MISSBRAUCHSDRAMA

Das Fest

Erst gibt’s Sekt, dann wird reiner Wein eingeschenkt: Im DT wird der Zuschauer zum Teil der Festgesellschaft

Feiernder Patriarch: Jörg Pose als Vater Helge – Foto: Arno Declair
Feiernder Patriarch: Jörg Pose als Vater Helge – Foto: Arno Declair
ZITTY-Bewertung: 5/6
ZITTY-Bewertung: 5/6

Mitten rein ins Familienfest, lautet die Devise bei Anne Lenks Version des Dogma-Klassikers von Thomas Vinterberg. Bernd Moss schenkt, schon ganz in seiner Rolle als „Toastmaster“ Helmut von Sachs, dem Publikum bereits vor Betreten der Plätze Sekt aus und fordert zum Singen des Kanons „Viel Glück und viel Segen“ auf.

Anlass des Zusammentreffens ist schließlich der 60. Geburtstag des Hausherrn Helge Klingenfeldt-Hansen (Jörg Pose). Dank Moss’ Animation fühlt man sich tatsächlich als Gast. Nur als passiver Gast, klar – aber so einfach glückt die Immersion, auch ohne VR-Headset.

In der Folge spult das routinierte DT-Ensemble sauber das Script ab. Der älteste Sohn Christian (Alexander Khuon) bringt erst stockend, dann immer entschlossener werdend, die Missbrauchsanklage gegen den Vater vor. Er wird nicht erhört.

Khuon spielt den anklagenden Sohn auch derart zergrübelt, derart in Fantasieräume sich flüchtend, dass man selbst bei Kenntnis der Vorlage für einen Moment glaubt, Lenk könnte es wagen, den gesamten Verwurf als Hirngespinst darzustellen. Ein mutiger Schritt, auf Tuchfühlung mit der Realwelt, in der Vergewaltiger gern ihre Opfer diskreditieren.

Am Ende ist man – schrecklicherweise – fast erlöst, dass die Vorwürfe stimmen. Ein gut gebauter Psychothriller. TOM MUSTROPH

27.1., 20 Uhr, 12.2., 19.30 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Anne Lenk; mit Jörg Pose, Barbara Schnitzler,
Alexander Khuon u.a.. Eintritt 5–42, erm. 9 €