CTM Festival

Das Ding auf der Schwelle

Das Festival CTM für abenteuerliche Musik begeht seine 21. Ausgabe unter der Überschrift „Liminal“. Geboten werden diverse Zwischenstadien von avancierten Clubklängen bis zu Neuer Musik. Die Musik der Klangkünstlerin Jessica Ekomane verkörpert diese Mischung besonders pointiert.

Als Jessica Ekomane vor zehn Jahren nach Berlin kam, wollte sie bloß Kunstgeschichte studieren. Dann hat die Clubmusik es ihr angetan. So kann’s gehen.
Foto: Camille Blake

Musik kann sehr viele Zwecke erfüllen. Sie kann unerwünschte Geräusche überdecken, bestimmte Botschaften mit Tönen unterstreichen oder einfach gepflegt unterhalten. Oft kann sie das alles auf einmal. In der Regel herrscht dabei die Vorstellung, dass die Musiker*innen gleich einem Dienstleister das erforderliche Material bereitstellen, um bei den Hörern eine von diesen gewollte Reaktionen hervorzurufen.

Das Programm Amplify Berlin fördert Musiker*innen und Projekte aus der Stadt. Einige davon sind am 1.2., 23 Uhr im SchwuZ zu erleben, darunter die armenisch-irakische Musikerin und DJ Jessika Khazrik wie auch die norwegische Klangkünstlerin Grinderteeth (Foto).
Foto: Grinderteeth

Manche Musiker*innen gehen an das, was sie tun, jedoch mit völlig anderen Überlegungen heran. Dass man etwaige Erwartungen unterläuft, ist darunter eine gar nicht mal so seltene Vorgehensweise. Ungewöhnlicher ist jedoch der Ansatz, eine Musik zu machen, die zum Teil überhaupt erst in den Ohren des Publikums entsteht. Die Klangkünstlerin Jessica Ekomane, die bei der 21. Ausgabe des Festivals CTM spielt (HAU 2, 26.1.), tut genau das in ihren Stücken.

Jessica Ekomane arbeitet bevorzugt mit quadrophonischem Klang, also vier Lautsprechern: „Den Klang im Raum zu platzieren, ist dabei ein wichtiger Aspekt der Komposition.“ Statt wie viele ihrer Kollegen diese Klänge im Raum hin und her zu bewegen, schickt sie durch jeden einzelnen Lautsprecher jeweils andere elektronische Klänge, die dann statisch bleiben, das heißt, sie verschieben sich nicht von einem Lautsprecher zum anderen. „Sie bewegen sich nicht. Doch da sich ihre Beziehung untereinander manchmal ändert, hat man den Eindruck, dass sie dies tun. Die Wahrnehmung des Hörers ist daher Teil der erzeugten Musik“, so Ekomane. Besonders deutlich ist dies bei dem von ihr verwendeten Effekt der „Differenztöne“: Hier entstehen allein durch die Kombination zweier Frequenzen weitere Töne im Ohr der Hörer. Oder aber man bewegt sich beim Zuhören zwischen Boxen hin und her und verändert so die Verhältnisse der Klänge untereinander.

Der Berliner Elektronik-Ethnologe Ghazi Barakat mischt Sounds von nordafrikanischer Perkussion bis zu Nachrichten aus Nahost. Zusammen mit dem Videokünstler Dani Gal stellt er am 30.1., 19.30 Uhr, im HAU 2 das Projekt „Altered State Solution“ vor.
Foto: Dani Gal & Ghazi Barakat

Jessica Ekomane sieht diese Art des Musikmachens als Fortsetzung ihrer Arbeit mit Klanginstallationen, in denen es, anders als in der Musik sonst, weniger um die Entwicklung von Ereignissen in der Zeit geht. „Es geht mehr um die Situation, darum, den Raum um einen herum wahrzunehmen, ebenso wie den Ort, an dem man ist. Als Publikum ist man so vielleicht etwas aktiver, wenn ein Teil der Musik in den eigenen Ohren erzeugt wird.“

Die gerade mit einem Golden Globe prämierte Isländerin Hildur Guðnadóttir begann mit Cello-Drones. Heute schreibt sie Soundtracks für Hollywood und Serien wie „Chernobyl“. Mit Field-Recording-Nestor Chris Watson kombiniert sie am 29.1., 20 Uhr, in der Betonhalle Instrumente und Kraftwerk-Klänge.
Foto: Rune Kongsgro

Die in Frankreich geborene Jessica Ekomane lebt seit zehn Jahren in Berlin. Als sie in die Stadt kam, wollte sie eigentlich bloß ihren Abschluss in Kunstgeschichte machen. Sie war dann aber so fasziniert von der elektronischen Musik, die sie hier näher kennenlernte, dass sie beschloss, selbst zu musizieren. Statt Kunstgeschichte studierte sie fortan an der Universität der Künste Sound Studies, später Generative Kunst.

Ekomanes minimalistische Computerkompositionen, in denen sie gern ein streng begrenztes Tonmaterial durch Verschiebungen im Millisekundenabstand einsetzt, um aus Wiederholungen sich ständig wandelnde Gebilde hervorzubringen, passt von ihrer Ästhetik her bestens in das Programm des CTM, das dieses Jahr unter der Überschrift „Liminal“ steht. Schwellenzonen sind das, Übergangsphasen von einem Stadium in ein anderes – wie der Wechsel von der Kindheit zur Jugend. Und zwischen den Grenzen von „ernster“ akademischer und körperlicherer Subkulturenmusik bewegt sich das CTM seit jeher.

Von außen mag diese Zusammenkunft von internationalen Klangtüftlerinnen wie Maria Thereza Alves und Lucrecia Dalt, die im Botanischen Garten mit einer Klanginstallation vertreten sind (24.1.–2.2.), Clubinnovatorinnen wie der Produzentin Afrodeutsche (Berghain, 25.1.) oder Größen der klassischen Avantgarde wie die Komponistin Ashley Fure (Berghain 28.1.) wie eine leicht elitäre Veranstaltung anmuten. Ekomane selbst hingegen ist alles andere als elitär. Für sie ist schon ihre Position als Künstlerin keinesfalls selbstverständlich. Denn sie ist nicht mit der Kunstwelt, zu der sie heute gehört, aufgewachsen, sondern stammt aus der Arbeiterklasse. „Viele Leute streben vermutlich ein Umfeld an, das ihrem eigenen sozialen Umfeld entspricht. Man übernimmt von seinem Umfeld oder seiner Klasse dann auch Verhaltensweisen. Ich habe mich allerdings immer zu Dingen hingezogen gefühlt, die nicht Teil meiner eigenen Herkunft sind. Daher wollte ich aus solchen Mustern immer ausbrechen.“

Diese Reflexion bestimmt zugleich Ekomanes Selbstverständnis als Komponistin. Wenn sie von anderen Vertretern ihres Fachs spricht, nennt sie diese Komponisten, als gehöre sie gar nicht dazu: „In Europa ist der Begriff des Komponisten ziemlich hermetisch. Das ist ein Mann von einem bestimmten Alter, der an ganz bestimmten Musikhochschulen einen Abschluss gemacht haben muss.“ Andererseits hat sie nichts dagegen, den Begriff offener zu fassen, schließlich sieht sie auch eine Musikerin wie die HipHop-Sängerin Missy Elliott als Komponistin an. „Bei Pop-Musik mögen die Elemente zwar einfach sein, doch dahinter stehen viel Wissen und Bezüge zu obskureren Dingen. Wenn man so etwas kann, ist man genauso Komponist.“

Die in ihrer Offenheit recht ähnliche Erfahrung, dass man in Berlin ein Neue- Musik-Publikum bei Konzerten im Club Berghain neben Clubgänger*innen oder dem CTM-Umfeld antreffen konnte, war für Ekomane denn auch prägend: Orte und Gewohnheiten aus ihrem üblichen Kontext zu holen, um so neue Begegnungen zu ermöglichen. Das mag inzwischen kein grundstürzend neuer Ansatz sein. Doch hilft es, sich hin und wieder in Erinnerung zu rufen, dass solche sozialen Räume erst einmal geschaffen werden mussten und ihr Fortbestehen nicht von sich aus gegeben ist. Schlusswort Ekomane: „Wir können von Glück sagen, dass wir mit dem CTM so eine große Plattform für Musik haben, die nicht von allen gemocht wird.“

Auch künstlerisch hat das CTM einiges zu bieten. So zeigen die Veranstalter im Kunstraum Kreuzberg mit „Interstitial Spaces“ eine Ausstellung über Zwischenräume.