VORFREUDE

Das Drama eines Kritikers

Das Duo metzner&schüchner inszeniert im Theater unterm Dach ­
den Monolog „Der Theaterkritiker“ des Berliner Dramatikers und
Ex-Kritikers Tobias Schwartz

Text: Anna Opel

Das Theater braucht Kritik, um seinen Hori­zont zu reflektieren. Wie kritisch das Verhältnis zwischen Kritik und Kunst sein kann, zeigte sich, als der Schauspieler Thomas Lawinky dem bekannten Frankfurter Kritiker Gerhard Stadelmaier im ­Februar 2006 während einer Vorstellung seinen Schreibblock entriss und den aus dem Saal Flüchtenden anschließend wüst ­beschimpfte.

Der Kritiker ist, auch wegen der Macht seines Wortes, im Theater oft gefürchtet. Aktuell wird im Onlineportal nachtkritik.de über Qualitätseinbrüche in der Kunst der beschreibenden Argumentation debattiert: Die Gepflogenheiten der digitalen Welt infizieren den Printbereich und führen zur Simplifizierung von Sichtweisen und zu sprachlicher Verrohung, heißt es da.

Christoph Schüchner spielt einen (sich) in Selbstüberschätzung gefallen(d)en Theaterkritiker – Foto: metzner&schüchner

Ein guter Zeitpunkt also, um die umstrittene Figur des Theaterkritikers zu würdigen. Und das natürlich in seinem ureigenen Medium, der Theaterkunst, in der sich Literatur und Darstellung idealerweise zum Sinnbild verbinden.

„Der Theaterkritiker“ ist der Titel eines Monologes, in dem der Berliner Autor Tobias Schwartz das Drama des begabten Mannes erforscht. Schwartz hat den Zugang des intimen Kenners, früher war er selbst Rezensent, auch für dieses Stadtmagazin, vor ein paar Jahren hat er die Seite gewechselt und schreibt nicht mehr über sondern für das Theater.

Das deutsch-österreichische Produktionsduo metzner&schüchner bringt den „Theaterkritiker“ nun im Theater unterm Dach zur Uraufführung. Auf den erwähnten Skandal wird angespielt, auch auf Kritikerpersönlichkeiten der Berliner Szene. Doch das Anekdotische reizt die Regisseurin ­Mareile Metzner weniger. Sie interessiert sich für die allgemeingültigen Fragen, die der Text aufwirft: „Was machen wir am Theater eigentlich? Unter welchen Umständen weist diese archaische Kunstform über sich hinaus?“

Die Faszination am Medium Thea­ter wird in ihrer Inszenierung gefeiert, das Spiel mit Licht und Verwandlung, mit den so einfachen, aber wirkungsvollen Theatermitteln. Schauspieler Christoph Schüchner ist als vampirische Nachtgestalt und als Wiedergänger inszeniert, der nicht aufhören kann, zu formulieren.„Mir geht es um den durchaus liebevollen Blick auf einen Menschen, der den falschen Weg gegangen ist“, erklärt Metzner.

Nach einem blamablen Rauswurf von der Premierenfeier hat der Kritiker sich selbst entleibt und befindet sich nun in einer Art Vorhölle. Eine ambivalente Figur, die von der Kraft der anderen gelebt hat. Immerhin reflektiert der Protagonist sein Drama. „Der Theaterkritiker“ gewährt sowohl Einblicke in die verletzte Seele einer hochmütigen Kreatur wie auch ins Innere der Egomaschine Theater. Ohne einander können sie halt nicht. Auf dass Theater und Kritik niemals vergessen, was sie aneinander haben.

17.5. (Premiere), 18., 24. + 25.5., 20 Uhr, Theater unterm Dach, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, Regie: Mareile Metzner, mit Christoph Schüchner. Eintritt 12, erm. 8 €

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