Interview

DAS Känguru packt aus

„Die Känguru-Chroniken“ sind verfilmt worden. Gut verfilmt worden. Ein passender Anlass, die drei Hauptdarstellenden in Dani Levys Films zum großen Zitty-Interview zu bitten.

Die Känguru-Chroniken: Die Zitty-Redakteure Erik Heier und Martin Schwarz im Gespräch mit den Stars des Films
Vorsicht, Ironie! Rosalie Thomass, DAS Känguru und Dimitrij Schaad (3. bis 5. v. li.) auf der Bühne des Mehringhof-Theaters im Gespräch mit den Zitty-Redakteuren Erik Heier (2.v.li.) und Martin Schwarz (re.) sowie dem 14-jährigen Känguru-Experten Rocco Sachweh (li.). Foto: X-Verleih/X Filme (Känguru)/Patricia Schichl

Marc-Uwe Kling – der Mann ist ein Phänomen. Die Vorleseshows des Wahlberliners, Jahrgang 1982, sind regelmäßig ausverkauft, sein Kinderbuch „Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat“ ist ebenso ein Bestseller wie sein dystopischer Roman „QualityLand“ (der als HBO-Serie verfilmt werden soll und demnächst einen zweiten Teil bekommt). Doch den Vogel abgeschossen hat Kling schon ab 2008 mit der Erfindung einer Zweier-WG in Kreuzberg: Marc-Uwe und DAS Känguru. Die vier Känguru-Bücher sind generationenübergreifend beliebt und die vier von Kling selbst eingesprochenen Hörbücher haben einen Stammplatz in den Top 4 der Charts.

Und jetzt ist schon wieder was passiert. „Die Känguru-Chroniken“ sind verfilmt worden. Gut verfilmt worden. Ein passender Anlass, die drei Hauptdarstellenden in Dani Levys Films zum großen Zitty-Interview zu bitten. Denn DAS Känguru hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, die Titelrolle in der Adaption des Bestsellers selber zu spielen. An der Seite des haarigen Method Actors: der versierte (Gorki-)Theaterschauspieler Dimitrij Schaad in seine ersten großen Kinorolle als Kleinkünstler und Beuteltier-WG-Genosse Marc-Uwe sowie die großartige Münchner Schauspielerin Rosalie Thomass („Zurück nach Fukujima“, „Die letzte Sau“) – sie spielt im Film Maria, Marc-Uwes Objekt der Begierde.

Und um hier endlich die allerletzten Zweifel auszuräumen: Das Känguru existiert. Fakt. Diskussion zwecklos. Das beweisen ja schon die Fotos aus unserem Round-Table-Gespräch. Ort des Geschehens: die Bühne des Mehringhof-Theaters in Kreuzberg an einem frühen Sonntagnachmittag – jene Kleinkunstbühne, die quasi das zweite Wohnzimmer des echten Marc-Uwe Kling ist. Hier hat er alle seine Hörbücher eingesprochen, hier probiert er neue Texte vor Publikum aus.

Was unten folgt: ein Gespräch über gewisse kommunistische Spielpartner, die sich ständig in den Vordergrund drängen, über die harte Ausbildung, Marc-Uwe zu werden, übers Wegblicken von Plotlöchern und die Münchner Selektion. Und eine profunde Nachhilfestunde in Sachen Ironie, nicht nur vom Känguru. DAS Känguru gibt es übrigens nur mit Artikel. So wie Die Ärzte. Oder Das Kapital.

(Das Aufnahmeband wird angeschaltet)

Das Känguru (DK): Hier ist es schlimmer als bei der NSA! Hier wird alles mitgeschnitten! (schaut in den leeren Saal des Mehringhof-Theaters) Es ist ja überhaupt nicht ausverkauft! Wenn das jetzt hier ein Zeichen für die Popularität des Filmes ist …

Mussten Sie alle drei an einem Casting teilnehmen?

(Alle drei im Gleichklang): Ja!

Wie müssen wir uns das vorstellen? Gab es konkurrierende Kängurus?

DK: Es ist eine Frechheit, dass ich überhaupt an einem Casting teilnehmen musste! Mehrere berühmte deutsche Schauspieler haben für meine Hauptrolle vorgesprochen, unter anderem auch Dimitrij – er hat dann aber nur eine Nebenrolle gekriegt. Am Ende waren nur noch ich und ein Koala übrig. Die Produktion fand den Koala super, aber ich habe ihn dann …  – das sollte ich wahrscheinlich lieber nicht erzählen. Er ist dann jedenfalls zur finalen Runde nicht mehr aufgetaucht.

Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech im Interview mit Zitty Berlin
Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech. Foto: X-Verleih/X Filme

Herr Schaad, Sie sind demnach beim Vorsprechen für die Rolle des Kängurus gescheitert?

Dimitrij Schaad (DS): Absolut gescheitert, in jeglicher Hinsicht.

DK: Aber das war dann wiederum der Bonus für die Rolle, die er letztlich gekriegt hat. Weil er schon so gut gescheitert ist. Man hat gesehen: Känguru kann er nicht, aber im Scheitern war er optimal.

DS: Und das so richtig würdelos! Ich glaube, es war meine Würdelosigkeit, die dann doch für mich gesprochen hat.

DK:  Jetzt nicht übertreiben!

Rosalie Thomass (RT): Diese Würdelosigkeit wiederum hat mir sehr geholfen, in meine Rolle hineinzufinden – es war dann nicht so schwer, auf Dimitrij herumzuhacken.

Herr Schaad, Sie spielen mit diesem Marc-Uwe Kling ja eine Figur, die sich das ausgedacht hat, was Sie spielen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

DK: Der Dimitrij ist zu uns in die WG gezogen, hat zwei, drei Jahre studiert, wie Marc-Uwe lebt und das dann eins zu eins gespielt. Was Schauspieler halt so machen – also wie Bruno Ganz das mit Hitler gemacht hat oder Tom Hanks mit diesem Mister Rogers.

Laut „Das Känguru-Manifest“ gab es das Angebot eines US-Majors, den Stoff zu verfilmen. Dazu hätte aber das Känguru kein Kommunist mehr sein dürfen, sondern nur noch ein gemäßigter Sozialdemokrat.

DK: Das ist korrekt! Und die hätten auf jeden Fall den Koala besetzt. Aber dafür wäre der Film in 3D gewesen! Marc-Uwe und ich mussten dann abwägen: 3D und Koala oder 2D und Känguru. Ich habe mich durchgesetzt.

Ist Ihnen mal der Gedanke gekommen, dass Sie als echtes Känguru nur deshalb die Rolle bekommen haben, weil man dann nicht mit teuren Animationstechniken ein Känguru in der Postproduktion des Films einfügen muss?

DK: Das ist ja wohl eine totale Verschwörungstheorie!

RT: Zweite Wahl!

DK: Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!

Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech im Interview mit Zitty Berlin
Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech. Foto: X Verleih/X Filme

Herr Schaad, die Rolle des Marc-Uwe ist schwierig, weil er als Schluffi so stark zurückgenommen ist. Sie mussten ganz oft nur sehr variantenreich gucken. War das schwer?

DS: Ja, es war schwer. Aber ich gucke einfach leidenschaftlich gerne. Das zurückgenommene Gucken hat allerdings schon zur Folge, dass man sich abends fragt, was man den Tag über so gemacht hat.

DK: Es gibt ja diesen berühmten Blog „Kim Jong-Il Looking at Things“, wo man den großen Führer Nordkoreas sieht, wie er Sachen anguckt. Davon haben wir auch eine Variante gemacht: „Dimitrij Schaad Looking at Things“.

Ist denn dieser Marc-Uwe auch mal selbst am Set aufgetaucht? War er leibhaftig da? Der Leibhaftige?

DS: Der leibhaftige Marc-Uwe, der mir Respekt eingeflößt hat … Ja, er ist schon ab und zu aufgetaucht. Das eigentlich Schwierige war, das richtige Humorlevel zu finden, das so umzusetzen, wie der Marc-Uwe sich das ausgedacht hat – und dass ich eben manches anders machen würde und …

DK: Können wir mal über etwas Spannenderes als über Marc-Uwe reden?

Okay, wir geben uns Mühe. Der Film spielt in einer Welt, die nur ein bisschen überzogen ist. Ist es nicht recht schwierig, heutzutage unsere bittere Realität noch satirisch überspitzt darstellen zu wollen?

DK: Ich finde, der Film verharmlost eher. Die Zustände sind nämlich tatsächlich nicht mehr überspitzbar, deshalb sind wir in die andere Richtung gegangen.

DS: Wir haben unterspitzt!

DK: Unterspitzt! Die Realität unterspitzt! (Zu Dimitrij:) Danke für das Wort! Gefällt mir!

Sie, Frau Thomass, sind 2014 aus Berlin nach München zurückgezogen. Ist das Berlin heute noch so wie früher: Anarchos, Kneipenkollektive, Kängurus?

RT: Das ganz wilde Berlin habe ich ja verpasst, dafür bin ich zu jung. Es hat sich schon viel geändert. Diese fortschreitende Gentrifizierung! Ich habe vergangenes Jahr vier Monate in der Reichenberger Straße gedreht und mich gefragt: Für wen ist diese Straße noch da? Für die Bewohner? Für Touristen? Was ist die Zielgruppe von diesen ganzen Seifengeschäften? Ich habe den Eindruck, dass Menschen kommen, die dem Kiez keinen Mehrwert bringen, sondern etwas heraussaugen und dann eine Leere hinterlassen, mit der ich im Alltag nichts anfangen kann. Ich gehe ja nicht jeden Tag in einen Laden und kaufe eine teure Seife.

Willkommen in der Hipsterhölle!

RT: Die stören mich ja nicht. Ich als Münchnerin liebe es, vielen unterschiedlichen Menschen zu begegnen; München ist von  
der Bevölkerung ja eher einseitig, auch durch die extrem teuren Mieten. Mich wundert es dann eher, wenn ich am Paul-Lincke-Ufer in ein Café gehe und feststelle: Wow, die Preise gibt es in München auch! Und dann frage ich mich: Für wen ist diese Stadt? In München ist das noch viel extremer wahrnehmbar: Die teuren Mieten sorgen für eine Art Selektion. Wer kann – oder will – 3.000 Euro Kaltmiete zahlen? Und diese Selektion macht eine Stadt irgendwann nicht mehr lebenswert.

Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech im Interview mit Zitty Berlin
Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech. Foto: X Verleih/X Filme

Könnten die „Känguru-Chroniken“ woanders spielen als in Berlin?

RT: In München würde das Konzept schon daran scheitern, dass ein herumhängender Kleinkünstler in einer riesigen Altbauwohnung lebt. In München müssten sich das Känguru und Marc-Uwe ein fensterloses Kammerl teilen.

Ist Satire das richtige Mittel gegen diese Entwicklung?

DK: Nein! (Pause) Aber wir können nichts anderes! Na ja. Schaden tut es jedenfalls auch nicht.

Wirklich? Besonders Kinder und Jugendliche sind Fans des Kängurus. Kommen die mit der unglaublichen Ironie dieser Geschichten klar?

DK: Logisch. Ich freue mich schon darauf, wenn diese Generation an die politische Macht kommt.

Schon Acht- bis Zehnjährige werfen mit kommunistischen Slogans um sich, die sie nur halb verstehen.

DK: Das liegt aber nicht am Alter – das geht vielen Leuten so, dass sie mit Slogans um sich werfen, die sie nur halb verstehen.

Vorhin sagten Sie, der Film würde die Kreuzberger, die Berliner Zustände verharmlosen…

DK: Nein, das habe ich nie gesagt!

Aha. Jedenfalls passt das Setting mit einem Görlitzer Park, der von einem skrupellosen Immobilienhai zu 40 Prozent zugebaut werden soll und dem Widerstand dagegen, recht gut in unsere Zeit.

DK: Dimitrij, sag du mal was!

DS: Oh Gott! Wenn es um Gentrifizierung geht, denke ich immer, ich bin die falscheste Person, irgendetwas darüber zu sagen.

Warum?

RT: Weil er in großem Stil Häuser aufkauft!

DS: Hauptsächlich das. Und es gibt den schönen Satz von Thomas Bernhard: „Ein intelligenter Schauspieler ist so selten wie ein Arschloch im Gesicht!“ (Rosalie Thomass lacht schallend) Es gibt doch so viele Leute in Berlin, die dazu mehr sagen können als ich. Ich bin ja auch nur hierhergezogen, um tonnenweise Cash zu scheffeln und die Stadt leerzusaugen wie ein Vampir.

Sie können sich also Ihre Miete noch leisten?

DS: Mein Leben ist ein Rausch, ich wohne auf 1.700 Quadratmetern im Loft.

DK: Mit so einem Aufzug für das fette Auto!

DS: Stimmt, ich habe für die Partyszene meine Wohnung zur Verfügung gestellt.

Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech im Interview mit Zitty Berlin
Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech. Foto: X Verleih/X Filme

Und die drei Porsches, die im Film eine Rolle spielen, von der wir hier nicht mehr verraten dürfen, gehören Ihnen auch?

DK: Drei von dreihundert! Was sind schon drei von dreihundert Porsches!

DS: Es war mir vollkommen egal. Ich vermisse sie nicht.

Frau Thomass, Herr Schaad, können Sie
es sich denn vorstellen, mit so einem Känguru in der Realität zusammen zu wohnen?

DK: Nein! Ach, die Frage ging gar nicht an mich?

RT: Ich mag keine Tiere, wenigstens nicht als Mitbewohner.

DS: Ich habe sehr schlimme Dinge erlebt, als ich meine Marc-Uwe-Ausbildung bekommen habe. Ich wurde gedrillt …

DK: Er musste unter der Treppe schlafen in einer kleinen Kammer. Ach nein, das war Harry Potter. Manchmal komme ich durcheinander! Aber zeitweise hattest du auch diese merkwürdige Narbe auf der Stirn!

Kann es sein, dass dieser ominöse Kling nur so nett tut, aber eigentlich ein brettharter Diktator ist?

DS: Ich bin mir ganz oft nicht mal sicher, ob es Marc-Uwe überhaupt gibt.

DK: Ich glaube auch, dass er in die WG nur reinanimiert wurde von einer teuren CGI-Firma.

Herr Schaad, Sie kommen ja vom Theater, dies ist Ihre erste große Filmrolle. Und dann müssen Sie ausgerechnet ein verhaltensauffälliges Känguru anspielen. Hätte auch besser kommen können beim ersten Film, oder?

DK: Warte mal! Wie hätte es denn noch besser kommen können?

DS: Frage ich mich auch. Nein, da ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Es war fantastisch. (Zum Känguru:) Bitte nicht mehr schlagen!

Frau Thomass, über Ihre Figur Maria erfahren wir im Film ja recht wenig.

RT: Das liegt daran, dass Marc-Uwe Kling wohl nicht gern Liebesgeschichten schreibt. Man erfährt in Filmen ja oft viel über Figuren durch ihr Verhalten.

DK: Oder wie sie gucken!

RT: Maria ist eine alleinerziehende Frau, die genug damit zu tun hat, sich über Wasser zu halten. Und sie kann nicht so gut mit Nähe umgehen. Da ist ein Typ namens Marc-Uwe, der sie gut findet, und sie findet den wohl auch gut. Aber weil sie Angst hat vor Verletzung, hat sie sich ziemlich hirnrissige Regeln ausgedacht, um den Typen emotional auf Abstand zu halten. Regeln wie „Keine Künstler“, „keine Musiker“.

Gab es einen Josef? Marias Sohn heißt schließlich Jesus …

RT: Ja, es gab einen Josef, aber der war ja vielleicht Künstler oder Musiker. Und Jesus ist doch ein total naheliegender Vorname. Ich weiß gar nicht, warum die Leute darüber stolpern!

DS: In Mexiko ist das ja auch ein ganz geläufiger Name: „Chesús“!

RT: Maria ist ja in den „Känguru-Chroniken“ auch Gott. Was ich wunderschön finde. Gott mit einem weiblichen Artikel ist ja überhaupt ein super unterschwelliges Statement von Marc-Uwe Kling. Wenn er hier wäre, könnte ich ihm das mal sagen!

DK: Oder auch überschwellig!

RT: Richtig!

Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech im Interview mit Zitty Berlin
Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech. Foto: X Verleih/X Filme

Die bayerische Anarchie ist ja legendär, bis hin zu Karl Valentin. Fühlen Sie sich in der schrägen Welt des Marc-Uwe Kling wohl?

RT: Ja, sehr. Ich fühle mich endlich mal nicht fremd. Mit alle den schrägen Figuren, die trotzdem immer glaubhaft sind. Beim Film ist es wie mit den Büchern: Man stellt das alles nie infrage, sondern nimmt es so an.

Schreibt man das Känguru eigentlich mit oder ohne H?

DK: Ohne!

Also neue Rechtschreibung?

DK: Ja, ich bin nicht so für das Alte. Es ist in Deutschland schwierig, für das Alte zu sein. Wenigstens für das Sütterlin-Alte.

Aber hat Ihr Gedankengut nicht auch etwas vom real existierenden Sozialismus der DDR?

DK: Deren erstes Problem: Sie war total spaßbefreit. Das zweite: Die DDR wollte aus ideologischen Gründen nur rote Zahlen schreiben.

Herr Schaad, Frau Thomass, war das nicht anstrengend, beim Dreh ständig ein Beuteltier um sich herum zu haben, das immer im Mittelpunkt stehen will?

DS: Ich bin nicht befugt ist, die ganze Wahrheit zu sagen, wir haben uns da juristisch geeinigt. Nur so viel: Wenn zwei, drei Sätze so kamen, wie Marc-Uwe sie geschrieben hat, konnte man von einem guten Take sprechen.

DK: Es war schon so, dass ich mehr Inhalt in den Film reinbringen wollte. Und ich hatte auch mal meinen Text nicht gelernt und musste dann improvisieren – ich habe dann das gesagt, was ich in dieser Situation sagen würde.

Wenn der tierische Hauptdarsteller ständig seinen Text nicht drauf hat, dann kann so ein Film ja auch zerfasern, oder?

DS: Ja, die vielen Blicke von mir sind ganz oft hinterher hineingeschnitten worden, um massive Plotholes zu kaschieren.

DK: Um sie wegzublicken – ein Terminus aus dem Filmbusiness: Plotholes wegblicken!

Die Geschichten des Kängurus sind ja immens erfolgreich. Eine unfassbare Karriere. Wirkt das Beuteltier mitunter etwas abgehoben?

DS: Ich glaube, das Känguru war schon immer, was es ist. Und es bewegt sich in Sphären, aus denen man es nicht mehr herunterholen kann.

DK: Wohin soll ich denn noch gehen? Irgendwann steht man eben auf dem Gipfel.

RT: Ich hatte vor der Einladung zum Casting absolut nichts von dem Känguru-Phänomen mitbekommen. Das ist genauso an mir vorbeigezogen wie seinerzeit Harry Potter – ich habe eine Gabe für so etwas. Ich habe zuerst das Drehbuch gelesen und gedacht: Oh, wer schreibt denn in Deutschland so etwas Witziges? Ich hatte dann also viel nachzuholen und mich hineingewühlt in die vier Bücher – das war wie bei einer tollen Serie, die man verpasst hatte: Hurra, noch sieben Staffeln vor mir! Und wo immer ich das Wort „Känguru“ nur erwähnt habe, sind die Leute total wuschig geworden: „Du musst dir unbedingt diesen Job sichern“, haben sie gesagt.        

DS: Ich kannte Harry Potter. Und ich wusste grob von den „Känguru-Chroniken“, hatte aber keine Ahnung, welches Ausmaß das mittlerweile angenommen hat.

DK: Dann hat er sich bestimmt mal die Hörbücher … angeguckt. Eben wieder ein anderer Blick.

Das vierte Buch „Die Känguru-Apokryphen“ sollte ja eigentlich gar nicht mehr erscheinen …

DK: Ja, zwischendurch hatte Marc-Uwe keine Lust mehr, immer nur mitzuschreiben, was ich sage, sondern wollte sich auch mal selber was ausdenken. Aber ich habe ihn dann wieder auf Linie gebracht.

Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech im Interview mit Zitty Berlin
Das Känguru: Anarcho-kommunistisch und frech. Foto: X Verleih/X Filme

Die „National-konservative Partei für Sicherheit und Verantwortung“ tauchte schon vor der Gründung der AfD in den „Känguru-Chroniken“ auf – eine Blaupause?

DS: Sie meinen, dass Marc-Uwe sie kreiert hat, um seine Bücher interessanter zu machen?

DK: Das meinte er doch nicht! Sondern nur, dass Satire kopiert wird! Aus Marc-Uwes Roman „QualityLand“ ist auch schon viel wahr geworden. Ich rede da öfter mit ihm drüber und rate ihm: Schreib doch mal positive Geschichten, positive Utopien, in denen es allen gutgeht. Aber er sagt dann immer: Das ist nicht spannend. Aber ich kriege den schon noch dazu, das nächste Buch wird bestimmt super langweilig, aber schön.

Von einer Känguru-Frau ist ja nie die Rede …

DK: Männlich und weiblich sind bürgerliche Kategorien!

Man weiß auch manch anderes nicht, selbst das Alter ist umstritten. Sie behaupten zum Beispiel, beim Vietcong gekämpft zu haben …

DK: Korrekt!

Aber andere Kängurus werden im Schnitt nur 15 Jahre alt!

DK: Die ernähren sich falsch! Wenn Sie das essen würden, was die da in Australien essen, würden Sie auch nur 15 Jahre alt werden. Da muss eben ab und zu eine Schnapspraline her oder ein Eierkuchen.

Haben Sie eigentlich einen Vornamen?

DK: Natürlich! Aber der ist geheim. Ich heiße doch nicht Känguru!

Wie nennt Sie denn der Marc-Uwe?

DK: Für wie blöd halten Sie mich? Ich habe doch gesagt, der Name ist geheim!

Sie könnten sich ja mit Ihrer soeben begonnenen Schauspielkarriere einen Künstlernamen zulegen.

DK: Ja: Känguru. Aber DAS Känguru, nicht ein Känguru.

Können Sie sich eine Fortsetzung des Films vorstellen?

RT: Nee, ich habe keinen Bock mehr. Wenn das mit der Liebesgeschichte nicht ausgebaut wird, bin ich raus. Aber wenn das Geld stimmt, mache ich es dann natürlich trotzdem.

DS: Bei mir ist es so: Ich brauche das Geld einfach nicht. Aber ich würde es machen, weil ich noch so viele Blicke in mir habe, die die Welt sehen sollte.

DK: Und es gibt auch noch die eine oder andere politische Botschaft, die ich nicht unterbringen konnte.

Wie stehen Sie zu den unglaublich dreisten, aus anderen Filmen geklauten Passagen? Wir sagen nicht, welche, wir wollen ja nicht spoilern.

RT: Da ich nur meine eigenen Filme gucke, kenne ich die natürlich nicht!

DK: Die sind nicht geklaut, das ist eine Hommage. Eine (sehr französisch betont) „HOMMAGE“!

DS: Ich bin mal gespannt, wie viele Leute diese Passagen erkennen werden. Auch innerhalb des Filmteams haben viele sie nicht erkannt.

DK: Es ist nicht nur ein Film, es ist gleichzeitig auch ein Filmquiz.

DS: Ich finde es überaus sympathisch, wenn ein Film eine gewisse Druckhaltung beim Zuschauer aufbaut, sich womöglich als dumm zu outen.

Wir finden es ja auch schön, dass man nicht immer alles verstehen muss.

DK: Immer alles zu verstehen, ist ja auch eine Last. Ich bin bereits an dem Punkt, ich weiß, wovon ich rede. Mit großer Macht kommt große Verantwortung! Das macht es auch schwierig, sich mit anderen zu unterhalten. Ständig denkt man: Oh Fuck, jetzt muss ich wieder erst die ganze Basis legen!                

Das Gespräch führten Erik Heier, Martin Schwarz und Rocco Sachweh

Alle Infos über Marc-Uwe Kling, seine anderen Werke und das Känguru gibt es hier:https://marcuwekling.de/de/werke/