Die Legende lebt

Das Berghain feiert im Dezember seinen 10. Geburtstag

Die Feierlichkeiten beginnen schon jetzt. Unser Autor ist seit der Eröffnung regelmäßiger Gast. Der Hype hat ihn zwischenzeitlich angekotzt, aber was soll’s: Er liebt diesen Club
Text: Ulf Lippitz

Ich gestehe: Mit diesem Text breche ich ein Versprechen. Ich wollte nie wieder über das Berghain schreiben. Nicht, weil ich den Club hasse, sondern weil ich ihn liebe. Und über eine Sache, zu der man eine gewisse Befangenheit entwickelt, sollte man eigentlich nicht schreiben.
Es gab aber noch einen anderen Grund: die vielen schlimmen und schlechten Texte, die in anderen Medien über den Club veröffentlicht wurden. Das waren in der Mehrzahl voyeuristische Beobachtungen, sie waren, wie wir in der Branche so sagen, „abgelaicht“ – spießige Artikel, in denen nur nach Drogen, Sex und gerissenen Kondomen gesucht wurde.
Warum wieder über das Berghain schreiben? Weil ein Jubiläum ansteht. Zehn Jahre Feierkultur am Ostbahnhof, zehn Jahre lange Garderobenschlangen, zehn Jahre null Ahnung, wann man zu Hause sein wird. Wasserduschen, Drogenklümpchen, T-Shirt-Bündel, hipp, hipp, hurra!


 

Mann gefunden

Es war die Nacht vom 27. auf den 28. Oktober 2007, als ich beim Tanzen im Berghain von einem nicht enden wollenden Augenkontakt gefesselt war. Nicolas war aus Paris gekommen, um erstmals für ein paar Tage ganz allein ein Stückchen dieser Welt zu erkunden. Da Franzosen, wie ich heute weiß, das Flirten wesentlich kürzer halten, sprach mich Nicolas an, wir gingen in eine etwas ruhigere Berghain-Ecke ein Bier trinken und wechselten die ersten vollständigen Sätze – auf Englisch. Eine weitere Stunde später war es um mich geschehen. Ich schenkte Nico mein Lederarmband, das ich seit Jahren täglich trug. Dann tanzten wir den Rest der Nacht gemeinsam,  gingen in sein Hotel, wachten gemeinsam auf, frühstückten und verabredeten uns für den Abend. Es folgte eine weitere gemeinsame Nacht und dann ging der Flieger nach Paris. Es war fürchterlich. So fürchterlich, dass Nico sein gesamtes gespartes Geld ausgab und vier Tage später wieder nach Berlin geflogen kam, für eine ganze unglaubliche Woche. Es folgten ein Jahr Fernbeziehung zwischen Berlin und Paris und ein weiteres Jahr gemeinsam in Paris. 2009 zogen wir dann in unsere Stadt der Liebe, nach Berlin. Vor zwei Jahren heirateten wir – auf Deutsch. Im Verlobungsring steht für immer als Beweis: Berghain * Paris * Berlin. Tom, 45


 

Ades Zabel, fotografiert von Joe Metzroth

Freiheit wie nirgendwo sonst

Im Berghain passieren ja ständig die verrücktesten Sachen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Einmal hat jemand im Kostüm von Bibo aus der Sesamstraße mitgefeiert, einmal hat jemand Cola-, Fanta-, Sprite-Aufkleber auf drei Wasserhähne im Klo geklebt. Ein junges Mädchen hat sich mal zu mir gestellt und gemeint: „Ich kann gar nicht mehr richtig fokussieren.“ Daraufhin ist sie umgefallen und eingeschlafen. Mit am schönsten war ein Gothic-Pärchen, das eigentlich gar nicht in den Laden gepasst hat, aber sich schnell gemeinsam auf der Tanzfläche wälzte. Es ist einfach schön, dass es einen Ort gibt, wo die Menschen so viel Freiheit haben, wie fast nirgendwo sonst. Ades Zabel, 50


Und dazwischen tauchen hübsche Bilder auf: Wie die Popsängerin Florrie mal auf der Kanzel der Panorama Bar sang, wie Plattenauflegerin Steffi zu flotten Italo-Rhythmen lächelte, Pet Shop Boy Neil Tennant einen Prosecco schlürfte, und, ich glaube, Elektro-Unterhalter ND Baum­ecker sich nicht für eine „Voyage, voyage“-Reminiszenz zu schade war. Ich „glaube“, denn „wissen“ wäre ein falsches Wort. Niemand weiß etwas im Berghain – das ist ein Ort, um an etwas zu glauben, sich zu fühlen und andere zu erahnen.

Ich erinnere mich sehr gut an die Eröffnung des Berghain. An einem kalten Dezemberabend stießen wir von einer Weihnachtsfeier dazu, zum ersten Mal stand ich vor diesem Klotz von Kraftwerk, sehr skeptisch, wie die Macher wohl diesen Kas­ten je füllen konnten. Wie sie dem auch schon legendären Ostgut, das zwei Jahre zuvor schließen musste, weil dort die O2-Arena gebaut werden sollte, gerecht werden konnten. Schon damals war die Schlange lang, aber ausgesiebt wurde meines Wissens niemand. Es gab noch nicht so viele Touristen in der Stadt.


 

Gourmet-Latrine

Als ich den Raum betrete, stehen die Toilettengänger merkwürdig verteilt: fünf Mann links, eine große Lücke, einer einsam rechts. Ich denke mir nichts Böses und stelle mich in die Lücke. Wasser marsch! Ich nehme Bewegung von rechts wahr. Der Einsame nähert sich seitwärts. Irritiert stelle ich fest, dass er nicht pinkelt. Neben mir angekommen, fährt er seine Hand aus, jedoch nicht genau in meine Richtung. Offenbar hat er es nicht auf mich abgesehen, sondern lediglich auf das, weswegen wir beide hier sind: meinen Urin. Seine Augen fest auf den goldenen Bogen zwischen mir und dem gebürsteten Edelstahl fixiert, beugt er sich vor. Kurz bevor er seine Hand in den Strahl tauchen kann, klemme ich ab. Er greift ins Leere. Irritiert schaut er zu mir auf. Ich schüttele bloß mit dem Kopf. Seine großen Augen schauen mich enttäuscht an. Dann dreht er sich um. Mittlerweile hat sich jemand rechts von uns an der Rinne postiert… „Das ist mir letztens auch passiert!!!“, sagt mein Freund Fred, als ich ihm die Geschichte erzähle. „Bei mir hat er die Hand aber unter den Strahl bekommen…“ „Und dann?“, frage ich neugierig. „Dann hat er seine Hand abgeleckt und gesagt: Du hast heute keine Drogen genommen!“ Mathias, 28


In den ersten zwei, drei Jahren sprach sich der Name noch nicht in der gemeinen Masse herum. Sehr gut habe ich ein Konzert im Postbahnhof vor Augen – einem Gebäude, das vielleicht 200 Meter Luftlinie entfernt liegt. Ich schätze mal, das war 2006. Ein verirrter junger Mann fragte den Türsteher, wo das Berghain sei. Der bullige Kerl ließ den Namen noch einmal auf seiner Zunge zergehen. „Bäääärgheeeeim?“ Es sah aus, als würde er auf einem drei Tage alten Stück Pizza herumkauen. Den Namen hatte er noch nie gehört. Er meinte, das könne kein toller Club sein, wenn er, der Türsteher im Postbahnhof, an der Geschmackspforte zu Indie-Schmalz und Pop­rock, ihn nicht kennen würde. Selten so gelacht.Was mich sofort begeisterte: die luftige Höhe. Anfang des neuen Jahrtausends gab es noch viele Clubs, die klein, fein und niedrig gebaut waren. Die Lokale duckten sich, als wollten sie nicht aus der Masse hervorstechen. Das Mittelmaß aber war nichts für das Berghain. Hier gingen die Menschen nach oben, um zu tanzen, eine breite Freitreppe entlang, auf den Dancefloor, der einmal nicht im Keller, sondern in der ersten oder – wie die Panorama Bar – sogar in der zweiten Etage lag.


Sven Marquardt, fotografiert von Ole Westermann

Tolerante Tür

Ein früher Samstagmorgen im Sommer 2008. Wir stehen zu siebt vorm Berghain, teilen uns in zwei Gruppen auf. Erste Gruppe: Klopf, klopf. Ein Türsteher öffnet. „Ihr vier?“ „Jepp!“ „Viel Spaß!“ Nächs-te Gruppe. „Ihr drei?“ „Jepp!“ „Keine Chance!“ Tür zu. Lange Gesichter. Zweiter Versuch: Klopf, klopf. „Ihr drei?“ „Jepp!“ „Was an ‚Keine Chance!‘ habt ihr nicht verstanden?“ „‚Nicht verstanden‘ ist das Stichwort. Ganz großes Missverständnis das alles…“ Jetzt sehe ich Sven Marquardt einige Meter hinter dem Türmann an die Wand gelehnt. Ich rufe: „Hey Sven!“ Keine Reaktion. „Dein Kollege hier will uns nicht reinlassen. Was soll das denn? Ist doch sonst nie ein Problem gewesen!“ Was absolut gelogen ist. Sven steht da wie ein Buddha, verzieht keine Miene, aber der Türsteher ist irritiert. Türsteher zu Sven: „Kennst du die etwa? Kommen die rein?“ Sven total undurchsichtig: „Ich sag’ da gar nichts zu…“ Womit wiederum der Türmann offensichtlich nichts anzufangen weiß. Meine Gelegenheit witternd mache ich jetzt wie selbstverständlich einen Schritt am Türsteher vorbei durch die für einen kurzen Moment ungedeckte Tür, nicke Sven dankend zu und lächle den Türsteher freundlich an: „Siehste? Großes Missverständnis!“ Der Türsteher dreht sich – zögernd, ob er mich direkt an Ort und Stelle oder doch lieber vor der Tür zu Kleinholz verarbeiten soll – noch einmal zu Sven um, um sicherzugehen, was hier passiert. Als Sven in Gelächter ausbricht, winke ich meinen zwei Freunden zu, dass sie sofort reinkommen sollen. Malte, 31

Ich weiß nicht, wie es passierte, ob wirklich Easyjet, Internetforen und Magazintexte daran mitwirkten, dass es im Berghain jedes Wochenende voller wurde, der Menschen-Zickzack davor auch noch um sechs Uhr morgens irre lang war und die Partys plötzlich am Montag aufhörten. Der Legende hat es jedenfalls nicht geschadet, dass nebenbei ziemlich gute Musik ge­spielt wurde – Buller-Techno auf dem großen Floor, verspielter Elektro-Kram oben.
Eines hatten die Macher aus der Anfangszeit des Techno übernommen: die Ablehnung des Starkults. Konsequent verweigerten sie sich Interviewanfragen, die Musik sollte für sich sprechen. Wenn dabei ein DJ zum Liebling der Szene aufstieg, ließ man es geschehen, ohne die Verbindung zum Berghain wie eine Fackel vor sich her zu tragen. Boris, Nick Höppner, Steffi, ND Baumecker, Prosumer und so weiter und so fort. Alles Musikversteher, die nie dem Kommerz verfielen, darauf achteten, dieses kleine Pflänzchen Underground, aus dem sie stammten, nicht zu zertrampeln.
Doch wie sehr Underground kann etwas sein, das in der „New York Times“ 2011 so beschrieben wurde: „Das Berghain ist für Fans elektronischer Musik, was Bayreuth für Wagnerianer bedeutet“? Dass sich jemand jenseits des Atlantiks für ein umgebautes Kraftwerk nahe der ehemaligen Sektorengrenze interessierte, lag an der Internationalisierung Berlins. Die Jugendlichen der (westlichen) Welt zog es scharenweise in die Stadt und an die Pforten des Berghain.


Das Berghain, fotografiert von Jolanda Roskosch

Job gefunden

Wir sind am Sonntagmittag in den Berghain-Biergarten gegangen, um uns zu erholen. Dort kamen wir mit einer anderen Gruppe ins Gespräch. Eine Person, die ich sehr sympathisch fand, wirkte unentspannt. Der Grund: Ein Bewerbungsgespräch am nächsten Tag. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich in der Personalabteilung einer großen Autofirma arbeite. Ich erkundigte mich nach seinem Studium und danach, wo er das Gespräch habe. Und welch Zufall: Es war bei der Firma, für die ich arbeite. Ach ja: Er bekam den Job. Paula, 34


Berghain, fotografiert von Soany Guigand

Urlaub im Club

Unser Flieger in den Urlaub ging um sieben Uhr früh in Schönefeld. Im Berghain legte einer unserer Lieblings-DJs auf. Also entschieden wir, mit gepackten Koffern in den  Club zu gehen und direkt zum Flughafen zu fahren. Die Türsteher ließen uns mit dem Gepäck rein. Statt die Koffer durchsuchen zu lassen, mussten wir sie unter Aufsicht direkt an der Garderobe abgeben. Lustig waren die Kommentare, als wir das Berghain wieder verließen. Frei nach dem Motto: Wie viel Zeit habt ihr denn dort verbracht? Michi, 32

Ja ja, jetzt kommen wieder die Dauerbrenner Sex und Drogen. Ich kann nur sagen: Gibt’s beides. Es ist eine Mär, dass ein Besuch zum Geschlechtsverkehr verpflichtet und Drogen offiziell erlaubt sind. Das Drogenverbot setzen die Angestellten, in diesem Fall die Türsteher, auch durch. Eine Besucherin beschwerte sich vor fünf Jahren in einem Leserbrief an die zitty, dass ihr am Eingang von den Türstehern die Drogen weggenommen wurden. Und ich sehe noch diesen ziemlich verdatterten Jüngling vor mir, der neben der Panorama Bar steht, seine Pülverchen und Pillen fallen ihm förmlich aus den Hosentaschen – und er kann es nicht fassen, dass ein Türsteher ihm die Substanzen wegnimmt.Mit dem Club hatte die Stadt einen von Weltgeltung – und einen, der an den Techno-Boom der Wendezeit anschloss. Er atmete Berlin. Dank des konsequenten Fokus auf die Musik, der rauen Ästhetik des Ladens und nicht zuletzt der bedingungslosen Freiheit, die jedem zuteilwurde, der durch diese Wundertür eintrat. Überhaupt, so eine kleine Tür, so ein großer Traum.

Wer zu Hause kein Sofa zur Hauptstraße hat, aber unbedingt dieses Gefühl von Unter-den-Menschen-sein braucht, um Sex zu haben, bitte, viel Vergnügen im Darkroom oder wo auch immer sie oder er an die Wand genagelt werden möchte.


Foto: Benjamin Pritzkuleit

Im Darkroom

Ich stehe im Darkroom, eine Frau liegt vor mir, wir sind beschäftigt. Von hinten kommt ein Paar Hände und streichelt mich. Fühlt sich ganz gut an, ich lass’ es mir gefallen. Männchen oder Weibchen? Egal. So lange, bis die Hände immer zudringlicher werden, die Frau vor mir etwas verstört über meine Schulter schaut und ich mich doch mal umdrehe. Ich gucke direkt in ein Dekolleté, gefühlte Meter weiter oben sitzt der Kopf einer imposanten Dragqueen. Sie ist schön, aber sieht aus, als könnte sie mich mit dem kleinen Finger zerdrücken. Sie schaut milde lächelnd auf mich hinab, ich flüchte. Dave, 28


Ich merke schon, ich sollte mal wieder ins Berghain gehen. Da sehe ich sie wieder, die verschwitzten Mädchen, die auf der Toilette quatschen, quatschen und wie wild auf imaginären Bissen kauen, die Männer mit ihren hinternfreien Hosen, die sich wie prächtige Pfauen fühlen. Ich rieche den schweren süßlichen Poppers-Duft, den kalten Rauch auf der Treppe und höre von Ferne ein Italo-Disco-Sample anrauschen. Selbst wenn ich mal sechs Monate nicht da war, weiß ich: Der Club lässt mich nicht im Stich.