berliner musik

Das sind die Newcomer*innen 2020

Das neue Jahr ist erst einen Monat alt, aber eins ist jetzt schon sicher: Auch 2020 wird die Berliner Musiklandschaft wieder aufregend sein. Und wir wissen auch schon, warum: Unsere Liste mit zehn hoffnungsvollen Newcomer*innen

Inger Nordvik

FOLK-JAZZ

Inger Nordvik

Als Inger Nordvik im Jahr 2013 nach Berlin kam, hatte sie einen Plan. Ein klassisches Gesangsstudium in Oslo lag schon hinter der Norwegerin. Nun wollte sie sich an der Universität der Künste bewerben, um dort einen Master in Alter Musik zu machen. Doch es kam ganz anders. Sieben Jahre später erscheint nun Nordviks Debüt „Time“. Ein Album, das die klare Luft des Polarkreises ebenso atmet wie das Chaos von Berlin. Und das zeigt, dass man manchmal erst vom Weg abkommen muss, um nach Hause zu finden.

Sie habe sich in der klassischen Musik nie heimisch gefühlt, konstatiert Inger Nordvik, während sie in ihrer schlicht eingerichteten Einzimmerwohnung in Neukölln sitzt. Zu streng, zu wenig Platz für Improvisation. Wie eine Rebellin wirkt die Norwegerin, die jünger aussieht als ihre 32 Jahre, eigentlich nicht. Sie ist freundlich-zurückhaltend, macht einen disziplinierten Eindruck, auch weil sie exzellent Deutsch spricht. Aber da war eben das Verlangen, ihr eigenes Ding zu machen. Vielleicht hat‘s mit Nordviks Jugend zu tun: Die Musikerin erzählt von einer „sehr freien Kindheit“ in Harstad, einer Kleinstadt in den Fjorden Nordnorwegens, „weit weg von der Welt“. Nordlicht, helle Sommer, dunkle Winter. Jedes Wochenende ging es mit der Familie in die Natur: Wandern, Fischen, Schwimmen im kalten Wasser. Der Vater war Pfarrer, aber liberal und offen, wie Nordvik betont. „Es gab immer Raum für Fragen.“ Die Tochter lernte Klavier. Klassik, Volks- und Kirchenlieder prägten ihre frühen Jahre. Später kamen Jazz und Soul und die Songwriter*innen der 70er-Jahre dazu. Noch heute stehen Grenzgängerinnen wie Joni Mitchell und Kate Bush bei Nordvik hoch im Kurs. Neben dem Studium entstanden aus der Improvisation plötzlich erste eigene Stücke. Ganz intuitiv, ohne Plan. „Intuitiv“, das Wort fällt häufiger, wenn die Newcomerin über ihre Musik spricht.

Am Anfang war es schwierig. Berlin ist eine harte Stadt. Aber auch inspirierend.

Inger Nordvik

Dann Berlin. „Anfänglich war es schwierig“, gibt Inger Nordvik zu. Der raue Ton, die vielen Eindrücke. „Berlin ist eine harte Stadt. Man braucht hier einen Filter.“ Aber: „Es ist auch sehr inspirierend. Und die Leute sind offener.“ Berlin gab ihr ein Gefühl kreativer Freiheit. Und es setzte einen spannenden Kontrapunkt zur Klarheit und Harmonie der norwegischen Klanglandschaft. „Hier habe ich wirklich mit dem Songwriting angefangen.“ Das Vorspielen an der UdK? Machte sie am Ende doch nicht. Stattdessen begann sie, ihre Kompositionen vor Publikum zu singen.

Heute pendelt Nordvik zwischen Berlin und Norwegen. So entstand auch „Time“: teils hier, teils dort. Fünf Lieder wurden in Kirchen bei Harstad eingespielt, dezent begleitet von Streichern und Chorstimmen. Es sind anmutige, melancholische Stücke, die Nordviks musikalische Sozialisation – Songwriter-Pop, nordische Folklore, Klassik und Kirchenmusik – organisch verschmelzen. Die anderen fünf Songs nahm sie mit Jazzmusikern, allen voran dem Bassisten Karl-Erik Enkelmann und dem Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen, in Studios in Berlin und Polen auf.

Das Zusammenspiel mit Leuten aus der Free-Jazz-Szene sei ein Experiment gewesen, die Annäherung nicht immer einfach. Doch einige Texte brauchten „etwas Experimentelles, Chaotisches“, fand Nordvik. Und so changiert ihr glockenklarer Sopran in Stücken wie „Woman“, „Pink Needles“ und „Without You“ zwischen zart und kämpferisch, während Stöcke und Finger nervös über Becken und Basssaiten zucken. Oder er schwebt sirenengleich über einem kontrollierten Improvisationsgewirr.

In den Liedern, geschrieben über einen Zeitraum von zehn Jahren, geht es um Tod und Vergänglichkeit, Klimawandel und Beziehungen. Und immer wieder darum, sich als junge Frau zu behaupten und einen eigenen Weg zu finden – jenseits von Erwartungen und Konventionen.

Inger Nordviks Weg wird weiterhin die norwegischen Fjorde mit den Straßen Neuköllns verknüpfen. Sie genießt die Einsamkeit und die frische Luft im hohen Norden. „Die Natur gibt mir viel Energie. Ich bin dort tiefer mit mir selbst verbunden.“ Andererseits braucht sie den „Kontakt mit der Welt“, die Begegnungen und Ideen, die das Berliner Treiben hervorbringt. Musikalisch ist Nordvik jedenfalls angekommen: „Ich fühle mich mit meinen Liedern sehr zu Hause.“

Album: „Time“ (Asta/Broken Silence) VÖ: 7.2.; Konzert: Fr 29.5., 21 Uhr, Orania, Oranienstr. 40, Kreuzberg, Eintritt frei


AVANT-POP

We Will Kaleid

Foto: Johanna Besseling

Jasmina de Boer und Lukas Streich sind zwischen NRW und Berlin unterwegs. Wenn James Blake permanent eine Sängerin mit an Bord hätte, würde er wohl in etwa so klingen wie der ambitionierte Pop der beiden, mal sphärisch, mal Björk-Breakbeat-getrieben.


DANCE-RAP

Jadia

Foto: Debbie Linne

„Ich bin meine eigene Frau“, rappt Jadia in ihrer Single „Ich muss hier gar nix“, einem feministischen Statement, wie man es in dieser Klarheit im deutschen HipHop selten gehört hat – vor allem nicht von einer Frau, die sonst „100 Tage Party“ und Blingbling besingt, im Käfig tanzt und kräftig Schminke auflegt. Die politisch-korrekte Shirin David.


80S-PSYCH-BALLADEN

Better Person

Foto: Moritz Freudenberg

Man munkelt, dass der polnische Neuköllner Adam Byczkowski alias Better Person im Sommer mit den phantastischen Indietronic-Herren von MGMT im Studio in Kalifornien war. Wer Better Person als Support von Jessica Pratt erlebt hat oder in dieser Underground-Location in der Ziegrastraße mit viel Nebel und Sax,  wird seine Falsettoballaden lieben.


LIEDERMACHERIN

Wilhelmine

Foto: Daniel Graf

Okay, musikalisch erfindet Wilhelmine den Pop jetzt nicht gerade neu. Aber hinter den hübschen Melodien und dem Mainstream-Sound verbirgt sich eine talentierte Songwriterin, die geschickt heiße Eisen in Reime fasst – wie den Alkoholismus des Vaters und das eigene Lesbischsein.


INDIE-POP

Discovery Zone

Foto: Lucas Ufo

Die Band namens Fenster ist für Spin-Offs gut, Sänger John Moods hat’s vorgemacht. JJ Weihl, die Fenster-Sängerin, Bassistin, Gitarristin, Percussionistin und Synthiespielerin zieht mit dem Projekt Discovery Zone nach, das schon ein bisschen nach der großen Weyes Blood klingt. Das Debüt-Album „Remote Control“ kommt 2020. Eine Zone zum Discovern wohl.


POP

Lxandra

Foto: Iiris Heikka

Vieles spricht dafür, dass Lxandra die Berliner Lorde wird. Die finnische Wahlberlinerin stammt von der Inselgruppe Suomenlinna und hat ein super Gefühl für eingängige Melodien, die trotzdem nicht nach Einheitsbrei klingen – und dieses gewisse Maß lord’scher Edginess in der Stimme, die sie von vielen Altersgenossinnen abhebt, aber doch bei vielen gut ankommen kann. Da sie vom Klavier aus komponiert, hat der Klang zudem noch eine Spur Soléy, der Klavierkollegin aus Island.


POP-ROCK

Giant Rooks

Foto: Frederike Wetzels

Die fünf jungen Herren aus Hamm, Westfalen, sind mittlerweile so erfolgreich, dass man kaum glauben kann, dass es noch gar kein Album gibt.  Das wird 2020 kommen. Mit einer Palette EPs am Start, spielen sie krasserweise schon in der Columbiahalle, wo sonst Leute wie ihre mutmaßlichen Idole, die Arctic Monkeys, auftreten. In Berlin wohnen sie nun natürlich auch.


INDIE-ROCK

Portmonnee

Portmonee

Die Berliner Band huldigte zuletzt „Rio“, pisste in dem Song aber dann doch „in die Spree“. Musikalisch orientiert man sich zwischen knarzenden Gitarren und grellen Melodien an Bands wie Bilderbuch. Auch sonst zitiert man nur die Größten: Für das Video zu „Chili“ stellte die Band Da Vincis „Abendmahl“ nach.


KONZEPT-POP

Madanii

Foto: Cora Pereghy

Zuerst mal klingen die Songs von Dena Zarrin alias Madanii wie international kompatibler Pop. Aber es gibt eben auch Weltmusik-Einflüsse und Störgeräusche, die den Mainstream-Eindruck brechen. Und nicht zuletzt ein visuelles Konzept, das die Musik immer zusammen denkt mit Live-Auftritten und Videoclips.

Texte: Stefan Hochgesand, Thomas Winkler