Mit und ohne Hammer

Mehr. Größer. Schöner

Das Charlottenburger Auktionshaus Grisebach expandiert ganz analog, doch Online-Konkurrenz erwächst auch aus Berlin

Zu ihren Herbstauktionen Ende November eröffnet die Villa Grisebach einen neuen Ausstellungs­saal: zwei Häuser weiter in der Fasanenstraße 27. Künftig stehen hier 500 Quadratmeter für Kunst ab 1960 bereit. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Daniel von Schacky, Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst. Bereits im Mai holte das Haus Michael Neff, der zuvor das Berliner Gallery Weekend dirigierte, als Experten für zeitgenössische Malerei an Bord. „Klassische Moderne und Impressionismus waren in den vergangenen Jahren das umsatzreichste Segment. Das ändert sich“, sagt von Schacky.

Zu den Frühjahrs­auktionen 2014 wurden nach Angaben des Hauses 1.650 Lose eingereicht, so viele wie nie zuvor. Der Umsatz betrug 18,5 Millionen Euro. Das ist nicht schlecht für ein mittelständisches Auktions­haus, 1986 in West-Berlin gegründet, hätte aber mehr sein können. Michael Neff soll nun Sammler jüngerer deutscher Kunst davon überzeugen, ihre zum Verkauf stehenden Werke nicht nach London oder New York zu bringen. Rekordpreise seien auch in Berlin möglich.

Das Interesse am Zeitgenössischen hat Gründe: Die besten Stücke der Klassischen Moderne sind fest in Museen und Privat­sammlungen verankert. Entsprechend schwierig ist es, auf diesem Feld noch eine neue Sammlung aufzubauen. Zudem ist das Gros der Käufer zwischen 40 und 60 Jahren alt und sucht nach Werken aus seiner Zeit. So werden im Herbst bei Grise­bach auch Gemälde von Daniel Richter, Neo Rauch und Prints von Thomas Demand versteigert, noch traditionell mit Vorbesichtigung und Auktionator.

Doch Berlin ist auch ein Standort für Online-Auktionen. Die Artnet AG mit Sitz in Kreuzberg, die ihr Geld vor allem mit einer Kunstpreisdatenbank verdient, zählte zu den Pionieren. Bereits 1999 versteigerte das Unternehmen Kunst übers Internet, verlor Millionen damit und stieg erst 2008 wieder in diesen Sektor ein, der immer noch Probleme macht, auch wenn der Tefaf-Kunstmarktbericht 2014 aus Maastricht dem globalen Online-Kunsthandel ein saftiges Jahreswachstum von 25 Prozent voraussagt. „Wenn wir die Auktionen mal nicht nur als Ballast in den Büchern stehen haben, dann werden sich die Zahlen sehr gut entwickeln“, sagte Artnet-Vorstand Jacob Pabst laut „Handels­blatt“ im Sommer.

Neuer Konkurrent ist das 2012 in Berlin gegründete Start-up Auctionata, in das unter anderem ein russischer Investor und Holtzbrinck Ventures Millionen investiert haben. Versteigerungen können dort online live miterlebt werden: Gemälde, Skulpturen, Antiquitäten und Uhren kommen wöchentlich unter den Hammer. Seit Neuem gibt es eine Kooperation mit der Foto-Editionsgalerie Lumas. Da geht dann an einem Freitagabend ein Print von David Hamilton für 3.600 Euro an eine Berliner Bieterin, die sich ein Duell mit einem Interessenten aus den Arabischen Emiraten geliefert hat. Doch im Schnitt geht die Hälfte der Lose unverkauft zurück. „Es sieht so aus, als könnten die Online-Versteigerer noch keine nennenswerten Umsätze erzielen“, meint von Schacky von Grisebach. „Ab einem gewissen Preisbereich möchten die Käufer die Kunst vorher sehen.“

Von den traditionellen Auktionshäusern ist offensichtlich nur das global operierende Christie’s aus London mit Online-only-Auktionen erfolgreich. Die Umsätze betrugen 2013 rund 15 Millionen Euro. Der Konkurrent Sotheby’s hat eine neue Kooperation mit eBay angestoßen. Amazon startete den Onlinekanal Amazon Art. „Wir beobachten das genau und denken darüber nach, wie wir online einsteigen können“, sagt von Schacky. Auch wenn Online-Kunstauktionen eher im unteren Preissegment angesiedelt sind, bescheren sie Auktionshäusern doch neue Bieter aus allen Ecken der Welt.

26.-29.11.: Herbstauktionen Villa Grisebach. Vorbesichtigungen: 21.-25.11., Fr-Mo 10-18 Uhr, Di 10-17 Uhr, Fasanenstr. 25, 27 und 73, Charlottenburg, www.villa-grisebach.de