Das neue Frollein Wunder

Berliner Musikerinnen und Retro-Diven

Früher war alles bunter: Erstaunlich viele Berliner Musikerinnen schwelgen in Nostalgie und beschwören gute alte Zeiten herauf – welche auch immer

Als Cornelia Froboess Ende Oktober ihren 70. Geburtstag feierte, vergaß keiner der Gratulanten, die Wandlung der schon im Kindesalter erfolgreichen Sängerin und Schauspielerin zur ernsthaften Charakterdarstellerin zu würdigen. Wenn man sich heute so umguckt, scheint allerdings die junge Froebess, die noch ­Conny hieß und als Berliner Göre die Badehose einpackte, die größeren ­Spuren hinterlassen zu haben.

Ist es doch unübersehbar: Durch Berlin rollt eine gewaltige Retro-Welle. Es sind Bands wie Petting oder Prag, vor allem aber Sängerinnen wie Marla Blumenblatt, Kitty Hoff, Frau Schmidt, Betty Dittrich, Iris Romen, Vivian van der Spree oder ­Louise Gold, die sich musikalisch vor allem an der Vergangenheit orientieren – ganz zu schweigen von der allseits ­beliebten Electro-Swing-Szene, die bei ihren ­Partys mit großem Erfolg den Eindruck erweckt, als seien die ­Roaring Twenties niemals zuende gegangen.

Die Retro-Diven besingen ein Berlin,
das womöglich sogar realer ist
als die Hipster-Metropole

Die Nostalgikerinnen sind sich allerdings ganz und gar nicht ­einig, welche vergangene Ära sie jeweils wiederaufleben lassen: Die 20er-Jahre waren es einstmals bei Kitty Hoff, der dienstältesten Vertreterin der Retrobewegung, die schon seit 2005 Cocktailkirschen zum Swingen bringt, mittlerweile aber eher dem Chanson zugeneigt ist. Als Diva aus den 30ern inszeniert sich Elisa Schmidt, die als Sängerin auf ihren Vornamen verzichtet, und lässt ihre Band verruchten Bar-Jazz spielen. Iris Romen trägt nicht nur Bänder im Haar, sondern auch die 50er im Herzen. Zwischen 50ern und 60ern positioniert sich Betty Dittrich, klingt mal nach ­Petula Clark, mal nach – eben – Conny Froboess. Ebenso weit zurück, wenn auch eher auf Jazz-Traditionen, blicken die gebürtige Potsdamerin Louise Gold und ihr Quarz Orchestra. Bereits in den 60ern angekommen sind Petting um die Sängerin Malika ­Ziouech. Die Chansons und Schlager der 70er sind sowohl für Vivian van der Spree, die nun ihr Album „Zurück in Berlin“ herausbringt, als auch für das Trio Prag, bei dem die Schauspielerin Nora Tschirner mitwirkt, die allergrößte Inspirationsquelle.

Poster-Girl der Vintage-Welle aber ist Marla Blumenblatt, die vom ZDF schon zur „schönsten Entdeckung des Retro-Pop“ ­ernannt wurde. Die gebürtige Österreicherin, die früher als Tänzerin in Paris arbeitete, spricht immer noch ein unüberhörbar Wienerisch gefärbtes Deutsch, setzt aber auch so ihrer Wahlheimat auf ihrem Album „Immer die Boys“ ein Denkmal. Die 28-Jährige besingt zwar die „Lichter von Berlin“, aber die beleuchten nicht die Schlange vor dem Berghain. Berlin sei, sagt sie in einem ­Interview, zwar „wie Paris und New York gemeinsam“. Aber der „wunderbare Ort“, von dem Blumenblatt in ­ihren Liedern berichtet,  ist ein provinzielleres, gemütlicheres, vielleicht auch biederes Berlin, eines, in dem man zwar abends durchaus einen draufmachen sollte, das aber nicht so sehr auf der Warschauer Brücke pulsiert, sondern eher an einem Sonntag­nachmittag aus Marienfelde anreist, um ganz entspannt im schmucken Blümchenkleid aus dem Second-Hand-Shop übers Tempelhofer Feld zu schlendern.

Schlussendlich bilden auch die vielen Retro-Sängerinnen also nur eine Berliner Realität ab, die ebenso lebendig ist wie jenes Berlin, das die Image-Kampagnen des Senats heraufbeschwören. Eine Realität, die vielleicht sogar realistischer ist als das Bild von der Hipster-Hochburg.

Konzerte und hier zitty stellt die vier Frolleins vor

17.11. Vivian van der Spree
Record Release Konzert (20 Uhr)
Aufsturz, Mitte, Eintritt 7 Euro

15.12. Marla Blumenblatt (20 Uhr)

Grüner Salon, Mitte, Eintritt 16 Euro

18.11. Iris Romen (22 Uhr)
White Trash Fast Food, Prenzlauer Berg
20.11. (22 Uhr), A-Trane, Charlottenburg
4.12. (22 Uhr), Auster Club, Kreuzberg

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