Leihfahrräder

»Das ist ein Kuddelmuddel«

Berlin braucht Leihräder für seinen Umbau zur menschenfreundlichen Metropole, aber der Senat muss für ein einheitliches System sorgen, meint die Mobilitätsforscherin Kerstin Stark

Braucht Berlin bei seinem Versuch, eine fahrradfreundliche Metropole zu werden, auch Leihfahrräder?
Unbedingt, denn wenn Berlin eine lebenswerte und menschenfreundliche Stadt werden will, brauchen wir eine Verkehrswende. Und zu der gehören auch Leihräder – sowohl für die Berliner und Berlinerinnen als auch für die Menschen, die als Touristen nach Berlin kommen.

Fahrräder
Für Gelegensheitsradler sind Leihräder sicherlich eine bessere Option, als das eigene Fahrrad über einen längeren Zeitraum auf offener Strasse abzustellen
Foto: Oliver Mezger

Ist das aktuell existierende Leihfahrrad-­System denn tauglich für diesen Umbau zur menschenfreundlichen Metropole?
Ein Problem ist, dass wir nicht nur ein System haben. Es gibt leider kein systematisches Vorgehen bei den Leihrädern, wir brauchen eine Koordinierung und Regulierung. Im Moment haben wir ein Überangebot innerhalb des Rings, aber außerhalb gibt es so gut wie gar keine Räder. Man kann das als Stadt weitgehend dem Markt überlassen und viele Anbieter zulassen, oder ein einziges System protegieren. In jedem Fall sollte es Auflagen geben, die die Stadtverträglichkeit und den Verbraucherschutz gewährleisten. Der Senat fährt hier keine klare Strategie: Es wird ein System subventioniert, momentan Nextbike, aber es gibt keinen erkennbaren Vorteil gegenüber den anderen Anbietern, insbesondere fehlen Auflagen für den Betreiber, auch flächendeckend Räder anzubieten. Im Moment haben wir ein Kuddelmuddel. Durch die neuen Anbieter entsteht jetzt immerhin ein Druck auf den etablierten Anbieter, sich breiter aufzustellen.

Kerstin Stark
Kerstin Stark, 32, ist Mobilitätsforscherin und arbeitet am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Adlershof. Außerdem ist sie Mitinitiatorin der Initiative Volksentscheid Fahrrad und seither für die Mobilitätswende im Verein ­Changing Cities aktiv.
Foto: Mirko Lux / VEF

Träumen Sie mal: Wie sähe das ideale Leihfahrrad-System aus?
Ich stelle mir vor, dass es ein überall verfügbares, engmaschiges Angebot gibt. Wichtig wären stationsgebundene Angebote, gerade in den äußeren Bezirken, und im Sinne der Intermodalität Stationen an den Bahnhöfen und Kultureinrichtungen. Das sollte ergänzt werden von Free-Floating-Angeboten in bestimmten Bereichen. Wichtig wäre, dass reguliert würde, welche Anbieter wie viele Räder an welchen Orten verteilen dürfen, beispielsweise über Konzessionen, und dass die Räder auch intakt sind und gewartet werden. Die Räder dürften auch keine Schrotträder sein, die allzu leicht Opfer von Vandalismus werden. Und Datenschutzrichtlinien und Gesetze müssten für alle Anbieter gelten, egal, ob diese aus Deutschland, China oder den USA kommen. Und nicht zuletzt brauchen wir eine integrierte App, über die alle Angebote genutzt werden können. Mir als Nutzerin ist es doch egal, wer der Anbieter ist: Mir ist vor allem wichtig, dass ich überall ein Fahrrad finde und das dann über eine einzige App nutzen kann – anstatt wie jetzt mich bei über einem halben Dutzend Anbietern anmelden zu müssen.

Eine schöne Zukunftsvision, aber aktuell sind die Berliner genervt von knapp 16.000 Rädern – nicht aber von 1,2 Millionen Autos, die meistens auch nur rumstehen.
Es gibt eine verzerrte Wahrnehmung, an der auch die Medien eine Mitschuld tragen, weil sie genüsslich auf die Leihräder einprügeln, gern Bilder von im Kanal schwimmenden Rädern zeigen und nie unerwähnt lassen, dass die Anbieter dieser angeblichen Schrott­räder aus Fernost kommen. Aber generell ist nicht zu verstehen, dass wir über diese Fahrräder streiten, während wir die Autos, die viel mehr Platz wegnehmen und gesundheitsgefährdend sind, einfach akzeptieren. Und da reden wir noch nicht einmal von Falschparkern. Aber es gibt in der Bevölkerung eine merkwürdige Akzeptanz der negativen Folgen des Autoverkehrs, als wäre es gottgegeben, dass unsere Städte so aussehen. Selbst Verkehrstote werden klaglos hingenommen. Das muss sich ändern.

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