Auf Leben und Tod

Das „Nordwind“-Festival

Das „Nordwind“-Festival zeigt exzessives, verstörendes und radikales Theater aus Skandinavien

Das ist genialisches Berserkertum, lärmende Oper, Geisterbahn-Horror, Extremtheater bis in die frühen Morgenstunden hinein. Und das merkwürdigste, krasseste, durchleidenswerteste Theaterereignis, das Berlin seit langem erlebt hat: Der sinnenverstörende Ibsen-Marathon „John Gabriel Borkman“ des norwegischen Duos Vegard Vinge und Ida Müller schlug bei der Premiere im Prater in den faden Saisonauftakt ein wie eine Bombe. Jetzt eröffnet der radikale Abend das vierte „Nordwind“-Festival, das zum ersten Mal auch in der Volksbühne sowie im Anschluss auf Kampnagel in Hamburg stattfindet.

Maskierte Zombie-Figuren krakeelen sich in einem großen Papp-Puppenhaus die Obsessionen aus dem Leib, blähen die Ibsen’schen Figuren ins zeichenhaft Monströse, ihre Konflikte ins Archetypische auf. Ihre Gesten sind mit Kunstgeräuschen synchronisiert, die Stimmen mikrofonverzerrt. Teile der Bühne und der „Borkman“ selbst werden in tausend Szenen-Stückchen zerhauen. Bis ins Nervtötende werden die Sätze aus Ibsens Spätwerk um den gefallenen Ex-Banker zerdehnt, die Chronologie zerwirbelt – ohne dass das Stück zur Unkenntlichkeit entstellt würde. Und bei dröhnendem Soundtrack wütet der Regisseur immer wieder in nicht ganz jugendfreien Szenen über die Bühne, entledigt sich seiner Schamhaare oder schiebt sich zu besonderem Action-Painting einen Pinsel in den Hintern.

Dieses hochkomplexe und technisch ausgeklügelte Gesamtkunstwerk wirft Schlaglichter auf die Verdrängungs-Hölle Ibsens und ist ein spektakulär trefflicher Auftakt für ein Festival, das sich nicht einfach als Repräsentations-Schaufenster für das Theater der nordischen Länder versteht. Vielmehr bringt die künstlerische Leiterin Ricarda Ciontos immer wieder instinktsicher Theatermacher nach Berlin, die ob ihrer Radikalität und Konsequenz sowie dem Mut zum Pathos selbst die vermeintlich abgebrühten Hauptstadtkulturgänger bei den Eingeweiden packen. Dabei muss das Festival nahezu ohne öffentliche deutsche Fördergelder auskommen. Ciontos fasziniert die Kunst einer Region, in der die „Gewalten der Landschaft“ das Leben mitbestimmen, die Kälte, die Dunkelheit, die Entfernungen. „Theater wird in Skandinavien aus einer anderen Dringlichkeit heraus gemacht. Oft ist es ein Spielen auf Leben und Tod.“

Vor vier Jahren legte das Performancekollektiv Signa die Zuschauer in der maroden Psychiatrie-Parallelwelt „Dorine Chaikin Institute“ zur Amnesie-Therapie ins Bett. Vinge/ Müllers „Nora“-Inszenierung sorgte vor zwei Jahren für Furore. Diesmal zeigt der finnische Theaterstar Kristian Smeds die energiegeladene musikalische Collage „12Karamasows“ nach Dostojewskijs berühmtem Roman. Smeds begreift sein Theater als „Volkssauna“, in der die Bühne dem Publikum einheizt und Verborgenes ausgeschwitzt wird. Die finnische Formation Nya Rampen fragt bei „Worship!“ mit Shakespeare-Tragödienstoff nach dem urmenschlichen Bedürfnis, an etwas zu glauben und darin aufzugehen, sei es Religion, Ideologie oder Kunst. Und die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm („Das Fest“) exerziert Sarah Kanes Solo „4:48 Psychosis“ vor suggestivem Großvideo mit schonungsloser Seelen-Offenheit.

Es wird ein wilder, ein rauer Wind sein, der für zehn Tage durch Theater-Berlin weht. Möge er uns umwerfen.

 

Weitere Informationen: 25.11.-4.12., Volksbühne, Prater, Dock 11Radialsystem V, HBC, Eden. Eintritt 10-30, erm. 8-14 Euro (je nach Ort). www.nordwind-festival.de