Freier Wille auf der Flucht

Das Berliner Netzwerk Tante Barbara hilft Polinnen bei der Abtreibung

Wenn Polinnen eine Schwangerschaft beenden ­wollen, suchen sie oft Hilfe in Berlin – bedroht von der zunehmend rigiden Gesetzgebung in der Heimat.  Das Berliner Netzwerk Tante Barbara hilft ihnenSie hätte ihre Tochter sein können: Die erste polnische Frau, die Dorota* im November 2017 zu einem Schwangerschaftsabbruch in einem Berliner Krankenhaus begleitete, war 19 Jahre alt. „Mit ihrer eigenen Mutter konnte sie nicht darüber sprechen“, sagt Dorota. Lässig sitzt sie in einem polnischen Café in Mitte, ihr Blick ist eindringlich. Mit einem Seufzen streicht sie sich durch die Haare. „Sie hatte Angst, bevor sie in Berlin ankam, weil sie nicht wusste, was sie erwartet. Sie dachte, sie landet in irgendeinem Loch. Sie war dann ganz überrascht, als die Leute bei der Beratungsstelle sie anlächelten, freundlich zu ihr waren und sie nicht angeschrien haben.“

Auch in Berlin gingen Tausende gegen die geplante Verschärfung des polnischen Abtreibungsgesetzes auf die Straße
Foto: Oliver Feldhaus

Schwangerschaftsabbruch ist ein großes Tabu in Polen. Rigide Sexualmoral und fehlende Aufklärung führen zu einer rigorosen Haltung in Sachen Schwangerschaftsabbruch. Die regierende PiS und die katholische Kirche haben eine klar ablehnende Haltung dazu. Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden wollen, stoßen auf wenig Unterstützung.

Dorota erinnert sich noch an eine andere Frau, die genauso überrascht war, wie freundlich die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus waren. In einer E-Mail bedankte sie sich für die freundliche Behandlung und Dorotas Hilfe. „Sie schrieb so herzlich, dass ich angefangen habe, zu weinen“, sagt Dorota. Sie ist noch heute beeindruckt, wie reif ihre Entscheidung wirkte: „Sie wusste, dass es um ihr eigenes Leben geht und niemand sonst diese Entscheidung für sie treffen kann.“ Die Frau hätte bereits eine fünfjährige Tochter gehabt, die sie in einem kleinen Dorf in Schlesien allein erzieht. „Sie wusste, dass sie als Selbstständige und Alleinerziehende nicht in der Lage ist, Zeit und Geld für ein zweites Kind aufzubringen.“ Vom Vater ihrer Tochter hatte sie sich getrennt – die Gefühle fehlten. „Ihre Eltern wollten, dass sie ihn trotzdem heiratet. Die sind streng religiös“, sagt Dorota. Deswegen weiß niemand aus ihrem Dorf, dass sie erneut schwanger war und erst recht nicht, dass sie nach Berlin fuhr, um abzutreiben.

Dorota unterstützt das informelle Berliner Netzwerk „Ciocia Basia“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie ­„Tante Barbara“. Die Aktivistinnen von Tante Barbara helfen polnischen Frauen, ungewollte Schwangerschaften in Berlin zu beenden, indem sie Beratungstermine machen oder ihnen eine Bleibe für den Aufenthalt in Berlin vermitteln. Wenn die Frauen kein Geld für die Anreise oder die Abtreibung selbst haben, bringt Tante Barbara es auf. 340 Euro kostet eine medikamentöse Abtreibung, 470 Euro der operative Eingriff. Ungefähr einmal am Tag klingelt das Netzwerk-Handy, etwa einmal pro Woche kommt es tatsächlich zu einer Abtreibung, Tendenz steigend. Das Geld für die Schwangerschaftsabbrüche und Anfahrten sammelt Tante Barbara mit Spenden und Solipartys. Alles geht an die Frauen, während die Mitglieder von Tante Barbara ihre Arbeit umsonst machen, neben ihren eigentlichen Jobs. „Wir sind alle ein bisschen am Limit. Wir können den Frauen ja nicht sagen, wir kümmern uns in drei Monaten darum, wenn weniger los ist“, sagt Meggi von Tante Barbara.

Seit 2015 ist Tante Barbara im Einsatz, inspiriert von ähnlichen Gruppen in Kenia und England. Deutsche und polnische Aktivistinnen beschlossen damals gemeinsam, die Gruppe zu gründen, als Reaktion auf die Situation der Frauen im Nachbarland.

Heimlicher Ausflug nach Berlin

Ist sich eine Frau sicher, dass sie abtreiben will, geben die Aktivistinnen ihre Nummer an Dorota weiter. Sie spricht mit den Frauen, beruhigt sie und versichert ihnen, dass sie bei allen Terminen dabei sein und übersetzen wird. „Die Frauen möchten ihre eigene Sprache hören, wenn sie nach dem operativen Eingriff aufwachen“, sagt ­Dorota. Und möglichst schnell wieder zurück nach Polen, damit niemand etwas merkt. Sehr oft kämen die Frauen alleine, nur ganz selten seien der Partner, Freunde oder Familienmitglieder dabei.

Das einzige Familienmitglied, das Dorota während ihrer Arbeit für Tante Barbara einmal getroffen hat, war ein schwuler Cousin der Frau. „Der war sowieso das schwarze Schaf der Familie, so ist das ja oft in Polen. Der durfte das dann wissen. Aber meistens weiß niemand aus der Familie, was die Frau an dem Tag vorhat. Manche tarnen den Besuch im Krankenhaus als Tagesausflug nach Berlin.“

Dorota ist immer wieder beeindruckt, wenn die Frauen sich nach der Abtreibung alleine in den Fernbus setzen oder eine Mitfahrgelegenheit nehmen. Meggi von Ciocia Basia dagegen findet, dass eine Abtreibung nicht immer das „große Drama im Leben“ sein muss: „Ich versuche das nicht unbedingt als was Krasses zu sehen, sondern als etwas Legitimes, das nicht begründet werden muss. Jede ungewollt schwangere Person hat das Recht dazu.“

Die Protestierenden trugen schwarz, um ihre Trauer über die Beschneidung der Frauenrechte zu zeigen
Foto: Oliver Feldhaus

Meggi solidarisierte sich im Herbst 2016 mit den polnischen Frauen, als ein Gesetzesentwurf von der Bürgerinitiative „Stop Abtreibung“ als Petition ins Parlament gebracht wurde, der das Abtreibungsgesetz noch weiter verschärfen sollte. Nur wenn ihr Leben bedroht wäre, sollten Frauen abtreiben dürfen. Bei allen anderen Abbrüchen sah der Entwurf bis zu fünf Jahre Haft für die Frau vor, auch nach Vergewaltigungen. Zehntausende gingen dagegen unter dem Motto „Schwarzer Protest“ in Polen auf die Straße, Tausende in Berlin. Fast alle trugen schwarz – als Symbol für ihre Trauer über die Beschneidung der Rechte von Frauen, aber auch als Symbol des Widerstands. „Mein Körper, meine Entscheidung“ stand auf den Plakaten der Demonstrantinnen an der Warschauer Brücke oder „Wir können nicht glauben, dass wir immer noch gegen diese Scheiße protestieren müssen.“

Die Aktivistinnen von Tante Barbara hielten Reden und vernetzten sich mit anderen feministischen Organisationen. Es war der Tag, an dem Meggi die anderen von Tante Barbara kennenlernte. Den Entschluss, wirklich aktiv zu werden, fasste sie aber an der Uni, in Frankfurt/Oder, wo Polen nur ein paar hundert Meter entfernt ist. „Auf der anderen Seite des Flusses haben Frauen kein Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich bei Tante Barbara angefangen habe“, sagt sie. Manchmal verteilt sie Flyer in der Grenzstadt. „Wir werden bekannter in Polen“, sagt Meggi. „Feministische Organisationen wissen von uns und es spricht sich rum, dass wir helfen.“

Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas, nach dem „Ja“ der Iren zu einem liberaleren Abtreibungsgesetz am 25. Mai ist nur Malta noch restriktiver. Das war nicht immer so. Zu Zeiten des Sozialismus waren Abtreibungen leicht zugänglich. „Damals hat niemand Abtreibungen thematisiert. Aber Ärzte haben Schwangerschaftsabbrüche eingeleitet, wenn sich Frauen dazu entschieden hatten. Da war klar: Das ist deren Entscheidung“, sagt Dorota. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus aber gewann gleichzeitig die Kirche an Einfluss und übernahm Aufgaben, um die sich der Staat nicht mehr kümmern konnte. „Als Gegenleistung für ihre Rolle im Umbruch hatte die Kirche dann großen Einfluss auf die Politik“, sagt Meggi. Deswegen sind Abtreibungen in Polen seit 1993 nur in drei Ausnahmefällen erlaubt: Nach Vergewaltigungen, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist und wenn der Embryo schwere Missbildungen hat.

Der konservativen PiS-Regierung ist auch dieses Gesetz zu liberal. Wenn es nach Ministerpräsident Andrzej Duda und seinem neuen Vorstoß vom März 2018 ginge, dürften auch Frauen mit schwer missgebildeten, nicht überlebensfähigen Embryos nicht mehr abtreiben. Wieder gingen Frauen in Polen und Berlin dagegen auf die Straße. Und wieder hielten die Aktivistinnen von Tante Barbara Reden auf der Warschauer Brücke und machten einen Spendenaufruf, um die Abtreibungen der Frauen zu finanzieren.

Doch schon jetzt haben Frauen, die legal abtreiben wollen, Probleme, einen Arzt zu finden, der die Abtreibung durchführt. In manchen Gegenden gibt es kein einziges Krankenhaus, das dazu bereit ist. Die Grundlage dafür schafft die Gewissensklausel im Abtreibungsgesetz, die es Ärzten erlaubt, legale Abtreibungen aus Gewissensgründen zu verweigern. Vor zwei Jahren bestätigte außerdem das Verfassungsgericht, dass kein Arzt verpflichtet ist, Informationen über legale Abtreibungen herauszugeben.

Auf der anderen Seite gibt es die Ärzte, die grundsätzlich Abtreibungen durchführen würden, es aber aus Angst nicht tun. Zwar können die Frauen selbst nicht für die Abtreibung bestraft werden, wohl aber jeder, der ihnen dabei hilft. Helfer müssen mit einer Gefängnisstrafe zwischen sechs Monaten und acht Jahren rechnen. „Ärzte werden kriminalisiert, wenn sie Abtreibungen vornehmen“, sagt Krystyna ­Kacpura, Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation „Föderation für Frauen und Familienplanung“. Oft untersucht der nationale Gesundheitsdienst, ob die Abtreibung legal war, also ob das Leben der Mutter wirklich bedroht oder das Kind tatsächlich nicht lebensfähig war.“ In anderen Fällen zögerten Ärzte die Untersuchungen und Vorbereitungen mutwillig hinaus, bis es zu spät sei, sagt Kacpura. Oder sie seien nicht ehrlich in Bezug auf die Gesundheit des Fötus.
Nach Angaben der Regierung haben 1.054 Polinnen im Jahr 2016 abgetrieben. Die Föderation für Frauen und Familienplanung aber schätzt, dass die tatsächliche Zahl der Abtreibungen zwischen 80.000 und 150.000 liegt. ­

Einige bestellen sich Abtreibungspillen im Internet. So wie Nat, die unter diesem Pseudonym ihre Erfahrungen auf der polnischen Website „Ich habe abgetrieben“ mit anderen Frauen teilt. Ohne ärztliche Aufsicht schluckte sie die Medikamente, wenig später wurde sie von Krämpfen geschüttelt. „Ich konnte meinen Körper nicht kontrollieren, der Schmerz wurde unerträglich. Ich lag auf dem Bett und mein Freund streichelte meinen Kopf. Das Paracetamol gegen die Schmerzen kotzte ich sofort wieder aus. Zum Glück hatte ich den Tag über nur Wassermelone gegessen. Das hat es erträglicher gemacht.“ Trotzdem sagt sie: „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen.“ Im Gegensatz zu Nat hatte die Userin Kasia keine Unterstützung von ihrem Freund. Niemand wusste von der Abtreibung, ihrer Familie traute sie es sich nicht zu sagen. Heute schreibt sie: „Der polnische Staat bürdet den Frauen mit den illegalen Abtreibungen unglaubliche Angst auf. Das macht mich krank.“ Und: „Als Mutter von zwei Kindern weiß ich: Eine Frau zu zwingen, ihr Kind auszutragen, ist Folter.“

Katholische Indoktrination

Die Userin Agnieszka hingegen entschied sich gegen Abtreibungspillen aus dem Internet und fuhr nach Prenzlau in eine deutsche Klinik nah an der polnischen Grenze. ­Agnieszka hatte keinen Job, keine Unterstützung, keinen festen Freund. Der potenzielle Vater lebte im Ausland, auch er wollte das Kind nicht. „Der Arzt in Prenzlau war polnisch. Im Wartezimmer saßen ungefähr zwanzig Frauen. Alle polnisch. Die Atmosphäre war entspannt, keiner verurteilte mich, es gab keine Probleme. Nach ein paar Stunden war ich wieder auf dem Weg nach Warschau.“ Vier Jahre ist es nun her, dass Agnieszka nach Deutschland kam, um abzutreiben. Bereut hat sie es keinen einzigen Tag.

Der Arzt, zu dem Agnieszka vor vier Jahren fuhr, um ihre Schwangerschaft abzubrechen, heißt Janusz ­Rudzinski und leitet die gynäkologische Abteilung an der Klinik Prenzlau. Viele polnische Krankenhäuser hätten wegen der Gesetzeslage Bedenken, den Frauen zu helfen, sagt er. Und: „Es gibt auch Fälle, in denen Verwandte Ärzte bei den Behörden denunzieren.“ 20 bis 25 polnische Frauen kommen jede Woche zu ihm, um abzutreiben. Komplikationen gab es nach seiner Aussage seit vielen Jahren nicht.

Ärzte in Polen nutzen die Gewissensklausel nicht nur, um Abtreibungen zu verweigern, sondern auch, wenn es um Verhütungsmittel geht. „Es ist schwer geworden, an Verhütungsmittel oder die Pille danach zu kommen“, sagt ­Krystyna Kacpura. „Gleichzeitig gibt es keinen Sexualkunde­unterricht an polnischen Schulen.“ Stattdessen steht „Erziehung zum Leben in der Familie“ auf dem Stundenplan. „Nicht mehr als katholische Indoktrination ist das“, sagt Kacpura.

Wer an Tante Barbara spenden möchte, kann das auf www.gofundme.com/tantebarbara tun.
*Name geändert

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