Was mich beschäftigt:

Darf ich Vinyl doof finden?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY–Autoren große und kleine -Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Jacek Slaski

Jacek SlaskiFoto: Harry Schnittger
Jacek Slaski
Foto: Harry Schnittger

Ich kaufe kein Vinyl mehr. Keine Schallplatten also und CDs sowieso schon lange nicht. Ich streame. „Na und?“, werden Sie sich denken, es ist kein großes Problem und wenn, dann ein etwas schräges. Ist es aber nicht unser Konsumverhalten, das uns als modernen Menschen definiert? Sind es nicht die Entscheidungen, ob wir fair und nachhaltig Kleidung und Lebensmittel kaufen, ob wir mit dem Billigflieger oder der Bahn in Urlaub fahren oder vom eigenen PKW auf Fahrrad und Carsharing umsteigen? Frei nach dem Motto: Sag mir, wie du konsumierst, und ich sage dir wer du bist.

Die Hipster in Neukölln und anderswo, junge Menschen also und Vertreter der im Prinzip einzigen neu entstandenen Jugendkultur dieses Jahrtausends, zeichnen sich vor allem dadurch aus, was, wo und wie sie irgendetwas konsumieren. Fahrräder, Jutebeutel, Sonnenbrillen oder doppelt geröstete Kaffeesorten. Konsum ist ein Politikum und auch Kultur wird konsumiert. Durch unsere Vorlieben, Verfeinerungen und Versessenheiten bringen wir uns in eine Art kulturelles Koordinatensystem und treffen damit eine Aussage über unsere Persönlichkeit.

Beispiel Vinyl. Als ich jung war, also 16 oder 17, begann ich Schallplatten zu kaufen. Obskures, seltsames und seltenes Zeug. Diese Leidenschaft teilte ich ein gutes Jahrzehnt lang mit Freunden, andere lernte ich dadurch kennen, ich war ein Sammler und legte Platten in Berliner Bars wie Konrad Tönz, Astrobar oder Habermeyer auf. Ich liebte diese Jagd nach Musik, die Cover und das Knistern, auch im Urlaub machte ich weiter. Einmal in Kalifornien hatte ich im Auto immer eine Kühlbox im Kofferraum, die für Platten reserviert war. Sie sollten darin vor der Sonne geschützt werden, Vinyl verformt sich nämlich, wenn es heiß wird.

Fotostrecke Hi-Fi-Anzeigen aus den Berliner Stadtmagazinen

Bilder

Das ist alles vorbei. Nun könnte man sagen, das waren Jugendsünden, ich werde ja demnächst 40. Doch Musik höre ich immer noch, bin aber bequem geworden. Ich streame jetzt alles von meinem iPad auf die guten Teufel-Lautsprecher. Mir ist der Qualitätsverlust egal, die Verfügbarkeit und Einfachheit sind überzeugend. Der Austausch mit anderen Musikfans wird irrelevant und durch einen Algorithmus ersetzt, ein Stück meiner Identität ist verloren. Das mag ein Privatproblem sein, aber es geht nicht nur um mich.

Tue ich nicht auch den Musikern unrecht, ist diese digitale Abkürzung nicht auch Nachlässigkeit und Ignoranz? Immer wieder liest man von den Witzbeträgen, die selbst große Bands wie Radiohead oder Massive Attack von Plattformen wie Spotify als Tantiemen für die abgespielten Streams ihrer Stücke bekommen. An kleine Bands mag man da gar nicht denken oder die Labels und Plattenhändler, die ums Geschäft gebracht werden. Unter ethisch fragwürdigen Umständen ist so ein Stück meiner Lebenskultur verschwunden, der ich nachtrauere aber bewusst nicht mehr nachgehe. Vielleicht sind es normale Merkmale des Älter- und Erwachsenwerdens, was die Sache noch schlimmer machen würde. Es ist ein Dilemma.

Am 16. April ist jedenfalls der Record Store Day, an dem Tag wird das Vinyl in vielen Plattenläden rund um die Welt, auch in Berlin, mit Konzerten und Sonderveröffentlichungen gefeiert. Ich habe mir vorgenommen, an dem Tag aus dem Haus zu gehen und mein Konsumverhalten zu überdenken.

Am Sa 16.4. ist Record Store Day. Alle Veranstaltungen auf www.recordstoredaygermany.de