DOKUMENTARTHEATER

Das Imperium bröckelt

Der Regisseur Milo Rau eröffnet die neue Spielzeit an der Schaubühne mit dem multimedialen Stück „Empire“. Ein Versuch, mehrere tausend Jahre Kultur­geschichte über vier autobiografische Monologe zu erzählen

Text: Tom Mustroph

Das Imperium bröckelt. Ein paar antikisierende Säulen, mit etwas arabischer Ornamentik versehen, sind die markantesten Teile des ausgebrannten Hauses, das der Schweizer Regisseur Milo Rau für sein neues Stück „Empire“ auf die Bühne wuchten ließ. Das Bühnenbild greift die Bilder auf, die derzeit von weiten Teilen Syriens und des Iraks in unsere Zimmer flimmern. Anders als die Nachrichten, die immer nur das jeweils Aktuelle bringen, holt Rau weiter aus und verweist auf das Zweistromland als Wiege der Kultur der Menschheit.

Das Gebiet war später teilweise römisch beherrscht und gehört damit ganz direkt zu den Wurzeln der abendländischen Kultur. Wenn es da jetzt kracht und blitzt, Häuser einstürzen und Menschen jämmerlich sterben, handelt es sich für Rau nicht um einen Konflikt ganz fern des Abendlands – der allerdings mit hier hergestellten Waffen ausgekämpft wird –, sondern um ziemlich direkt mit uns verbundene Ereignisse.
Um das zu zeigen, hat Rau zwei syrische Schauspieler, einen rumänischen Filmstar und einen griechischen Mimen engagiert. Alle vier erzählen aus ihrem Leben. „Meine Darsteller sind Profis des Erzählens“, sagt Rau, „die reflektieren, wie ein individueller Schauspieler zur Figur und ein Leben zum Schicksal werden kann.“

Europäisches Panorama: Vier Schauspieler aus dem Mittelmeerraum erzählen aus ihrem Leben - Foto: Marc Stephan / IIPM
Europäisches Panorama: Vier Schauspieler aus dem Mittelmeerraum erzählen aus ihrem Leben – Foto: Marc Stephan / IIPM

Am überraschendsten ist dabei die Familien­geschichte von Akillas Karazissis. Dessen Großvater war einst griechischer Händler in Odessa, wurde dann von der Oktober­revolution ins ferne Wladiwostok vertrieben. Er landete schließlich verarmt in Thessaloniki. Karazissis‘ Familie maß also den weiten Raum im Norden und Osten aus –etwa das antike Kolchis am Schwarzen Meer, um dann ins Zentrum der Hellenen zurückzukehren. Karazissis ist im Stück auch mit einem Monolog der antiken HeldengestaltJason zu hören und er schildert, wie er einmal diesen Monolog auf den ­gerade ausgebuddelten antiken Scherben eines Ausgrabungsgeländes hielt.

Ebenfalls den Osten, und zugleich den großen Epochenbruch Auschwitz, bringt Maia Morgenstern auf die Bühne. Ihr Großvater wurde als rumänischer Jude in Auschwitz umgebracht. Morgenstern, heute Leiterin des Jüdischen Theaters in Bukarest, erzählt auch über Antisemitismus im Ceau­sescu-Rumänien. Und als Marien-Darstellerin in Mel Gibsons Blockbuster „The Passion of Christ“ (2004) verknüpft die Schauspielerin das turbulente Heute und das unlängst Vergangene mit dem Judäa von Maria und Jesus.

Von dort geht es mit den Schauspielern Ramo Ali und Rami Khalaf ins heutige ­Syrien. Ali, ein syrischer Kurde, berichtet von Freiraum und Unterdrückungen. Freiraum als Künstler, Unterdrückung erst durch den stets prügelnden Vater, später durch Baschar Assads Schergen, die ihn ins Wüstengefängnis Palmyra steckten. Khalaf hingegen erzählt von seinem Vater, der als treuer Offizier Assads beim Gemetzel der Muslimbrüder in Hama 1982 dabei war, und seinem Bruder, der sich ihm religiös entfremdete. Erst als  beide Seite an Seite zu Demonstrationen gegen Assad aufbrechen, versöhnen sie sich wieder. Doch der Funke Hoffnung erlischt schnell: Der Bruder ist seit Jahren vermisst.

Zugleich deutet der Abend über die Migrationsrouten und Machtverhältnisse im ­Gebiet nördlich und südlich des Mittelmeers aber auch an, was alles mit im kulturellen Gepäck ist, wenn einer sich von den Rändern, die einst Zentren waren, ins aktuelle Zentrum begibt. Ali, der sich über seinen prügelnden Vater beklagte, erzählt, dass dieser ihm auf dem Totenbett gestand, ihn nur deshalb geschlagen zu haben, damit aus ihm ein starker Mann werde. Der erwachsene Sohn verzeiht ihm, denn: „Ich glaube, er hat Recht.“

Solch archaische Muster durchsetzen die Postmoderne. Und da erscheint es eher als Drohung, wenn Rau den Abend mit einem Götterdank des mythischen Herrschers Agamemnon beschließt. Geschichte ist aufgelöst in zyklisches Kreisen, Verantwortung wird an Himmelsinstanzen delegiert. Rau verlässt das Genre des Dokumentarischen und betritt das Feld des Räsonierens. Ein gewagter Schritt – wenngleich die einzelnen Geschichten sich zu einem komplexen Bild fügen.

8.-11.9., 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Konzept, Text und Regie: Milo Rau; mit Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf, Maia Morgenstern. Eintritt 7–48, erm. 9 €