Ganz viel Herzblut

Das Eiszeit-Kino schließt

Heute schließt das Eiszeit-Kino in Kreuzberg nach 37 Jahren im Kiez. Ein Rückblick auf stürmische und aufmüpfige Zeiten

Während Berlin 1990 im heißen, ersten gemeinsamen Sommer seit Maueröffnung verschmolz, ging die Crew des ­Kreuzberger Eiszeit-Kinos ungerührt ihrer Arbeit nach. Den Mauerfall vom 9. November 1989 hatte das Kino bereits auf seine ­Weise ­gefeiert: Als die ersten Nachrichten durchsickerten, lief im Kino gerade der Anarchostreifen „Themroc“. Die eine Hälfte des ­Publikums verließ den Saal und ging zur Grenze, die andere nach Film­ende in Kreuzberger Pinten, um ins Bier zu weinen – ­wissend, dass nichts mehr so bleiben würde, wie es war.

Im Juli 1990 zeigte das Kino den sagenumwobenen Hongkong-Fantasyfilm „A Chinese Ghost Story“ als deutsche Premiere, eine 35mm-Filmkopie mit englischen Untertiteln, ­hatte man sich eigens aus England besorgt, parallel dazu lief eine Retro mit Filmen von John Waters. Das Kino platzte aus allen Nähten, neben Hongkong-Filmfreunden und Waters-Fans kam noch das Fußballpublikum hinzu, denn nebenbei hatte das Eiszeit damals auch das Public-Viewing von Sportübertragungen im Kino erfunden und zeigte die Fußball-WM auf großer Leinwand. Dieser Juli 1990 steht exemplarisch für den komplett anar­chischen Do-It-Yourself-Ansatz, mit dem das Eiszeit monatlich sein Filmprogramm zusammenbastelte: einfach drauf los, erfinderisch und frech, nach Lust und Laune und Vorlieben.

Andreas Döhler im Eiszeit Kino
Andreas Döhler
Der ZITTY-Filmautor (auf dem Foto ca. 1988 im Eiszeit) war von 1988 bis 2004 im Eiszeit aktiv und übernahm dann die Leitung des Central in Mitte – Foto: Privat

Ständige Veränderung als Motor war bereits in den Anfängen 1981 als Hausbesetzer-Kino in der Schöneberger Blumen­thalstraße der Antrieb. „Unversöhnliche Erinnerungen“, ein Dokumentarfilm über den spanischen Bürgerkrieg, war der allererste Film, der gezeigt wurde. Das Eiszeit war Teil der Bewegung „Lichtspiele im Untergrund“, über die 1982 Alfred Holighaus im tip eine tolle Reportage schrieb. Spielstätten wie das Regenbogen-Kino, Anschlag, D.P.A., Ufer-Palast, Filmriß, GIB 8 und Koki-Lichtblick traten mit einem programmatischen ­Anspruch gegen die bereits etablierten Off-Kinos West-Berlins an, denen vorgeworfen wurde, durch „diktatorisches ­Gebaren und reines Finanzdenken die Bedürfnisse des ­Zuschauers nicht mehr zu befriedigen“. Eine neue Kinokultur von ­unten müsse gebildet werden! Im September 1983 wurde die ­Blumenthalstraße inklusive Eiszeit-Kino polizeilich geräumt; Asyl fand man im Frontkino in der Kreuzberger Waldemarstraße – bis das Eiszeit dann im August 1985 seine Neueröffnung in der Zeughofstraße 20 feiern konnte.

Der wilde Ritt durch die Künste, der dort dann für vier, fünf Jahre abgeliefert wurde, blieb unübertroffen: Filme, ­Konzerte, Performances, Theater, Lesungen, Ausstellungen im rasanten Wechsel – alles wurde ausprobiert, alles war möglich. Mehr als nur ein Kino wurde das Eiszeit zu einer der Kult(ur)stätten des West-Berliner Undergrounds und feierte sich 1987 selbst in dem dokumentarisch-experimentellen Spielfilm „Die Kinder der Konfettimaschine“.

Super, das Super 8

Die Geschichte des Eiszeit-Kinos ist auch eine Geschichte der Filmformate. Von unten organisiert, begann es mit Filmvorführungen auf Super 8 und 16mm, recht frühzeitig kam ein – in meiner Erinnerung – gigantischer Videoprojektor hinzu, durch den das Kino zu einer Spielwiese aller möglichen, manchmal mehr, manchmal weniger talentierten Filmemacher wurde. Interfilm, inzwischen eines der weltweit bekanntesten Kurzfilm- Festivals, ist so aus dem Eiszeit heraus entstanden. Es dauerte bis zum März 1990, ehe der erste „normale“ 35mm-Film auf die Leinwand projiziert wurde. Das Eiszeit wurde langsam zu einem „richtigen“ Kino, blieb sich aber trotz beginnender Etablierung immer in einem treu: Monat für Monat ein leidenschaftliches, mit Herzblut zusammengestelltes Filmprogramm abzuliefern, immer neugierig, immer offen. Aber gerne auch eine Spur chaotischer, als man es so im regulären Kinobetrieb gewohnt war, etwa mit falsch zusammengeklebten Filmakten. Wobei auch die Diskussion der Zuschauer untereinander kein Ergebnis brachte, wie denn nun die richtige Reihenfolge der Filmrollen sein könnte, also lief „Hotel New Hampshire“ einfach „falsch“ weiter.

Es gäbe noch viel mehr Geschichten zum Eiszeit zu erzählen, auch über politische Korrektheit und unschöne Auseinandersetzungen, die etwa zum Überfall durch ein pseudofeministisches Rollkommando wegen der Vorführung eines Lydia-Lunch-Films führten, oder die absurde Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen den Autor dieser Zeilen, weil die Vorführung einer Doku über einen Neonazi jemandem nicht ­passte. Nun ist das Eiszeit Geschichte. Das ist traurig. Ein großer Dank geht an Heinz, Jürgen, Peter, Bernd, Doro, Andreas, Wolf, Henk, Ulrike, Suzan, Hans, Wolferl, die es über so eine lange Zeit am Leben gehalten haben. Eiszeit, ruhe in Frieden – oder besser: Feiere eines schönen Tages deine Wiederauferstehung!

 

Heute um 19.30 ist die Letzte Vorstellung mit anschließender Closing Party!
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