Afghanistan

Das Land der Erleuchteten

Wie Kinderbanden am Hindukusch leben, das erzählt dieser Mix aus Dokumentar- und Spielfilm.

ZITTY-Bewertung: 3/6
ZITTY-Bewertung: 3/6

Kunar, Afghanistan. Ein Junge, um die 14 Jahre alt, sitzt auf einem staubigen Feld. Sein künstliches Bein liegt neben ihm. Mit einem Pflock schaufelt er vorsichtig eine Landmine frei. Er streicht behutsam über sie. „Ich grabe dich langsam aus. Explodier bitte nicht. Du bist mein Freund“, murmelt er leise. Zärtlich schaut er auf die hellgelbe, fußballgroße Kapsel. Er hebt sie aus der Erde. Sie explodiert nicht. Der Junge gehört zu einer Generation, die mit dem Krieg aufgewachsen ist.

Das Land der Erleuchteten
Pieter Jan DePue

In Jan-Pieter De Pues Film „Das Land der Erleuchteten“ lernt man Kinder kennen, die in der Ödnis des Landes zurückgezogen leben und für sich selbst sorgen. Sie sind Teil eines Systems, das sich jenseits von Gesetzen in dem instabilen Staat etabliert hat. Sie überfallen Schmuggler auf der Handelsroute nach Pakistan, buddeln Landminen aus und verkaufen sie an Arbeiter im Bergwerk. Ihr Spielplatz sind alte, verrostete Panzer. Dort suchen sie nach verwertbaren Metallresten, die sie an Schrotthändler verkaufen.

Im Film ist die Szene, in denen die Überlebenskünstler zwischen den wuchtigen Fahrzeugen herumtollen, mit einem Violinkonzert von Bach unterlegt – deutlicher könnte die Diskrepanz zwischen der Realität der Kinder und einem friedvollen, behüteten Dasein nicht sein. Regisseur De Pue war auch zu Besuch bei in Afghanistan stationierten amerikanischen Soldaten. Im Gegensatz zu den Kindern leben die GIs in ihrer westlichen Blase. Sie sind die Antithese zu den Kindern, wenn der dumpfe Bass ihrer House-Musik durch die unberührte Gebirgslandschaft dröhnt und sie im Fitnessraum ihre Muskeln stählen. De Pue zeigt ein Afghanistan Natur mit schneebedeckten Bergen, saftig grünen Flusslandschaften und flirrenden Feldern voller Schlafmohn. Dennoch: Wer auf der Suche nach einer informativen Dokumentation ist, wird vielleicht enttäuscht sein.

Wer sind die Kinder? Woher kommen sie? Und wo sind ihre Eltern? Der Film wird es uns nicht verraten. De Pue war ursprünglich als Fotograf für verschiedene NGOs in Afghanistan unterwegs und kam dann auf die Idee, die Geschichte der Kinderbanden, die er auf seinen Reisen traf, zu erzählen. Weil er auch ihren Träumen und Wünschen eine Plattform geben wollte, entschied er sich für ein halb-fiktionales Format. Dafür suchte er gezielt Kinder, die bereit waren, sich im Film selbst zu spielen. Dadurch ergibt sich allerdings ein Authentizitätsproblem; als Zuschauer weiß man nicht mehr, was man glauben soll. Zudem müsste der Film, wo er doch fiktive Elemente beinhaltet, wenigstens einer gewissen Narration folgen, damit man überhaupt noch vorsteht, was vor sich geht.

Tatsächlich ist der arglose Traum eines der Kinder, nach dem Abzug der Amerikaner im königlichen Palast in Kabul zu leben, so ziemlich der einzige Handlungsstrang, an dem sich der Film entlanghandelt. Der Rest ist eine Aneinanderreihung von Realitätsschnipseln, die uns aber nichts darüber erzählen, was tatsächlich in den Kindern vorgeht; ihre Figuren bleiben seltsam diffus.   Leonie Brovot

The Land of the Enlightened (OT) B/D/IR/NL 2016, 87 Min., R: Pieter-Jan De Pue, Start: 8.12.