Berlin

Das Tier-Altenheim in Pankow

Das Tier-Altenheim in Pankow muss raus. Nach langen Querelen hat es jetzt einen neuen Standort in Aussicht

Hallo Hartmut“, ruft Bella, als Hartmut Benter und Dirk Bufé das etwa 15 Quadratmeter große, weißgekachelte Vogelhaus betreten. Die Kakadudame hüpft von ihrer Stange und fliegt ihren beiden Haltern entgegen, sie setzt sich auf die Hand von Bufé. Die Federn auf ihrem Kopf sind so blond wie seine Haarspitzen.

Foto: Lena Gannsmann

Benter, 58, und Bufé, 53, betreuen das Pankower Tieraltenheim. Es ist eine private Institution, ihre Leidenschaft, die Tiere sind so etwas wie ihre Ersatzfamilie. Benter und Bufé sind hauptberuflich Postboten. Vor 14 Jahren hat das Paar gemeinsam den Tiergnadenhof gegründet. Die 300 Vögel, 30 Hunde und 10 Katzen, die sie betreuen, stammen aus Privathaushalten. Die meisten Tiere sind überaus betagt. Bella zum Beispiel ist inzwischen 20 Jahre alt. Die schwarz-weiß gefleckte Katze Lady kommt sogar auf 23 Lebensjahre.

Alte Tiere haben es in Berlin nicht leicht. Vielen privaten Haltern wird es irgendwann zu mühsam, ihre von zunehmenden Gebrechen geplagten Schützlinge zu versorgen. Und so landen die Tiere im Tierheim. Bei Benter und Bufé – oder im Berliner Tierheim, dem nach eigener Aussage größten Europas. 1.400 Tiere werden dort betreut, allein 300 Hunde, dazu aber auch Affen, Esel und Riesenschlangen. Elf Millionen Euro Budget hat die Einrichtung pro Jahr. Da können Benter und Bufé nicht mithalten. Ihr Projekt ist wesentlicher kleiner, ermöglicht dafür aber eine engere Beziehung zum einzelnen Tier.

Benter und Bufé haben ein Jahrzehnt lang im Berliner Tierheim in Falkenberg bei der Betreuung geholfen, eigneten sich Wissen in Sachen Tierpflege an. Schon damals störte sie die Tatsache, dass die Tiere dort in Zwingern gehalten werden. „Die leben dort ja eher wie in einem Knast“, sagt Bufé. „Das wollten wir ändern.“ Auch das Berliner Tierheim ist keine offizielle Institution. Es wird zwar vom Land bezuschusst, damit es dort alle Tiere aus der Tiersammelstelle abliefern kann, wird aber von einem Verein getragen. Wer ein Tier privat abgeben will, kann dies tun, wo er will.

2005 kauften Benter und Bufé, quasi als Alternativangebot zum Tierheim Berlin, ein Haus in Blankenburg, 2006 gründeten sie den Verein „Vogelgnadenhof und Altenheim für Tiere“ und errichteten bald darauf Anbauten auf ihrem Grundstück in der Burgwallstraße: neun Vogelhäuser und einen 60 Quadratmeter großen Komplex für Katzen. Die Hunde dürfen mit im Wohnhaus leben, und natürlich draußen auf dem Hof. Es ist eine tierische Wohngemeinschaft auf 1.300 Quadratmetern Grundfläche.

Foto: Lena Gannsmann

2012 kam der Schock: Das Bezirksamt Pankow verkündete, dass der Gnadenhof an seinem jetzigen Ort nicht bleiben könne. Denn: Tierhaltung in einem solchen Umfang sei in einem reinen Wohngebiet nicht erlaubt. Eine bittere Nachricht für die Betreiber. Seitdem besaßen sie offiziell nur eine Duldung, die Zukunft war ungewiss. 2016 scheiterte die Möglichkeit, in ein leerstehendes Wirtschaftsgebäude im Bürgerpark Pankow zu ziehen, an Anwohnerprotesten. Die potenziellen Nachbarn fürchteten, dass es rund um das Tierheim laut und unhygienisch werden könnte.

Doch im vergangenen Jahr ergab sich durch Verhandlungen mit dem Bezirksamt eine neue Option: ein Grundstück im Gewerbegebiet des Berliner Ortsteils Französisch Buchholz. Schon in wenigen Wochen könnte der Pachtvertrag für das geplante neue Tieraltenheim unterzeichnet werden. Dann würde nur noch der Bauantrag fehlen. Der architektonische Entwurf selbst steht bereits: Auf 4.000 Quadratmetern – mehr als doppelt so viel Platz wie bisher – werden dann drei noch größere Häuser für Hunde, Katzen und Vögel entstehen. Wenn alles klappt, könnte die Neueröffnung im Mai 2021 stattfinden. „Das wäre die Erlösung für uns“, sagt Benter. Er und Bufé wollen das Tieraltenheim betreiben, so lange sie noch können. Ihr Wunsch wäre es, das Tierschutz-Projekt danach an Privatpersonen oder eine Stiftung übertragen zu können.

Der Bedarf ist auf jeden Fall da. Bis zu 30-mal am Tag klingele das Telefon, sagt Bufé. In den meisten Fällen geht es um Tiere, deren Besitzer verstorben sind oder die ins Altenheim gehen müssen. Manchmal aber auch um welche, die ausgesetzt und dann gefunden wurden. So wie die beiden Deutschen Doggen Ronja und Ronaldo, die bereits als Welpen in die Einrichtung kamen. Die beiden beinahe aufdringlich kuscheligen, 13-jährigen Britisch-Kurzhaar-Katzen Frieda und Paula hingegen wurden abgegeben, weil ihre Vorbesitzerin auswanderte und die Miezen angeblich nicht mitnehmen konnte. Jetzt residieren sie im Drei-Zimmer-Katzenhaus mit eingezäuntem Außenbereich.

Foto: Lena Gannsmann

Fünf Ehrenamtliche packen im Tieraltersheim regelmaßig mit an: Tiere füttern, Räume regelmäßig putzen, auch weil manche Tiere aufgrund ihres Alters inzwischen inkontinent sind. Ohne diese Unterstützung ware die Arbeit auf Dauer gar nicht möglich. Auch nicht ohne die Futter- und auch Geldspenden von Tierfreunden oder den 521 Vereinsmitgliedern, welche die Arbeit durch ihre Mitgliedsbeiträge unterstützen. Nur so können die monatlichen Kosten von rund 8.000 Euro gedeckt werden. Kürzlich kam sogar ganz unerwartet Unterstützung von kleinen Nachwuchs-Tierschützern aus dem Kiez: Kinder der Kita Junges Gemüse kamen eigens vorbei, um den Erlös ihres Flohmarkts zu überreichen.

Die Kinder lieben vor allem die zutrauliche Bella. Der Gelbhaubenkakadu stammt aus Handaufzucht und ist deshalb eng an Menschen gewöhnt. Bei ihrem vorherigen Besitzer durfte Bella sogar mit im Bett schlafen.

Doch dann kam das Drama: eine neue Frau im Leben des Vorbesitzers, die Bella nicht akzeptieren konnte. Sie biss und kniff. So lieb sie ist, steckt in ihr dann doch auch eine kleine Zicke.

Text: Birgit Winkler und Martin Schwarzbeck