KONTROVERSES GASTSPIEL

Zwischen Jubel und Zensur

Das Ballhaus Naunynstraße bringt mit „O Evangelho Segundo Jesus, Rainha do Céu“ ein in Brasilien ebenso gefeiertes wie heftig bekämpftes Stück zur Europapremiere­

Text: Friedhelm Teicke

Politikum: ­Renata ­Carvalho in dem in Brasilien heftig umkämpften Stück über einen transsexuellen Jesus. Das Ballhaus Naunyn­straße zeigt es in portugiesischer Sprache mit Übertitelung –
Foto: Ligia Jardim

Dass sich kürzlich im Karneval mit Annegret Kramp-Karrenbauer die Vorsitzende der Volkspartei CDU über „Toiletten für das ­dritte Geschlecht“ und „Gender-Gesetzgebungen“ lustig machte, zeigt, dass Inter­sexualität und Queerness zwar in Metro­polen wie Berlin geradezu zum Symbol für eine offene, tolerante und bunte Gesellschaft geworden sind, aber dass diese Aufgeschlossenheit noch längst nicht überall gilt. Stattdessen bestimmen Diskriminierung und Ausgrenzung weiter den Mainstream.

In einer ­tendenziell homophoben Gesellschaft wie Brasilien – zumal unter der ­neuen rechtspopulistischen Regierung des Präsidenten Jair Bolsonaro, der von sich sagt, er sei homophob und stolz darauf – kann eine Abweichung von der propagierten hetero­sexuellen Norm gar tödlich enden. Die Verfolgung bis hin zur Ermordung von queer, trans-, homo- und intersexuellen Menschen ist eine ­traurige Realität im Tropenland.

Die hinterhältige Ermordung der schwarzen Stadträtin und linken LGBTI-Aktivistin ­Marielle ­Franco vor einem Jahr in Rio durch eine rechte Todes­schwadron ist ein über Brasilien hin­aus bekannt gewordenes bitteres Beispiel. Dass Spuren bis zum Präsidentensohn ­Flávio Bolsonaro weisen, zeigt die Verrohtheit der ­heute die Politik des Riesenlandes bestimmenden Klasse. Aber Gewalt gegen Minderheiten, Diskriminierung und Anfeindungen sind schon lange Teil der brasilianischen Realität.

Gleichzeitig gibt es eine sehr ­aktive ­LGBTI-Szene in São Paulo. Zu der gehört die transsexuelle Schauspielerin ­Renata ­Carvalho, die bereits seit 2016 den Mono­log „Das Evangelium nach Jesus, der Himmelskönigin“ von der schottischen Dramatikerin Jo Clifford performt. Darin verkörpert sie einen transsexuellen Jesus Christus und reflektiert aus dieser ­Perspektive eindrucksvoll die Stigmatisierung und das Leiden von trans* Menschen.

Das Stück wird seitdem ebenso gefeiert wie vehement bekämpft. Der Streit beschäftigt die Gerichte, die je nach Bundesstaat die Aufführung mal verbieten, mal erlauben. Auf die Verbote folgen Proteste in brasilianischen Medien und sozialen Netzwerken, kaum ein Theaterstück wird in Brasilien, immer noch das ­größte katholische Land der Welt, heißer diskutiert als „O Evangelho Segundo Jesus, Rainha do Céu“.

Doch in in keinem anderen Land sind auch die ultrakonservativen evangelikalen Pfingstkirchen so rasant auf dem Vormarsch wie dort. Der Bevölkerungsanteil ihrer Anhänger soll bereits bei 30 Prozent liegen. Ihre Führer gewinnen immer mehr Einfluss auf die brasilianische Politik – die meisten sind Unterstützer Bolsonaros. Immer mehr Evangelikale gehen selbst in die Politik, um sich möglichst viel wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht zu sichern. Für sie sind die links-soziale Poli­tik des einstigen Präsidenten Lula und die „Gender-Ideologie“ Teufelswerk.

Einer davon ist der aktuelle Bürgermeister von Rio, Marcelo Crivella, der sogar ein Herzstück brasilianischer Identität bekämpft: den Karneval. Er hat die Förderung drastisch eingedampft und würde ihn gern ganz verbieten, aber als touristische Einnahmequelle ist der Rio-Karneval dann doch unverzichtbar.

Und der zeigt sich politischer den je. Die Parade der Samba-Schulen gewann diesmal die traditionsreiche Mangueira-Schule, die ihren Umzug der ermordeten LGBTI-Aktivistin ­Marielle Franco widmete – angeführt von der ersten Trans-Samba-Königin des Karnevals. Ein ­Statement.

Den Wettbewerb der Sambaschulen beim Karneval in Rio 2019 hat die Gruppe Mangueira mit einer sehr politischen Parade gewonnen. Die traditionsreiche Sambaschule ehrte darin die vor einem Jahr ermordete schwarze und offen homosexuelle Stadträtin Marielle Franco und würdigte auch die verleumdeten Helden der brasilianischen Geschichte – Schwarze, Indigene, Arme. – Foto: Divulgação/Mangueira

26.–28.3., 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, Naunynstr. 27, Kreuzberg. Regie: Natalia Mallo; mit Renata Carvalho. Eintritt 14, erm. 8 €

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