Rock’n’Roll-Theater

Das Missverständnis

It’s only Rock’n’Roll but I like it: ­Jürgen Kruse macht aus Albert ­Camus’ ­Farce ein Pop-Stück

Guter Groove: Barbara Schnitzler, Linda Pöppel, Manuel Harder – Foto: Arno Declair

Der Regisseur Jürgen Kruse ist so eine der letzten großen Geschmacksfragen des Theaters. Manche sagen: Bitte, Kruse, das ist die immergleiche Platte seit zig Jahren, playing the same old tune, Kalauer bis der Arzt kommt, Denglisch für Hartgesottene, merci, mercy vielmals.

Und dann gibt’s die, für die Kruse so etwas wie der Keith Richards der Theaterregie ist: der Mann mit dem besten Plattenschrank, der Rockpoet, der Texte wie Kautabak kosten lässt und bei dem es stets ausschaut wie in der Bude einer alten Wahrsagerin.

Am DT zeigt ­Kruse „Das Missverständnis“ von Albert Camus. In einem abgelegenen Hotel haben sich eine Mutter und ihre Tochter Martha darauf verlegt, einsame Gäste umzubringen und auszurauben. Eines Tages kehrt der verlorene Sohn/Bruder Jan zurück, möchte sich erst einmal nicht zu erkennen geben und fällt prompt dem mörderischen Matriarchat zum Opfer. Tragisch, tragisch. Und philosophisch auch: Die Fata­lität verweist auf die absurde Situa­tion des Daseins.

Kruse macht aus dem ­Hotel eine Voodoo-Lounge, streut Anspielungen und Rocksongs ohne Ende und hetzt in wilden Knatter-Wortspielen die famose Linda Pöppel als Martha auf den Obercowboy Manuel Harder als Jan. Satte Überfülle, herrliche Sinnzerstreuung (also eigentlich reinster Camus). Und ­guter Groove. It’s only Rock’n’Roll but I like it.­
CHRISTIAN RAKOW

16. + 25.12., 19.30 Uhr, Kammerspiele des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a, ­Mitte. Co-Regie: Jürgen Kruse; mit Linda Pöppel, Alexandra Finder. Eintritt 23–30, erm. 9 €

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