Berlin

Das Wasser der Zukunft

Wasser ist Lebensgrundlage und umkämpftes Gut. Klimawandel und Bevölkerungswachstum sorgen weltweit für Wasserknappheit. Und sie beeinflussen auch das Leben in Berlin. Geht uns in Zukunft das Wasser aus? Und wenn ja: Was können wir dagegen tun? Wir präsentieren Berliner Projekte, die sich dem nassen Elixier widmen

Bienen schwirren um den blauen Trinkwasserbrunnen am Mariannenplatz. Eine kleine Was­serfontäne sprudelt aus dem Hahn ins Becken. Clara Herrmann, die grüne Umweltstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, hält ein Weinglas unter den Strahl. „Leitungswasser aus Trinkbrunnen schont das Klima, ist lecker und günstig“, sagt sie. Ihr goldenes Augenbrauen-Piercing wackelt, als sie lacht. Dann hält sie ihr gefülltes Glas vor die Kameras. Ramona Pop, die grüne Wirtschaftssenatorin, Jörg Simon, Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe, und Samuel Höller vom Berliner Verein a tip: tap tun es ihr gleich. Anlässlich des ersten Berliner Trinkwassertags am 28. Mai feiern sie ein Brunnenfest. Neun neue Trinkbrunnen gibt es in Friedrichshain-Kreuzberg nun, sie kosten 10.000 Euro pro Stück. Über 90 sind es in ganz Berlin.

Ein Prosit aufs Wasser aus der Leitung: Jörg Simon, Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe, Ramona Pop, grüne Wirtschaftssenatorin, ihre Parteikollegin Clara Herrmann, Umweltstadträtin, von Friedrichshain-Kreuzberg und Samuel Höller vom Berliner Verein a tip: tap (v.l.)
Foto: Steinach / imago images

Wasser ist ein globales Thema, das zunehmend Aufmerksamkeit bekommt. Die Welt diskutiert über Plastik in Meeren und den ökologischen Fußabdruck von Nestlé-Flaschen. Wasser verbindet. Mit Ozeanen und Flüssen, mit dem Regen, der ganz woanders niederschlägt, als er verdunstet ist. Doch Wasser ist auch eine ganz lokale Angelegenheit. In Berlin wurde seine Bedeutung lange unterschätzt. Das Trinkwasser kam aus dem Hahn, über seine Herkunft machte man sich wenig Gedanken. Doch gerade findet ein Bewusstseinswandel statt. Die Berliner*innen entdecken ihre Liebe zum Wasser. Wir haben Menschen und Orte besucht, an denen sich dieser Bewusstseinswandel erzählen lässt: Der Berliner Verein a tip: tap möchte Menschen dazu bewegen, Leitungswasser zu trinken – Plastikflaschen sollen endgültig der Vergangenheit angehören. Die Regenwasseragentur setzt sich dafür ein, Niederschlag aufzufangen und nutzbar zu machen, zum Beispiel in Dachgärten. Im Wasserwerk Friedrichshagen, einem von neun Berliner Wasserwerken, fließen die Brunnen zusammen, die Grundwasser fördern. Und das Flussbad-Projekt will ein zentrales Gewässer Berlins zum Gratis-Schwimmbad machen.

Flussbad

Nicht alle mögen die Idee, im Herzen der Stadt ein Freibad zu eröffnen – genau genommen im Kupfergraben, einem Seitenarm der Spree, entlang der Museumsinsel. Das Landesdenkmalamt kritisiert das Vorhaben, mittlerweile hat sich auch die Arbeitsgemeinschaft der historischen Bürgervereine dagegen positioniert. Die Flussbad-Macher*innen wünschen sich Treppen und Stege statt der vertikalen Wände, die den Kanal dort bisher begrenzen. Die sind aber zu Teilen denkmalgeschützt. Außerdem sorgen sich Bürgervereine und Denkmalschutz darum, dass der Betrieb die ruhige Ausstrahlung der Museumsinsel stören könnte. Wie viel Badespaß ist der Würde des Ortes angemessen?

Tim Edler, Architekt und Visionär: Er träumt von einem öffentlichen Bad im ­Kupfergraben. Beim jährlichen Flussbad-Pokal testen ­Hobby-Schwimmer schon einmal die Aqualandschaft
Foto: Sibylle Fendt OSTKREUZ

„Wir wollen kein Freibad, sondern die Wertschätzung von Natur mit Kultur verbinden“, sagt Tim Edler, Vorsitzender des Vereins Flussbad, der das Projekt verantwortet. Edler, feuerwehrrotes Hemd und blaue Jeans, steht fast am Ende des Kupfergrabens unter einer S-Bahn-Brücke. Die schwarzen Stahlträger über dem Wasser vibrieren, als eine Bahn über sie hinweg rattert. Auf der anderen Seite des Kanals liegt das Pergamonmuseum, gestützt von Gerüsten und eingehüllt in Bauplanen. In einigen Jahren soll hier ein Museumsquartier entstehen, eine kleine Stadt in der Stadt. Das Bad würde direkt hindurch laufen.

Die Flussbad-Freunde wollen Teilhabe am Weltkulturerbe für alle ermöglichen. Denn die Berliner Innenstadt verändert sich: Nur wenige Menschen können es sich noch leisten, im Zentrum zu leben. Höherpreisige Restaurants und Büros residieren in den historischen Sandsteinbauten, viele Reisebusse parken am Straßenrand. „Wir wollen das normale Leben in diesen touristisch verdichteten Bereich zurückholen“, sagt Edler. Noch ist das Zukunftsmusik. Die Bauarbeiten am Pergamonmuseum könnten sich bis circa 2035 hinziehen, so lange brauchen die Kräne den Zugang über das Wasser. Etwas weiter unten am Kanal, vor dem Humboldt-Forum, ist die Planung aber schon weiter.

Hier soll eine Treppe zum Wasser entstehen. Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat und die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fördern Bau und Planung mit sechs Millionen Euro. Ab 2023 soll die Treppe den Berliner*innen ermöglichen, am Wasser zu sitzen. Zwar dürfen die Flussbadfreunde dann immer noch nicht regelmäßig in den Kanal hüpfen – aber sie sind schon einen ganzen Schritt näher dran.

Ein Zukunftsszenario, das Schwimmern Beine macht: In den Kupfergraben, einen Seitenarm der Spree, sollen einmal Badende springen können
Fotos: 2016 realities:united / Flussbad Berlin e.V.; 2018 realities:united / Flussbad Berlin e.V.

Wie es einmal aussehen könnte, wenn aus dem Flussarm der Spree ein Schwimmbecken wird, zeigt sich jeden Sommer. Auch in diesem Jahr: Am 16. Juni organisiert der Verein Flussbad, den Tim Edler mitgegründet hat, den fünften Berliner Flussbad-Pokal. Mit dem jährlichen Wettschwimmen wollen die Macher*innen Menschen für die innerstädtische Wasserfläche begeistern. „Aber wir sind davon abhängig, dass das Wetter mitspielt“, sagt Edler.

Der Visionär ist inzwischen zum südlichen Ende der Monbijoubrücke gelaufen. Um ihn herum stehen etwa 15 Ausflügler, sie blicken auf das dunkle Spreewasser unter ihnen und tragen Kopfhörer im Ohr – Edler will der Besuchergruppe zeigen, wie das Flusswasser so sauber werden soll, dass darin kaum mehr Keime oder andere Dreckpartikel treiben. Denn bei starkem Regen, etwa 20 bis 40 Mal im Jahr, verschlechtert sich die Wasserqualität hier, in der innerstädtischen Spree und im Landwehrkanal rapide. Dann gerät Abwasser hinein: Fäkalien, Lebensmittelreste. Das liegt an der alten Berliner Mischkanalisation, in der Regen und schmutziges Abwasser in einem Rohr zusammenlaufen. Bei Starkregen steigt der Pegel so schnell, dass die Kanalisation das Wasser nicht weiter zurückhalten kann. Dann läuft die Brühe über. 

Während der Führung erblicken die Ausflügler kleine Schaumflocken, die sich auf der Oberfläche des Kupfergrabens kräuseln. Im Graben liegt ein Boot. Dunkle Brühe schwappt durch die „Hans-Wilhelm“, gerade so viel, dass sie nicht untergeht. 

„Hier messen wir die Wasserqualität“, sagt Tim Edler. Die Gruppe ist vor dem alten Kahn hinter der Schleusenbrücke stehengeblieben. Die „Hans-Wilhelm“ ist ein Versuchslabor: Hier probiert der Verein Filter aus, die das Wasser säubern. Durch mehrere Kammern wird das Wasser gepumpt, in ihnen liegen Schilfrohre, Kieselsteine oder Netze, auf denen Muscheln wachsen sollen. Ab 2021 soll der Testfilter verlässliche Ergebnisse liefern. Ab dann, sagt Edler, könnte das temporäre Schwimmen auch häufiger im Jahr stattfinden. Dazu müssten aber die Vorschriften der Badegewässerverordnung gelockert werden.

2017 musste der Flussbad-Pokal ausfallen – das Wasser war zu dreckig. Stattdessen sangen die Mitglieder des Vereins zusammen die von Barbara Morgenstern komponierte Hymne des Flussbads. Das Lied handelt davon, wie schön es ist, durch die Mitte Berlins zu schwimmen. Sollte der Pokal dieses Mal ausfallen, spendiert das Bode-Museum freien Eintritt.

Auch in anderen Stadtvierteln wollen Berliner Fachleute die Spree sauberer machen. Dafür sollen Stauraumkanäle sorgen, die an vielen Orten entstehen: gigantische, unterirdische Wasserspeicher. Bei Starkregen sollen sie Mischwasser sammeln, sodass es nicht in die Spree austritt. Am Mauerpark zum Beispiel verlegen die Berliner Wasserbetriebe derzeit ein 700 Meter langes Rohr mit einem Fassungsvermögen von 7.400 Kubikmeter. Trotz seiner Größe wird es Überläufe nicht komplett verhindern. „Wir können sie mit den Auffangbehältern aber minimieren“, sagt Astrid Hackenesch-Rump, Pressesprecherin der Berliner Wasserbetriebe.

Zurück zum Flussbad-Projekt: Erfrischung in heißen Sommern zu finden und am Pergamonmuseum vorbeikraulen – eine Traumvorstellung. Sie birgt, was sich viele Berliner*innen für ihre Stadt wünschen: gesellschaftliche Teilhabe, eine zentrale Fläche in der Stadt, die für alle nutzbar ist. Und das kostenlos. Was aber, wenn die Spreeüberläufe in Zukunft häufiger werden? Darauf muss sich die Stadt nun einstellen.

Wasserwerke

Gesche Grützmacher, Leiterin für Wasserwirtschaft bei den Berliner Wasserbetrieben
Foto: Berliner Wasserbetriebe

Die letzten beiden Jahre lieferten einen Vorgeschmack darauf, wie der Klimawandel Berlin beeinflussen wird. 2017 gab es Überschwemmungen, zum Beispiel in den Mäckeritzwiesen oder im Neuköllner Blumenviertel. Die Erde konnte die Regenmassen nicht mehr aufnehmen. 2018 hingegen war die Stadt geprägt von Trockenheit und Dürre. 

Für Berlins Wasserversorgung könnten vor allem die trockenen Sommer zum Problem werden. „Um nachhaltig Wasser zu fördern, darf man nicht mehr aus der Erde holen, als neu gebildet wird“, sagt Gesche Grützmacher, die Leiterin für Wasserwirtschaft bei den Berliner Wasserbetrieben. Wissenschaftler*innen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz berechnen jährlich die Grundwassermenge, die Berlin entnehmen darf. Sie errechnet sich aus den Mittelwerten langjähriger Niederschlagswerte. Letztes Jahr wurden 238 Millionen Kubikmeter Rohwasser gefördert – so viel, wie eigentlich für das Jahr 2040 vorgesehen waren. 

Vor Gesche Grützmacher steht eine Karaffe mit Leitungswasser, auf die mit Filzstift blaue Tropfen gemalt sind. Haben Trockenperioden wie der Jahrhundertsommer im letzten Jahr Auswirkungen auf den Grundwasserpegel? „Ja“, sagt Grützmacher. Die Schicht, aus der das Grundwasser gefördert wird, liegt etwa 50 bis 100 Meter tief. Im Sommer etwas tiefer, falls es besonders heiß wird – etwa einen halben bis einen Meter. Regenwasser, das dann fällt, saugen die Pflanzen auf. Im Winter soll sich der Pegel eigentlich wieder erholen. Bleibt es aber so trocken wie im letzten Jahr, regeneriert er sich nicht wie sonst. „Das hat aber erstmal nicht zur Folge, dass unsere Brunnen trocken fallen“, sagt Grützmacher. Da die Pumpen in den Brunnen mit Unterdruck funktionieren, müssen sie aber mehr Energie aufwenden, um das Wasser an die Oberfläche zu fördern. Das ist aufwändiger und auch teurer.

…während in der Zentrale Fachleute die Wasserversorgung kontrollieren
Foto: Jack Simanzik Berliner Wasserbetriebe

In Grützmachers Büro in der Zentrale der Wasserbetriebe in der Jüdenstraße hängt eine Karte des Berliner Urstromtals, dem Gebiet, das vom Wasserwerk Friedrichshagen versorgt wird. Es erstreckt sich von Südosten über die Stadtmitte bis nach Nordwesten. Das Wasserwerk Friedrichshagen ist vor dem Standort in Tegel und dem in Beelitzhof das größte der Stadt. 1,3 Millionen Berliner*innen versorgt es mit Trinkwasser, das ist ein Drittel der Stadtbevölkerung. Bis zu 230.000 Kubikmeter Wasser können pro Tag gefördert werden.

Seit dem Mauerfall nutzen die Menschen etwa die Hälfte von dem, was sie vorher brauchten. Das liegt auch am Zusammenbruch der DDR-Industrie. Zudem hat sich die Technik verändert, Armaturen laufen sparsamer.

650 Grundwasserbrunnen sind in Berlin in Betrieb: Von oben sieht man braune, runde Metalldeckel mit etwa einem Meter Durchmesser. Die 220 Brunnen des Was­serwerks Friedrichshagen stehen meist entlang von Spree und Müggelsee. Unter ihren Deckeln ragt ein Rohr in die Tiefe. Das Wasser dringt durch ein feines Metallsieb an dessen Spitze – ein Filter, der Kiesel und Geröll abhält. Das Grundwasser liegt in den kleinen Zwischenräumen zwischen Steinchen und Sanden. Der kleinere Teil entsteht aus Regen. Der größere, etwa 60 Prozent, schiebt sich vom Ufer her durch den Boden zum Brunnen.

Uferfiltrat zu fördern, ist lange erprobt. Schon vor etwa 100 Jahren legten die Wasserbetriebe Brunnengalerien in Ufernähe an. Dennoch ist das Grundwasser nicht vor jedem Dreck geschützt. In den letzten Jahren stiegen die Sulfatwerte im Trinkwasser. Das liegt am Braunkohleabbau in der Lausitz: Gräben und Brachflächen, in denen Bagger schaufeln und Erdklumpen abheben. In der Vergangenheit wurde das Grundwasser abgesenkt, damit der Tagebau trocken lag. Dadurch gelangte Sauerstoff in das Grundwasser – und das dort gebundene Eisensulfit oxidierte zu Sulfat. Sulfat ist zwar nicht giftig, kann aber in hoher Konzentration zu Durchfall führen. Außerdem schädigt es Rohre, wodurch sich giftige Schwermetalle lösen können. „Das Problem ist uns seit Jahrzehnten bekannt“, sagt Grützmacher. Die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Sachsen haben festgelegt, dass nicht mehr als 250 Milligramm Sulfat in einem Liter Trinkwasser sein dürfen. Mit aktuell 117 Milligramm wird der Grenzwert in Berlin nicht überschritten. „Im letzten Jahr hatten wir sogar sinkende Gehalte“, so die Expertin. Die Wasserbetriebe kümmern sich um Maßnahmen vor Ort, um das Sulfat zu reduzieren. Wasser wird in großen Becken zwischengespeichert und kontrolliert abgelassen. Da die Werte im letzten Jahr fielen, gehen sie davon aus, dass sie damit Erfolg hatten. Überprüfen lässt sich das an 1.500 Messstellen.

Rundgang durch das Wasserwerk Friedrichshagen: Die Filteranlage macht Wasser genießbar…
Foto: Joachim Donath

Das Bewusstsein dafür, was in unserem Wasser landet, wächst. In Diskussionsrunden der Initiative „Wasser bewegt Berlin“ treffen sich Berliner*innen, um über Belastungen zu sprechen. Sulfatwerte sind das eine – aber auch unser Konsumverhalten spielt eine Rolle. Kippen wir Müll in die Spree? Spülen wir alte Medikamente in die Toilette? Das verschlechtert das Wasser, das wir trinken wollen. Zwar filtern die Klärwerke die meisten Stoffe heraus – aber eben nicht alle. Heutzutage lassen sich zum Beispiel Spurenelemente von Blutdrucksenkern feststellen. Was ist noch in unserem Wasser drin?

Elke Wittstock geht durch die Belüftungshalle im Wasserwerk Friedrichshagen. Lange Rohre laufen durch den Raum im obersten Stock des Wasserwerks, die Belüftungsmaschinen summen. Aus einem Hahn fließt ein Wasserstrahl in ein Becken, eine Probierstation. Die Leiterin des Werks bleibt stehen und hält einen Plastikbecher darunter. „Das ist das unbelüftete Rohwasser“, sagt sie, „ich finde, es schmeckt immer etwas blutig“. Gesund sei es aber trotzdem, insbesondere bei Eisenmangel. Das Rohwasser aus der Erde ist mit Eisen angereichert. Unter der Erde zirkuliert es mehrere Jahrzehnte, die verschiedenen Gesteinsschichten reinigen es vor. So sieht das Wasser klar aus und ist theoretisch schon trinkbar, bevor es ins Werk kommt.

Durch den Kontakt mit Sauerstoff verwandelt sich das Eisen in einem chemischen Prozess in kleine, braune Flocken. Die färben das Wasser rötlich. Zu Hause brächte das unerwünschte Effekte, zum Beispiel verfärbte Wäsche. Deshalb wird an dieser Stelle des Werks das Rohwasser in den Rohren belüftet und durch große Gitter geschüttet, so dass es zusätzlichen Sauerstoff aufnimmt. 

Von der Belüftung fließt das Wasser ein Stockwerk tiefer in die Filterhalle. Mehrere Meter ist der Raum mit den vielen Rohren hoch. Metallstege über dem Boden führen zu einem Glaskasten, hinter den Scheiben sind Filterbecken. Sie sehen aus wie kleine Schwimmbäder. „Unter der Wasseroberfläche liegt eine Schicht aus Anthrazit und Quarzsand“, erklärt Wittstock. Die Gesteinsschichten filtern die braunen Eisenflocken aus dem Wasser. Von der Filterhalle fließt das Wasser ein Stockwerk tiefer in große Becken, von wo aus es in die Wasserleitungen der Stadt gepumpt wird.

Regenwasseragentur

Eine Wasser-Utopie: Saftiger Rasen gedeiht auf Garagen, Pflanzen ranken an Hauswänden. Bienen summen von einem Dach zum anderen und bestäuben Blumen. Unter den Innenhöfen liegen Zisternen, die Niederschlag auffangen. So in etwa könnte die Stadt aussehen, geht es nach der Berliner Regenwasseragentur. 2018 wurde sie vom Land Berlin und den Berliner Wasserbetrieben gegründet. Ihr Ziel ist es, das Regenwasser auf den Oberflächen der Stadt zu nutzen. Auf Grundstücken, Grünflächen, Hausdächern oder Straßen.

Elke Wittstock ist Chefin des Friedrichshagener Wasserwerks
Foto: Kathleen Koehler

Das Wasser soll dafür genutzt werden, Pflanzen und Bäume, Busche und Beete zu versorgen. Das Land forscht nach Möglichkeiten. Der Plan: Berlin soll zur „Schwammstadt“ werden. So soll Regen zurück ins Grundwasser fließen – in einer Stadt, wo sonst Beton die Oberflächen versiegelt und immer mehr Freiflächen verschwinden.

„Wir untersuchen, wo die Flächen liegen, die sich zur Regenwasserbewirtschaftung eignen“, sagt Darla Nickel, die Leiterin der Regenwasseragentur. Da die Flächen in der Stadt verschiedensten Eigentümer*innen gehören, berät die Agentur öffentliche Ämter genauso wie Unternehmen oder Privatpersonen. Sie beteiligt sich an Forschungsvorhaben und Weiterbildungsangeboten für Ingenieure und unterstützt Stadtplanungsprojekte, zum Beispiel für die zukünftige Nutzung des Flughafen Tegels. Bisher können vor allem öffentliche Einrichtungen Förderungen beantragen. Aber auch für private Eigentümer sollen Fördermöglichkeiten entstehen, zum Beispiel mit dem Programm „1.000 Grüne Dächer“ der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.  

Ein grünes Dach in Mitte – sprießend dank Regenwasser
Joachim Donath Photographie

„Wir finden auch heraus, wo Klima-Hotspots sind“, sagt Nickel. Die dezentrale Wasserbewirtschaftung soll dazu beitragen, die Stadt abzukühlen. Durch Flächen, auf denen Pflanzen wachsen, die Schatten spenden. Und die das CO2 aus der Luft nehmen und die Artenvielfalt erhalten. Die dezentrale Wasserversorgung soll auch dabei helfen, die Überläufe der Kanalisation zu verringern. Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) sprach sich dafür aus, die Flächen, die an die Mischwasserkanalisation angeschlossen sind, jährlich um ein Prozent zu reduzieren.

Darla Nickel leitet die Regenwasseragentur
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Jede*r kann seinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass Berlin eine grüne Stadt wird, die ihr Regenwasser nutzt. Zwar haben Menschen, die ein eigenes Grundstück besitzen, mehr Spielraum. Sie können zum Beispiel Regenwasserabflüsse bauen, die direkt vom Haus unter die Erde zum Grundwasserleiter führen. Aber auch Mieter*innen können sich einsetzen. „Warum nicht einen Brief an die Eigentümer schreiben und darum bitten, die Betondecke im Innenhof aufzubrechen?“, sagt Darla Nickel. Oder sie können einen Gemeinschaftsgarten im Innenhof anlegen. Langfristig könnten solche Maßnahmen auch dazu beitragen, das Flussbad vor dreckigen Kanalüberläufen zu bewahren.

a tip: tap

„Wir haben super Leitungswasser in Deutschland“, sagt Julian Fischer, Umweltwissenschaftler und Wasser-Fan. Mit seinem Verein a tip: tap („Ein Tipp: Wasserhahn“) bringt er diese Botschaft in Berliner Kitas, Schulen oder auf Straßenfeste. Seit zehn Jahren setzt sich a tip: tap dafür ein, die Menschen für das Potenzial von Leitungswasser zu sensibilisieren. Außerdem ist a tip:tap Teil der Initiative Refill Berlin, die bereits über 520 öffentliche Orte ausgezeichnet haben, an denen Berliner*innen kostenlos ihre Wasserflaschen auffüllen können. Eine interaktive Karte auf ihrer Webseite zeigt, wo sie in der Stadt verteilt sind. Fischer, dunkle Haare und Brille, setzt sich auf eine Ledercouch im Pulsraum in Kreuzberg. Der Co-Working-Space ist die Vereinszentrale. Draußen gewittert es, Platzregen knallt gegen die Fensterscheiben. Im Büro von a tip: tap stehen Holzregale an den Wänden, vollgestellt mit Pappboxen. Fischer zieht eine heraus, darin liegen Flyer in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Türkisch, Arabisch. Sie zeigen eine junge Frau, die Kopftuch trägt und ein Glas Wasser trinkt. Vor sich auf dem Sofatisch hat Fischer einen Stickerbogen ausgepackt. Darauf zu sehen: Supertropfi und seine Gefährt*innen. Blaue Wassertropfen, die Sonnenbrillen oder Laserschwerter tragen.

Julian Fischer ist Umweltwissenschaftler – und Liebhaber des guten, alten Wasserhahns. Mit dem sollen so viele Berliner wie möglich ihren Durst stillen
Foto: Ticha Matting

„Wir setzen nicht auf Weltuntergangs-Themen, sondern auf positive Unterstützung“, sagt Fischer. Leitungswasser trinken, das soll Spaß machen. Außerdem ist das Wasser aus den Berliner Hähnen gesund. Im Vergleich zu abgepackten Flaschen ist es reich an Calcium, Magnesium und Kalium. Hinzu kommt, dass sich in Wasser aus Plastikflaschen, das lange in den Regalen steht, auch Kunststoffreste absetzen können.

Die meisten PET-Flaschen in Deutschland, auch die recyclebaren, sind Einwegflaschen. Obwohl auf sie Pfand entfällt, werden sie nicht wiederbefüllt. Stattdessen werden sie zusammengepresst und zum Beispiel verwendet, um Textilien herzustellen. Dafür wird viel Energie aufgewendet. Zwar landen deutsche PET-Flaschen nur selten in den Weltmeeren und werden auch nicht ins Ausland exportiert. Umweltfreundlich sind sie deswegen aber nicht: Schon der Transport von Wasserflaschen verursacht CO2. Die Berliner Wasserbetriebe fanden heraus, dass sich jährlich 100.000 Tonnen CO2 sparen ließen, würden die Hauptstädter kein Flaschenwasser mehr kaufen.

Den eigenen Konsum umzustellen, ist ein wichtiger Schritt. Fische in den Weltmeeren, Vögel auf den Stränden, die seltener an Plastikteilen ersticken: das ist die Hoffnung. Das Artensterben beenden wird das Umdenken jedoch nicht. Trotzdem rücken Umweltbewegungen wie „Fridays for Future“ den Verbrauch ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. So können sie langfristige Entwicklungen ankurbeln. Denn viele Menschen wollen ihren Beitrag dazu leisten, sauberes Wasser zu erhalten.

„Es ist wichtig, zielgruppenorientiert zu arbeiten“, sagt Fischer. A tip: tap spricht auch mit Anwohner*innen, Politiker*innen und Unternehmen. Über 200 Cafés und Gastronomiebetriebe in Berlin haben sie bereits überzeugt, kostenloses Trinkwasser anzubieten. Den Kreuzber­ger Mariannenkiez hat a tip: tap zum „Wasserkiez“ erkoren, dort ist auch die höchste Dichte an Auffüllstationen; diese Initiative gehört auch zur Aktion „Refill Berlin“. „Im Mariannenkiez finden unsere Aktionen gebündelt statt“, sagt Fischer, möglichst viele Menschen sollen dem Thema Leitungswasser regelmäßig begegnen. Hier haben sie auch den ersten Trinkbrunnen gebaut, den Bürger*innen initiiert haben. Der nächste Schritt: Die Aktionen auf ganz Deutschland ausweiten. Mit dem auf drei Jahre angelegten Projekt „Wasserwende“ will a tip: tap 12 Wasserquartiere in Deutschland schaffen, die sich am Mariannenkiez orientieren.

Flussbad-Pokal 2019

Die Wasserqualität im Kupfergraben antesten: Das ist möglich im Rahmen des Flussbad-Pokals. Der Veranstalter Berliner Flussbad e.V. hat die Schwimmstrecke entlang der Museumsinsel dieses Jahr um 500 Meter erweitert, sie ist nun 1.500 Meter lang. Im Anschluss an den ­Wettbewerb dürfen auch weniger athletische Berliner*innen das geplante Flussbad am Kupfergraben testen – und zwar kostenlos.

Bei Schlechtwetter: Ersatztermin am 25. August, zugleich kostenloser Einlass ins Bode-­Museum.

Flussschwimmen 

Monbijoustr. 3, Mitte, 16. Juni
15–17.30 Uhr, kostenlos,
Anmeldung so lange Plätze verfügbar sind unter flussbad-berlin.de

Schwimmwettbewerb

Monbijoubrücke, Mitte, 16. Juni, 13–15 Uhr
20 € Teilnahmegebühr, erm. 15 € (Vereinsmitglieder)
Anmeldung so lange Plätze verfügbar sind unter berliner-wasserratten.de