Berlin

Das ist unser Haus

Was auf dem Immobilienmarkt falsch läuft – und wie man sich wehren kann

Berlin hat eine neue linke Bewegung. Einen neuen Häuserkampf. Die Immobilien werden nicht mit Gewalt besetzt, sondern mit juristischer Expertise und Kontakten in die Politik gehalten. Die neuen Wohnungskämpfer zahlen Miete. Das ist okay, sie wollen das nur nicht am Stadtrand tun. Die Angst ist groß: Immer mehr Berliner sind von Verdrängung betroffen. Und umso mehr Zuspruch bekommt die Bewegung, die sich gegen den Wahnsinn am Mietenmarkt stellt. Für den neuen Senat ist die Wohnungspolitik das vielleicht drängendste Ressort. Der erbitterte Streit um die Personalie Holm zeigt, wie wichtig das Thema Verdrängung den Berlinern inzwischen ist.

Die Nachbarschaft solidarisiert sich mit der Initiative zur Rettung der Lausitzer Straße 10
Foto: Lena Ganssmann

Der neue Baustaatssekretär Sebastian Scheel ist ein altgedienter Behördenmann, kein Revolutionär. Auch der neue Häuserkampf ist ein weitgehend -bürgerlicher Widerstand. Bewohner, Unterstützer, nähere und -fernere Nachbarn treffen sich zu Kundgebungen, Vernetzungsabenden, unangemeldeten Besuchen beim Vermieter. Aber es gibt einen militanten Arm: Der Kampf gegen Neubauprojekte in der Rigaer Straße wird auch mit Autobränden und Sachbeschädigung geführt.

Das Zentrum des neuen Häuserkampfes: Friedrichshain-Kreuzberg. Hier liegt den Menschen der Widerstand im Blut. Florian Schmidt, Baustadtrat des Bezirks, hat die Initiative Stadt Neudenken mitgegründet. „Wir wollen Visionen für die Stadt mit den Initiativen entwickeln, nicht mit renditeorientierten Investoren“, sagt er. Der Gentrifizierung will er mit Milieuschutzgebieten und der Nutzung des Vorkaufsrechts entgegentreten.

Es gibt unzählige Kleingruppen, die sich rund um bedrohte Häuser und Läden gründen, und -nahmhafte Initiativen wie Kotti & Co. oder Zwangsräumung verhindern. David Schuster von letztgenannter sagt: „In Berlin gibt es täglich 20 Zwangsräumungen. Seit 2012 haben wir 21 davon mit Gesprächen, Demos und Blockaden verhindert.“ Ein anderes Feld bearbeitet -Bizim Kiez, die Kiezläden verteidigt. Denn es sind nicht nur Mieter, die sich durch die Gentrifizierung bedroht fühlen, sondern immer öfter auch Geschäfte.

Der Markt ist überhitzt. Um die enormen Summen, die für Berliner Immobilien inzwischen aufgerufen werden, wieder einzuspielen, wird an der Mietschraube gedreht. Wo der Mietspiegel das blockiert, wird er mittels Sanierungen und Modernisierungen umgangen. Der Druck steigt. Und die Mietenexplosion könnte Berlins Image der wilden Stadt der Freiheit killen.

Der Branchenverband Zentraler Immobilien-Ausschuss warnt vor einem Ende des Wachstums der Wohnungspreise, weil sie den Bezug zur Mietentwicklung und dem Einkommen der Berliner verloren haben. Sie seien bereits um 50 Prozent übertrieben. Der neue Häuserkampf könnte der Nadelstich sein, der die Blase zum Platzen bringt.


Ihr kriegt uns hier nicht raus

Der Druck der Vermieter und der Widerstand dagegen kann verschiedenste Formen haben. Wir zeigen acht davon


Ein widerständiger Kiez

Viele Mieter der Lausitzer Straße 10 sind qua Job zum Widerstand geschaffen

Dieser Spaziergang hat sich gelohnt. 650 Meter sind die Mieter der Lausitzer Straße 10 gegangen, zum Berliner Büro ihres Vermieters Jørn Tækker. 70 Personen haben Tækkers Berliner Geschäftsleiterin mit Geschenken und Blumen überrascht und einen Gesprächstermin mit Tækker selbst sozusagen freundlich erpresst. Jetzt ist der Verkauf ihres Hauses zumindest vorerst ausgesetzt.

Durch Zufall haben sie einen Makler beim Anpreisen des Objektes belauscht, dann ein Dossier gefunden, das den Komplex mit Nebenhaus, Hinterhäusern und Höfen für 19,4 Millionen Euro anbietet. „Wenn sich zu diesem Preis ein Käufer findet, sind wir hier raus. Ob das nun über steigende Mieten passiert oder die Umwandlung in Loft-Apartments, ist dabei zweitrangig“, sagt Malte von der Initiative Lause bleibt.

Vor zehn Jahren hat Tækker das Haus für drei Millionen vom Land gekauft. „Seidem ist nichts investiert worden. Die Fenster sind undicht, der Fahrstuhl funktioniert nicht, die Heizung fällt immer wieder aus, aber die Miete steigt.“

Die Mieter sind vor allem linke Projekte: das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum, das Dokumentarfilmprojekt Autofocus, die Videografen von Leftvision, das Bildungsprojekt „Flucht nach vorn“, das seit 1991 Beratung und Sprachunterricht für junge Geflüchtete anbietet, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, die Aktivisten vom Peng-Kollektiv. Im Treppenhaus hängen Fotos vom Widerstand gegen Zwangsräumungen, in den Fenstern Plakate: Lause bleibt: Radau gibts für lau. „Das ist ein widerständiger Kiez“, sagt Malte.

Tækker scheint Respekt vor der multimedialen Schlagkraft zu haben. Er hat den Verkaufsauftrag an den Makler zurückgezogen und ist zu einem weiteren Gespräch über die Zukunft des Komplexes bereit. Doch würde er auch auf Millionen verzichten und das Haus zum Beispiel an eine landeseigene Wohnungsgesellschaft zurückverkaufen? -Gegenüber ZITTY hieß es in Tækkers Büros in Dänemark und Berlin, der Chef und seine Berliner Geschäftsleiterin seien im Urlaub, niemand sonst dürfe zur Sache sprechen. Die Aktivisten sagen, dass Tækker angedeutet habe, dass er sich aus dem Berliner Immobilienmarkt zurückziehen will. Der Kampf ist nicht vorbei.

Problem: Angestrebter Verkauf
Waffe: Vermieterbesuche, Medienrummel
Eskalationspotenzial: Hoch
Die Hoffnung: Rückkauf durchs Land


Die gallische WG

Über die letzten Altmieter in einem Haus voller Eigentumswohnungen

Sven Fischer kämpft seit Jahren um seine WG
Foto: Lena Ganssmann

Kopenhagener Straße 46 in Prenzlauer Berg: Die Hausnummer prangt in Neonziffern neben der Tür, die Fassade ist makellos. Die Wohnungen dahinter sind inzwischen alle in Privatbesitz, etwa 4.500 Euro kostete der Quadratmeter 2016. Aus der alten Hausgemeinschaft hat sich nur eine WG gehalten. Sven Fischer, 47, lebt dort seit 17 Jahren zusammen mit seiner Frau, seinen beiden Töchtern und zwei weiteren Erwachsenen. Seit das Haus vor vier Jahren verkauft wurde, kämpfen sie um ihre Wohnung.

„Ohne Rechtsschutzversicherung wären wir schon lange nicht mehr hier“, sagt er. Jetzt steht laut Fischer der „Showdown“ an. Der Vermieter, eine Unterfirma der Christmann-Holding, mit der zwei Berliner Brüder Häuser aufkaufen und in Eigentumswohnungen aufteilen, hat ein Urteil erwirkt, das die WG zwingt, den Bauarbeitern zur energetischen Modernisierung die Tür zu öffnen.

„Am Montag geht es los, dann reißen sie die Fenster raus und bauen die Heizung ab. Ob die Wohnung bei der derzeitigen Kälte bewohnbar bleibt, ist fraglich“, sagt er. Die WG geht in Berufung, aber: „bis ein Urteil gefällt ist, sind die Bauarbeiten gelaufen.“ Nach Abschluss aller angekündigten Arbeiten, darunter der Anbau eines zweiten und dritten Balkons und einer Videogegensprechanlage, soll die WG 2927,66 Euro für die ca. 150 Quadratmeter warm zahlen, statt wie bisher 845 Euro. Die Umlage für die zuerst ausgeführte Dämmung der Fassade war laut eines vom Gericht bestellten Gutachtens um 100 Prozent überteuert. Die bauausführende Firma ist ebenfalls eine Tochter der Christmann-Holding.

Problem: Energetische Sanierung
Waffe: Rechtsschutzversicherung
Eskalationspotenzial: Gering
Die Hoffnung: Unnötige Arbeiten vermeiden


Backwaren-Fans

Ein ganzer Kiez kämpft für ein kleines Café

Daniel Spülbeck hat Angst. Rund 200 Menschen sind -gekommen, um ihn zu beschützen. Spülbeck fürchtet, -seine Existenz zu verlieren. Der Mietvertrag seiner Bäckerei, dem Café Filou, ist nach 20 Jahren nicht verlängert worden. Einen neuen Laden findet er im Kiez nicht. Und irgendwo was aufzumachen, „das wäre ein Neuanfang ohne Wissen, ob der Standort funktioniert“. Er, seine Frau, drei Kinder und drei Angestellte leben von dem Café.

Die Verfechter des Café Filou treibt zumeist der Hunger
Foto: Caroline Sperl

Die 200, die ihm zu Hilfe gekommen sind, tragen Schilder wie: „Filou bleibt“. Wechselnde Personen sprechen sich am Mikrofon für Spülbeck aus. Alle paar Sätze johlt die Menge und lärmt mit Topfdeckeln, Kochlöffeln, Rasseln. Die Kinder am lautesten. Spülbeck sagt: „Wir haben knapp 2.000 Unterschriften zu unserer Unterstützung gesammelt.“ Sogar die Bezirksverordnetenversammlung hat sich in einem symbolischen Antrag dafür ausgesprochen, das Filou zu erhalten. Spülbeck sagt, er sei bereit, mehr Miete zu zahlen. Das habe er auch den Hauseigentümern kommuniziert. Für ZITTY waren die beiden nicht zu erreichen.

Spülbeck sagt, ihm sei versprochen worden, dass er bleiben kann. Nur deshalb habe er die Zeit, in der das Nachbarhaus saniert wurde, überstanden. Als der Umbau beendet war, kam die Kündigung.

Im Café sitzt ein älterer Herr auf einem Bistrohocker, vor sich ein Filterkaffee. Er sagt: „Hier gibt’s auch Mittagstisch, wo soll ich denn sonst essen?“ Eine Option wäre das Restaurant Vertikal gleich nebenan. Es gehört Claire d’Orsay, im Dezember hat sie eröffnet. Das Geld hat sie von einem der Eigentümer des Hauses. Einige Demonstranten haben den Verdacht, dass er Konkurrenz aus dem Weg räumen will. „Die Leute spucken auf meine Fenster, aber ich habe nichts damit zu tun“, sagt d’Orsay.

Problem: Ausgelaufener Gewerbemietvertrag
Waffe: Demonstrationen
Eskalationspotenzial: Mittel
Die Hoffnung: Einlenken des Vermieters


Kind des Kiezes

Alexandra Lack soll den Laden abgeben, den sie schon fast ihr ganzes Leben kennt

Alexandra Lacks Laden ist eine Institution im Kiez
Foto: Lena Ganssmann

Wrangelstraße 86 in Kreuzberg: Im Laden von Alexandra Lack, 40, kann man alles kaufen, was man mal schnell brauchen könnte: Batterien, Glühbirnen, Lichtschalter, Zangen, Scheren, Campinggas, Fahrradlichter, Reißverschlüsse, Spanngurte, Pinsel und vieles mehr. Allerdings nicht mehr lang: Im Dezember kam die Kündigung, Ende März muss Lack den Laden verlassen. „Für uns ist das eine Katastrophe. Ich, mein Mann und unsere drei Kinder hängen vom Laden ab. Ab April müssen wir uns dann beim Jobcenter anstellen.“ Warum sie gekündigt wurde, weiß Lack nicht, der Vermieter, die österreichische Firma SIAG Berlin Wohnimmobilien, war für ZITTY nicht zu erreichen.

Lack übernahm den Laden Bantelmann Betriebe Berlin von Herrn Bantelmann. Sie kennt ihn und das Geschäft, eröffnet 1981, schon seit sie ein Kind ist, sie wohnte im gleichen Haus und arbeitete dort später als Aushilfe. Als Bantelmann 2012 in Rente ging, übernahm sie den Laden. In ihrem Kampf wird sie von den Initiativen Bizim Kiez und Bündnis gegen Zwangsräumungen unterstützt. Selbst die Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe setzte sich für sie ein. Lack will jetzt jeden Samstag um 16 Uhr mit Anwohnern vor ihrem Laden demonstrieren.

Problem: Gekündigter Gewerbemietvertrag
Waffen: Demonstrationen und eine wichtige Nachbarin
Eskalationspotenzial: Mittel
Die Hoffnung: Gespräch mit Vermieter


Von der Platte ins Abgeordnetenhaus

Die Mieter der Otto-Suhr-Siedlung ziehen gegen energetische Sanierung ins Feld

Vergangene Woche marschierten sie zu viert ins Abgeordnetenhaus. Saßen dort stundenlang im Ausschuss für Wohnen, bis endlich ihr Thema zur Sprache kam: Die Weigerung der Deutsche Wohnen, den  Mietspiegel anzuerkennen. SPD, Linke und Grüne wollen Antworten. Und dann kommt nicht einmal der Chef. Nur die Pressesprecherin Manuela Damianakis. Die Politiker sind sauer.

Michael Klage macht seine Hausaufgaben
Foto: Lena Ganssmann

Die Deutsche Wohnen ist in letzter Zeit öfter in der Kritik. Ihr wird vorgeworfen, Häuser zu vernachlässigen oder mit Modernisierungen Mieter zu vertreiben. Sie erhöht die Mietpreise teils über den Mietspiegel.

Einer der vier Aktivisten im Abgeordnetenhaus ist Michael Klage, 68, er wohnt seit 47 Jahren in der Stallschreiberstraße 44 in Kreuzberg. Im November 2016 bekamen die Mieter Post. „Ein schönes Weihnachtsgeschenk“. Die Ankündigung der energetischen Modernisierung. Elf Prozent zahlen sie davon nach Gesetz jährlich ab. „Und zwar nicht bis 100 Prozent voll sind, sondern ewig und drei Tage.“ Klage soll monatlich 143 Euro mehr zahlen.

Klage hängt an der Wohnung, er hat sie liebevoll ausgebaut und in Schuss gehalten, hat hier drei Töchter großgezogen, aber seit der Brief mit der erschreckenden Zahl ankam, sucht er etwas Neues. „In Fürstenwalde gibtʼs noch Wohnungen, die ähnlich günstig sind.“ Aber selbst wenn Klage den Sprung in eine neue Umgebung wagen würde: Im Nachbar-Bundesland bekäme er weniger Rente. Klage steckt fest. Damianakis sagt vor dem Abgeordnetenhaus, das Unternehmen wolle seine Mieter behalten.

Problem: Energetische Sanierung
Waffe: Kontakte ins Abgeordnetenhaus
Eskalationspotenzial: Hoch
Die Hoffnung: Sanierung stoppen


Gentrifizierung wegscheppern

Anwohner und Anarchisten kämpfen mit Kochgeschirr gegen ein Bauprojekt

Rigaer Straße 71-73 in Friedrichshain: Auf dem Bürgersteig schlagen zwölf frierende Aktivisten mit Löffeln, Aschenschaufel und Pfannenwender auf Töpfe, Pfannen und den Stahlpfosten des Tores hinter ihnen ein. Es scheppert. Das ist der Sinn. Das Tor führt auf die künftige Baustelle des Sama-Riga-Carré, eines Mietwohnungsblocks mit 133 Einheiten. Zwischen 10 Euro und 13,50 Euro soll der Quadratmeter kalt im Monat kosten. Christoph Gröner, Vorstandsvorsitzender der  CG Gruppe, die das Gebäude entwickelt und bereits einem neuen Eigner versprochen hat, sagt: „Das ist für jedermann, der ein Einkommen hat.“ In einem Gewerbehof mit Café und Veranstaltungsraum will er soziale Projekte für acht Euro Kaltmiete pro Quadratmeter ansiedeln, darunter die Erwachsenenbildungsstätte BUF, die einst auf dem Grundstück residierte und für die Dauer der Bauarbeiten ausgelagert wurde. „Wir tragen den Bedürfnissen des Bezirks Rechnung“, sagt er.

Friderike, 47, hat die Aktion mitorganisiert. Sie würde hier lieber einen Sozialbau sehen, für Menschen ohne Einkommen. Friederike wohnt im Kiez und sagt: „Die Mieten sind schon total gestiegen und Projekte wie dieses werden den Mietspiegel weiter in die Höhe treiben. Es sind die letzten bebaubaren Flächen, die sie für ihre Lofts verschwenden, die letzte Chance auf neuen bezahlbaren Raum.“ Sie lärmt mit einer Handvoll Menschen täglich zehn Minuten und will das tun, bis der grün geführte Bezirk die Baugenehmigung zurückzieht oder besser: seine Wohnungspolitik komplett überdenkt.

Während die Aktivisten bei minus sechs Grad scheppern, sitzen die Polizisten – in der Überzahl – in ihren Kleinbussen. Es sind vermutlich so viele, weil das kommende Bauprojekt in der Rigaer Straße liegt. Dem legendären Anarchistentreffpunkt.  Ganz in der Nähe hat vor kurzem jemand in der Tiefgarage eines Neubaus 21 Autos demoliert. Am Tag darauf wurden zwei weitere und der Bauzaun des Sama-Riga-Carrés beschmiert. „Wer hier kauft, kauft Ärger“, schrieben die Schepperer in ihrer Einladung.

Problem: Mietspiegelerhöhung
Waffen: Kochgeschirr und Spraydosen
Eskalationspotenzial: Hoch
Die Hoffnung: Verweigerung der Baugenehmigung


Alles wird anders

Bücher gegen Sonnenbrillen und die Wahl eines sehr reichen Mannes

Thorsten Willenbrock kennt die Materie bestens
Foto: Lena Ganssmann

Die Kreuzberger Oranienstraße ist ein Mythos. Er erzählt vom wilden Berlin. Die Fassaden und Geschäfte sind zum Teil noch aus der Zeit. Aber die Oranienstraße ist ein touristischer Hotspot, „das wird anders werden hier“, sagt Thorsten Willenbrock, 52, Inhaber der Buchhandung Kisch & Co in der Hausnummer 25. Seit 20 Jahren gibt es hier neben dem an sich schon breit gefächerten Angebot auch politische Literatur. Zum Häuserkampf und zur Gentrifizierung zum Beispiel. Obwohl man davon ausgehen kann, dass -Willenbrock einige der Werke gelesen hat, weiß er keinen Ausweg aus seiner Misere. Kisch & Co soll Ende Mai raus. Das Haus gehört der Nicolas Berggruen Holdings GmbH, die forderte eine Mieterhöhung auf 20 Euro den Quadrat-meter nettokalt. Laut Sprecherin Ute Kiehn ein „faires -Angebot“. Willenbrock bot 18 Euro. „Das, was der Laden gerade noch abwirft.“ Er habe Einbußen durch Internetversand und E-Books. Berggruen-Sprecherin Kiehn schreibt: „Wir haben mit Bedauern akzeptiert, dass Kisch & Co nicht auf unser Angebot eingegangen ist.“ Inzwischen hat ihre Firma einen Mietvertrag mit einem hippen Brillenhändler als Nachmieter abgeschlossen.

Problem: Ausgelaufener Gewerbemietvertrag
Waffen: Keine
Eskalationspotenzial: Gering
Die Hoffnung: Ein Wunder


Kurz vor Tag X

Das Kiezprojekt Friedel 54 soll geräumt werden – es wird wohl ein Großeinsatz

Die Menschen, die in der Friedelstraße 54 in Neukölln -leben und die, die sich dort treffen, sind nicht reich. Sie sind zum Teil sogar antikapitalistisch eingestellt. Aber sie hätten das Haus trotzdem gekauft. Um die Unsicherheit loszuwerden. Lukas, 33, wohnt seit 2009 dort, er sagt: „Ich habe drei oder vier Eigentümer erlebt.“ Nachdem der letzte eine Modernisierung ankündigte, wehrten sich die Mieter, scheiterten aber vor Gericht. Dann machten sie mit Hilfe des Mietshäusersyndikats ein Angebot. Das fertige Papier mit gesicherter Finanzierung brachten sie zusammen nach Wien. Der Vermieter war nicht da, aber erklärte sich zu einem Treffen bereit. „Und dann haben sie hinter unserem Rücken das Haus verkauft“, sagt Lukas.

Der neue Besitzer ist die Luxemburger Pinehill Sárl, die keine Website hat, und in Branchenadressbüchern keine -Telefonnummer angibt. Der erste Brief an das Ladengeschäft im Erdgeschoss, seit 13 Jahren genannt Friedel 54, war die Räumungsklage. Das Mini-Veranstaltungszentrum beherbergt kostenlose Mietrechtsberatung, eine Refugee-Politik-Gruppe, ein Kollektiv, das Gemüse von solidarisch bezahlten Landwirten aus der Umgebung verteilt und zwölf weitere Projekte. Vor Gericht erzielten sie einen Vergleich: Ende März müssen sie gehen. „Aber wir gehen nicht freiwillig“, sagt Matthias vom Friedel 54-Kollektiv. „Der Tag X kommt und mit ihm der Gerichtsvollzieher und Hundertschaften und was dann passiert, wird man sehen.“

Problem: Räumung droht
Waffe: Reisebus und Riesenfreundeskreis
Eskalationspotenzial: Hoch
Die Hoffnung: Kapitalismus überwinden

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