„Vielleicht war mein Metzgersgroßvater ein Pavarotti“

Interview mit Alice Köfer von Vocal Recall

Die Berliner Sängerin Alice Köfer über Sprachbarrieren, frühe Mutterschaft und das neue Programm ihrer Band Vocal Recall
Interview: Tabea Meyers und Mareike Urban

Musikvideo mit Alice Köfer (Text / Musik: Pigor & Eichhorn)

Frau Köfer, mit Ihrem Ensemble Vocal Recall covern sie bekannte Hits – aber mit deutschen, lustigen Texten. War das von Anfang an so geplant?

Tatsächlich war der Deal zuerst, eine Galaband zu machen. Also eine Band, die Hits schön mehrstimmig aufbereitet und die Vorstellungen als Dienstleistung anbietet.

Wieso kam es dazu nicht?

Wir dachten uns schon beim dritten oder vierten Lied, dass man daraus doch etwas Lustiges machen könnte. Also haben wir das weiter verfolgt und schon bei unserem ersten abendfüllenden Auftritt zur Hälfte eigene Lieder gesungen. Dabei haben wir gemerkt, dass sich das Publikum über die deutschen Texte köstlich amüsiert. Inzwischen haben wir die Ursprungsidee der Galaband komplett fallen gelassen. Wir haben Lust darauf, mit Sprache zu spielen und die Leute zum Lachen bringen.

Wie kommen die Texte zustande?

Grundsätzlich bringen alle Beteiligten Ideen in die Gruppe ein, dann brainstormt man zusammen und lacht sich schlapp. Wenn man es am nächsten Tag immer noch lustig findet, arbeitet man das Lied aus. Sehr viele Texte hat Martin Rosengarten geschrieben, der der musikalische Leiter der Gruppe und einer der Pianisten ist. Aber oft kann man am Ende gar nicht mehr auseinanderhalten, was von wem kommt. Einer hat die Idee, der andere arbeitet sie aus und ein Dritter sagt: „Ach, aber da am Ende, da würde ich’s noch ein bisschen anders machen.“ Es ist ein gemeinsamer Prozess – und das ist auch der Idealfall, finde ich.

Alice Köfer

Die Berliner Sängerin Alice Köfer, geboren 1976 in Potsdam, erfindet mit ihrer Band Vocal Recall internationale Hits neu – auf Deutsch. Nebenbei führt sie Schüler und angehende Musiklehrer in die Gesangskunst ein und ist Mutter von zwei Söhnen. Sie ist verheiratet mit dem Musikkabarettisten Benedikt Eichhorn (Pigor & Eichhorn). (Foto: Barbara Koedel)

Sie spielen 60 bis 80 Konzerte im Jahr in ganz Deutschland. Besonders bei Ihnen kommt auf der Bühne die Berliner Schnauze durch. Treffen Sie da manchmal auf Sprachbarrieren, wenn Sie in anderen Teilen des Landes unterwegs sind?

Dazu muss ich sagen, dass der Berliner Dialekt eigentlich überall lustiger ist als in Berlin. In München zum Beispiel finden sie das total erfrischend.

Wieso?

Berlinerisch ist in Berlin ja umstritten. Es gibt Leute, die es zelebrieren, aber es gibt auch viele Berliner, die das Berlinerisch nicht mögen, weil es für sie einen Beigeschmack von ‚Unterschicht‘ hat. Ich bin in einem Dorf in Brandenburg aufgewachsen, wo viel flächendeckender berlinert wird als in Berlin. Abitur habe ich aber in Berlin-Zehlendorf gemacht – und da war berlinern „bäh“. Also habe ich es mir ein wenig abgewöhnt. Aber nach ein paar Wochen, die ich auf die Oberschule gegangen bin, hat sich meine Familie beschwert, dass ich so etepetete sprechen würde. Seitdem kann ich immer umschalten.

Apropos Familie. Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass sie Metzgersenkelin sind …

(lacht) Es ist tatsächlich so, dass mein Großvater aus Dessau kommt und eine Metzgerei hatte. Aber, da muss ich der Vollständigkeit halber sagen: Mein anderer Großvater ist Schauspieler. Und jeder der mich kennt, weiß, dass ich diesen Schauspielergroßvater habe. Das ist ein kleiner Insider-Witz.

Wie kommt man als Metzgers- oder Schauspielerenkelin zum Gesang?

Als Teenager war es mein Wunsch, Psychologie zu studieren. Aber während des Abiturs war ich dann in einer semi-professionellen Musicalgruppe. Da bin ich so aufgeblüht, dass ich mir vorgenommen habe, es einfach mal an einer Musikhochschule zu versuchen.

Hatten sie da mit ihrem Elternhaus zu ‚kämpfen‘?

Nein, meine Eltern haben mich super unterstützt. Am Anfang haben sie versucht, mich davon abzuhalten, indem sie halbherzige Vorschläge gemacht haben, wie: „Du, ich habe gelesen, Optiker werden gesucht.“ Aber ich bin da nie drauf eingegangen. Und als ich meinen Eltern verklickert hatte, dass ich Sängerin werden will, haben sie mir Rückhalt gegeben. Wirklich helfen konnten sie mir zwar nicht, weil sie in der Filmbranche aktiv und eher visuelle Typen sind. Das Lustige ist ja, dass meine Eltern und mein Bruder überhaupt nicht singen können, behaupten sie jedenfalls.

Woher kommt denn dann Ihr Gesangstalent?

Ich weiß nicht. Vielleicht war mein Metzgersgroßvater in Dessau eigentlich ein Pavarotti…

 

Neben Vocal Recall sind Sie noch Gesangslehrerin und Mutter von zwei Söhnen. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Grundsätzlich bin ich jemand, der die beste Laune hat, wenn er unter Stress steht. Meine Kinder habe ich ziemlich früh, mit Mitte 20, während des Studiums bekommen. Da war ich natürlich erstmal etwas überfordert. Aber rückblickend betrachtet muss ich sagen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Als Frau den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, Kinder zu kriegen, ist ja gar nicht so einfach. Inzwischen sind die Jungs in einem Alter, wo sie auch mal alleine zu Hause bleiben können. Ich kann mich also mittlerweile immer besser beruflich entfalten und zum Beispiel Musikunterricht geben. Aber auch da versuche ich, nicht zu übertreiben, damit ich mir auch mal einen Tag Pause gönnen kann.

Sind Sie gerne Lehrerin?

Ja. Wissen weiterzugeben hat für mich etwas zutiefst Zufriedenstellendes. Ich hätte nie gedacht, dass ich so gerne unterrichte. Aber es gibt mir Energie und Inspiration, wenn die Schüler gut gelaunt aus dem Unterricht gehen oder vielleicht sogar Musik anschleppen, die ich gar nicht kannte. Aber nur Gesangslehrerin zu sein, das würde mir wahrscheinlich nicht reichen. Beides zu machen, finde ich momentan ideal.

Auf YouTube beweisen Videos, dass Sie auch als Solosängerin glänzen. Wären Sie denn in Zukunft an Soloprojekten interessiert oder liegt Ihr Fokus auf Vocal Recall?

Vocal Recall ist schon mein „Baby“, und da hängt mein Herz dran. Ich will aber auch nicht ausschließen, dass ich nicht noch andere Pfade einschlagen könnte. Dann wahrscheinlich aber nicht als Jazzsängerin, sondern in der Kleinkunstszene, da fühle ich mich sehr wohl. Meine Kernkompetenz liegt einfach in der Verbindung von Gesang, Sprache und Humor.

Bei Vocal Recall stehen sie als selbstbewusste Frau allein unter Männern auf der Bühne. Gibt es da manchmal Situationen, in denen Sie sich durchsetzen müssen?

Das ist bei uns in der Band kein Thema. Natürlich weiß ich, dass es keine Selbstverständlichkeit ist und auch anders laufen könnte. Ich schätze es, dass ich meine Bandkollegen an meiner Seite habe.

Sehen Sie sich als die einzige Frau als Frontperson der Band?

Manchmal werde ich als Frontfrau wahrgenommen, aber das ist so nicht gedacht. Wir sind drei Sänger mit einem Pianisten, und ich bin zufällig eine Frau. Wir hatten auch schon mal überlegt, ob es funktionieren würde, wenn es zwei Frauen und ein Mann wäre, aber das wäre eben nicht Vocal Recall.

Sie tragen auf der Bühne stets dieses goldene Kleid. Ist das ihr Markenzeichen?

Inzwischen ist das goldene Kleid schon irgendwie zu einem Markenzeichen geworden. Vielleicht denken die Leute: „Das ist doch die Band mit der Goldenen Frau!“ Aber wir überlegen uns gerade, ob man diese Kontinuität nicht auch mal durchbricht. Ich glaube, man könnte es wagen, dem Publikum zuzumuten, dass da etwas anderes passiert.

Ihr Markenzeichen sieht ziemlich schwer aus. Wissen Sie, wie viel Ihr Kleid wiegt?

Ich glaube, es gibt kaum ein Kleid, das so leicht ist. (lacht) Ich kann Ihnen verraten, das ist ein ganz feiner und dünner synthetischer Stoff, leicht wie Papier. Das macht das Kleid natürlich sehr tourkompatibel. Während meine Kollegen auf Tour ihre Hemden bügeln müssen, kann ich mein goldenes Kleid einfach in den Koffer packen, ohne mir Gedanken über lästige Falten machen zu müssen.

www.alice-koefer.de

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