht erheischt diesen Konsens. Während im Tagesschau-Kasten mit den Hintergrundinfos steht, dieser Sommer sei erneut der wärmste seit soundsoviel Jahren gewesen, bedauert der TV-Meteorologe, dass die Temperaturen an einem Septemberwochenende keine 25 Grad erreichen. Ja, was. Hurra, zum Glück nicht! Es ist Herbst. Jetzt werfen wir uns ein Jäckchen über und fahren die Ernte ein.
Sammeln Pilze, schlachten Kürbisse. Wandern, paddeln ohne Sonnenbrand oder lassen Drachen fliegen. Mosten Apfelsaft. Spucken saure Sanddornbeeren aus. Lernen die Brandenburger Sitte des „Abgrillens“ kennen. Entdecken die Sauna wieder. Ziehen die Mütze in die Stirn und stemmen uns gegen den Wind. Laden Freunde zum Brettspiel ein. Beginnen an langen Abenden Romane, die wir nie fertig schreiben. Dürfen rund um Volkstrauer-, Buß- und Bettag melancholisch sein, ohne dafür gedisst zu werden. Und kalte Finsternis frischt unsere Wertschätzung für Licht, Wärme und die Anwesenheit unserer Nächsten auf.

Liken wir ihn. Noch ist der Herbst richtig Herbst. Der Winter wird sicher wieder keiner.

Weiße Weste am blauen Meer

Ich Baugruppen-Hochstapler