Musik

Das Musicboard Berlin

Unsexy Sehnsucht: Im Januar nimmt das Musicboard seine Arbeit auf. Selbst die neue Musikbeauftragte glaubt, dass mit dem beschränkten Budget vor allem Symbolpolitik möglich sein wird.

 

Die E-Mails kommen schon. Jeden Tag trudeln die Probleme und Anliegen, die Wünsche und Hoffnungen in ihr Postfach. ­Dabei ist Katja Lucker noch nicht einmal im Amt. Eben erst ist sie als erste Musikbeauftragte des Landes Berlin bestallt worden, im Januar soll das von ihr geleitete Musicboard die Arbeit aufnehmen, schon jetzt aber wird sie konfrontiert mit den großen Erwartungen der Berliner Musik­szene. Erwartungen, die sie, sagt Lucker, „bevor ich überhaupt angefangen habe, auch gar nicht dämpfen will“.

Die elektronische Post dürfte allerdings nur ein Vorgeschmack sein. Die Musikbeauftragte wird, sobald sie ihr Amt angetreten und ihr Team zusammengestellt hat, vermutlich sehr schnell im Mittelpunkt eines großen Gezerres stehen. Denn bislang ist zwar klar: Es wird ein Musicboard geben, dem im Jahr 2013 genau eine Million Euro aus dem Berliner Haushalt zusteht. Aber: Was mit diesem Geld geschieht, ja, was das Musicboard überhaupt leisten soll, das weiß bislang noch niemand genau.

Diese Unsicherheit erklärt sich zumindest teilweise aus der Geschichte der neu ­geschaffenen Institution. In die Welt kam die Idee durch die große Koalition. In der Vereinbarung zwischen SPD und CDU vom November 2011 wird ein „Music-Board“, noch mit Bindestrich, auf 98 Seiten genau zwei Mal erwähnt. Dieses soll gegründet werden, um „die Kompetenzen für den ­Bereich Kreativ- und Medienwirtschaft zu bündeln“. Genaueres hatten die Koalitionäre nicht festgelegt, aber der Senat ging in die Offensive: Bei drei Anhörungen im März durften Netzwerke, Verbände, Musiker, Labels, Clubbetreiber und andere Akteure ihre Vorstellungen einbringen.

Die Ergebnisse aus diesen „Dialogen“ waren allerdings, gelinde ­gesagt, eher diffus. Die Forderungen reichten von offensichtlich („mehr Transparenz“) bis utopisch („mehr Geld“), von praktisch („Clubs erhalten“) bis philosophisch („kulturelle Anerkennung der populären Musik“). Moderatorin dieser Diskussionen war bereits Katja Lucker. Dabei durfte sie feststellen: „Es gibt vor allem eine große Sehnsucht der Szene, ernst genommen zu werden.“

Dieses Ernstnehmen dürfte bei der neuen Musikbeauftragten in guten Händen sein. Als Kulturmanagerin war die 43-jährige Lucker zuletzt vor allem für das Kesselhaus in der Kulturbrauerei und den Karneval der Kulturen zuständig, sie sitzt in Jurys, arbeitet in verschiedenen Gremien und ist Vorsitzende der Berlin Music Commission: Eine Meisterin des Networking. Und genau das will sie nun, nur im Dienste des großen Ganzen, auch weiter machen: „Es gibt genug kreative und engagierte Köpfe in der Stadt, die muss man einbinden.“

Ihre vielen anderen Aufgaben gibt ­Lucker gerade ab, erfordert der neue Job doch die ganze Frau. Wenn sie ihre Büro­räume und ihre drei Mitarbeiter gefunden hat, wird sie sich daran machen, das Konzept umzusetzen, das die Senatskanzlei aus den Anhörungen destilliert hat. Das besteht aus drei zentralen Punkten: Das Musicboard soll einerseits ­„Anlaufstelle für die Berliner Musikszene“ werden, ­andererseits „die Berliner Infrastruktur verbessern“ und schließlich auch noch „die Vermarktung Berlins als internationalen Musikstandort stärken“.

Das alles, meint dagegen Katrin Schmidberger, sei kaum das Papier wert, auf dem es ­gedruckt ist. Der Wunschzettel aus der Senatskanzlei, sagt die grüne Abgeordnete, sei ihr „viel zu oberflächlich“. Das Konzept greife zu kurz, die vorgesehenen Strukturen seien zu hierarchisch. Eine offene und vielfältige Beteiligung der Szene sei nicht gegeben, der Senat versuche ­„einige Akteure politisch zu vereinnahmen, statt sich endlich um gute Rahmenbedingungen zu kümmern“, sagt Schmidberger. Berlin habe sich längst als Musikstandort etabliert, nun gelte es  vielmehr „die Freiräume zu erhalten, die es gibt, und wenn möglich sogar neue zu schaffen“.

Das könne aber nur mit konkreter Liegenschafts- und Mietpolitik gelingen. Kurz gesagt: Berlin muss billig bleiben, um weiter kreativ sein zu können. Deshalb geht Schmidberger das Senatskonzept nicht weit genug: Vor allem der letzte der drei Eckpunkte erzürnt die Grüne: „Wir brauchen keine weiteren Messestände oder Imagekampagnen, sondern eher konkrete Maßnahmen wie einen Fonds für Lärmschutzmaßnahmen.“

Die designierte Musikbeauftragte ist durchaus derselben Meinung, wenn auch aus ganz praktischen Gründen. Mit dem Etat des Musicboards, sagt Lucker, „kann man eh keine riesigen Marketing-Maßnahmen finanzieren“. Ein Drittel der Million, schätzt Lucker, wird zumindest im ersten Jahr noch für Installierungs-, Verwaltungs- und Personalkosten aufgewendet werden müssen, mindestens die restlichen zwei Drittel sollen in die Förderung gehen. „Diese Million ist nicht wirklich viel Geld, aber ein Anfang. Meine Aufgabe wird es ja auch sein, dieses Geld durch kluge Kooperationen zu vermehren“, sagt Lucker. „Vor allem aber ist es ein Zeichen, dass die Politik den Pop nun erst nimmt.“

Ihre Aufgabe wird es deshalb vor allem sein, vorhandene Strukturen zu verknüpfen und Musikern, Clubs, Produzenten oder Labelmachern längst installierte Förderungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Darüber hinaus könnte das Musicboard eine Stelle werden, die zwischen den sich widersprechenden Interessen von Clubs und Anwohnern vermittelt.

Doch noch viel wichtiger als die konkrete Arbeit aber könnte sein, dass mit dem Musicboard, einer in dieser Form einmaligen Einrichtung in Deutschland, die Popmusik nun erstmals institutionell von staatlicher Seite gefördert – und so als gesellschaftlich und wirtschaftlich relevantes Kulturgut anerkannt. Man wird sehen, ob das Musiker tatsächlich weniger arm macht – oder bloß weniger sexy.

 

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