Graue Schläfen klingen gut

Das neue Solo-Album von Bela B.

Mit seinem neuen Solo-Album „bye“ wird Ärzte-Schlagzeuger Bela B. vielleicht nicht erwachsen, aber immerhin sehr erfolgreich älter Text: Thomas Winkler

Es ist eine Weile her, da hat sich Dirk Felsenheimer die Haare an den Schläfen grau gefärbt. Der Grund war, dass Dirk Felsenheimer ein großer Comic-Fan ist und seine beson­dere Liebe den Fantastic Four gilt, deren Mr. Fantastic dort schon arg ergraut ist. Trotzdem fand es kaum jemand sonderbar, dass sich ein junger Mann älter macht, als er ist, denn Dirk Felsenheimer nennt sich Bela B. im Berufsleben und spielt bei einer recht erfolgreichen Rockband namens Die Ärzte das Schlagzeug. Das ist ein Vorteil des Popstardaseins: Man kann mit seinen Haaren machen, was man will. Man muss sogar: „Stil bedeutet, dass man den Leuten auf der Bühne ansieht, wie ernst sie es meinen“, sagt Bela B.

Bela B. Foto: Konstanze Habermann
Bela B.
Foto: Konstanze Habermann

Mittlerweile sind allerdings ein paar Jahre ins Land gegangen. Bela B. ist von Berlin nach Hamburg gezogen, bekennender St. Pauli-Fan geworden, hat so oft die Frisuren gewechselt, dass irgendwann einmal nicht einmal mehr die „Bravo“ hinterher kam, ist trotzdem immer noch sehr erfolgreich mit den Ärzten, aber offenbar nicht immer völlig ausgelastet. Deshalb hat er mal wieder ein Solo-Album aufgenommen. Mit „bye“ offenbart der Herr B., der sonst eher als Punk­rocker bekannt geworden ist, seine Liebe zu Americana im Allgemeinen und zur Country-Musik im Speziellen. Dazu passend muss sich Dirk Felsenheimer nicht mehr das Schläfenhaar färben, denn das ist schon grau.

Man kann sich also anlässlich von „bye“ die Frage stellen: Ist Bela B. erwachsen geworden? Sicher ist vor allem: Bela B. ist älter ­geworden. Im vergangenen Dezember hat der gebürtige Berliner seinen 51. Geburtstag ­gefeiert, sieht aber sehr viel jünger aus. Seit ein paar Jahren praktiziert er in Hamburg als Vater einer glücklichen Kleinfamilie, liest aber immer noch begeistert Comics. Und mit „bye“ macht er nun also, unterstützt von der Nürnberger Band Smokestack Lightnin’ und der Hamburger Musikerin Peta Devlin, einen musikalischen Ausflug ins ferne Amerika, bleibt sich aber dann doch treu, indem auch seine neuen Songs mit verquerem Humor ­gebrochen werden, bevor sie zum Klischee verkommen können.

Bestes Beispiel dafür auf dem neuen Album ist der Song „Sentimental“, der zwar vorgibt eine – eben – sentimentale Liebeserklärung zu sein, diese Illusion aber schon mit der allerersten Zeile zerstört: „Ich sitze auf einem Spermafleck“, singt Bela B. da, ohne dass seine Stimme auch nur ein wenig ironisch zwinkern würde. „Über den Kontrast zwischen dem schwermütigen, tragischen Liebeslied und dem profanen Wort Spermafleck könnte ich mich totlachen“, sagt der Sänger.

Nicht nur hier hört man die Schule von Lee Hazlewood. Den legendären Songschreiber, der vor allem durch seine Duette mit Nancy Sinatra berühmt wurde, hat Bela B. wenige Jahre vor seinem Tod 2007 kennengelernt und mit ihm zusammen ein Lied aufnehmen dürfen. Hazlewood beherrschte wie niemand sonst die Kunst, in einem Song die Schere zwischen Text und Musik so weit zu öffnen, dass sich der große Kreis wieder schließt. „Ich habe Spaß an der Irritation“, sagt Bela B. Auch wenn man zugeben muss: Im Vergleich mit seinem Lehrmeister Hazlewood ist er noch ein Zauberlehrling.

"bye" von Bela B.
„bye“ von Bela B.

So wird auf „bye“ eher, so ein Songtitel, „Abserviert“ als sich eine gemeinsame Ewigkeit versprochen, es wird eher gesündigt als geliebt, eher losgehauen als gestreichelt, eher betrogen als Treue geschworen. Nicht nur die Protagonisten von „Nicht nice“, die sich nach der ersten ­gemeinsamen Nacht gegenseitig ums Bargeld erleichtern, sind ­typische Hazlewood-Helden. Dieses wundervolle Duett von Bela B. und Peta Devlin, die sich mit Bands wie Die Braut Haut Ins Auge, Cow und Oma Hans selbst Kultstatus erspielt hat, ist einer von vielen gelungenen, hintergründig fiesen Momenten auf „bye“. Aber ganz kann der hauptberufliche Arzt dann halt doch nicht lassen von dem Pennäler-Humor, mit dem die nach Eigenwerbung beste Band der Welt aus Berlin zum Massenphänomen wurde. Also reimt Bela B. tapfer „Ich will dich nicht fremdbestimm’“ auf „halb so schlimm“, bis es knirscht.

Aber vor allem weist Bela B. mit „bye“ nach, dass ihm bei den Ärzten neben dem im Stakkato seine Songs heraushauenden Farin ­Urlaub manchmal wenig Platz zur musikalischen Entfaltung bleibt. Ob der sumpfige Blues von „Teufelsküche“, der über eine knochentrockene Prärie galoppierende Johnny-Cash-Country von „Wenn das mal Liebe wird“ oder auch der fröhlich hüpfende Skiffle von „Immer so sein“: Bela B. sprengt sehr ­erfolgreich das Korsett, das er bei den Ärzten tragen muss. Tatsächlich: Der neue musikalische Anzug steht ihm mindestens so gut wie die grauen Schläfen. Oder, wie Bela B. es selbst formuliert: „Das Auge rockt mit.“

Bela B.: „bye“ (B-Sploitation/Rough Trade)
www.bela-b.de