Berlin

Das Gegenteil von Genuss

Die F. Foundation leistet Suchtprävention für Jugendliche in Berlin – auf einer Veranstaltung am 18. Oktober erzählen Betroffene dabei von ihren eigenen Erfahrungen

Foto: imago/Jochen Tack

Der Computer läuft heiß. Seit Stunden flimmert der Bildschirm im Dunkeln und eine kleine Pixel­figur hüpft durch eine bunte Insellandschaft. Der Rücken von Laslo Pribnow ist steif, seit mehreren Stunden schon verharrt er in der selben Position. Nun stockt das Bild, er ärgert sich – denn er beginnt sein Zimmer zu bemerken. Und mit ihm Kleiderberge und Essensreste, die sich seit Tagen stapeln.

Suchtverhalten ist in unserer leistungsorientierten Gesellschaft allgegenwärtig. Neun von zehn Menschen leiden unter einer Form von Sucht, sagt die amerikanische Wissenschaftlerin Anne Wilson Schaef. Dabei muss es sich nicht um eine Substanzabhängigkeit handeln – es kann auch um exzessives Arbeiten, Sport oder Zuckerkonsum gehen. Auch Co-Abhängigkeiten und destruktive Beziehungen werden selten betrachtet.

Foto: imago/Westend61

Eine Stiftung, die sich Aufklärung und Präventionsarbeit bei Kindern und Jugendlichen zum Ziel gesetzt hat, ist die F. Foundation. Zusammen mit Christiane F., bekannt aus Buch und Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, und dem Verlag von F.s Buch „Mein zweites Leben“, gründete Sonja Vuko­vic die Organisation. Sie will die gesellschaftlichen Mechanismen von Abhängigkeit reflektieren und das Tabu um die Sucht brechen – und das ohne erhobenen Zeigefinger. Vukovic litt selbst fast 15 Jahre lang an einer Essstörung, durch die Arbeit an F.s Buch lernte sie, darüber öffentlich zu sprechen und zu schreiben.

Christiane Felscherinow, 51, hat nach „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein neues Buch geschrieben

Am 18. Oktober veranstaltet die F. Foundation in Berlin einen Workshop-Tag für Jugendliche ab 13 Jahren mit Menschen, die über ihre Suchtverläufe und Genesungsprozesse sprechen. Die Themen der Redner reichen von Alkoholismus über Spielsucht bis hin zu Drogensucht und Obdachlosigkeit. Zudem gibt es auf der Veranstaltung Workshops zu Themen wie Resilienz – also psychischer Widerstandskraft –, Genuss oder ein Führungskräftetraining. 300 Anmeldungen gibt es schon.

Foto: imago/blickwinkel

„Sucht ist eine Krankheit, von der viele immer noch meinen, sie sei eine Entscheidung“, sagt Vukovic. Sie sitzt vor dem Gebäude der Humboldt-Universität am Hausvogteiplatz, die Beine lässig übereinander geschlagen. Sie lächelt, trotzdem meint sie es ernst. Krankheiten wie Burnout oder Depression seien im gesellschaftlichen Diskurs mittlerweile angekommen – Sucht sei hingegen immer noch ein Tabu.

Im Endeffekt unterscheide sich eine Heroin­abhängigkeit in ihren Ursachen kaum von einer Computerspielsucht. „Ich hätte genauso gut drogenabhängig werden können“, sagt Vukovic. Mangelndes Selbstwertgefühl, fehlendes Urvertrauen, soziales Außenstehen – all dies seien Faktoren, die eine Sucht befördern. Prohibition nütze dabei nichts, es gehe darum, dass die Konsumenten sich nicht in einer Spirale verlieren.

Sonja Vukovic Foto: Olivier Favre

Das sieht Laslo Pribnow ähnlich. „Tabus und Verbote bringen überhaupt nichts“, sagt er. Stattdessen sollten Eltern ihre Vorbildfunktion wahrnehmen, offen kommunizieren und eigene Schwächen vor ihren Kindern eingestehen. Pribnow ist Redner bei den Veranstaltungen der F. Founda­tion, auch er kämpfte lange mit seiner Computerspielsucht. Seine Mutter versuchte oft, mit Jugendamt und Sozialarbeitern zu intervenieren. Doch damals gab es wenige Hilfsangebote, Computerspielsucht war offiziell keine Krankheit – erst dieses Jahr entschied die World Health Organisation, sie anzuerkennen. Mit 17 zog Pribnow von zu Hause aus und entdeckte THC und Alkohol, in Kombination mit Computerspielen gefiel ihm der Rausch besonders gut. Sozialer Kontakt hingegen wurde komplizierter, lieber flüchtete er in die vorhersehbaren, an Belohnungsstrukturen orien­tierten Spielab­läufe. Manchmal roch er nicht gut, sein Zimmer war immer unaufgeräumt. Mittlerweile war er auf 60 Kilo heruntergehungert und bekam kreisrunden Haarausfall. „Und dann kamen die Selbstmordgedanken“, sagt er. Pribnow begann auf Anraten eines Freundes eine Verhaltenstherapie, später machte er einen Entzug in einer Klinik. „Es war erschreckend, mich zu fragen: Was kann ich mir überhaupt noch glauben?“, sagt er. Das schädliche Denken, der Wunsch nach Suchtbefriedigung, fühlte sich schließlich richtig an.

Rückfallgefahr durch Sudoku

Heute macht Pribnow eine Erzieherausbildung, hat keinen Computer und verzichtet sogar auf Handyspiele wie Sudoku. „Das wäre für mich wie Mon Cheri für den Alkoholiker“, sagt er. Resilienzentwicklung betrachtet er als Aufgabe, an der sich Eltern, Schulen und Institutionen beteiligen müssen – vor allem aber die Jugendlichen selbst. Sie sollen lernen, Erfolgserlebnisse und das Verhalten der Eltern zu hinterfragen. „Denkt bitte darüber nach, was ihr tun könnt, um zu genießen – und nicht süchtig zu werden. Denn Sucht ist das Gegenteil von Genuss“, mahnt er.

Präventionsevent „Starke Jugend – Starke Zukunft”, 18.10., La Luz, Oudenarder Str. 16–20, Wedding. Anmeldung: www.f-foundation.org, Tageskarte 13 €, erm. 7 €

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