Du und die Daten

Datenschatz Leihfahrräder

Mobike, Obike, Nextbike, Byke: Berlin wird von Leihfahrrädern überschwemmt.  Zum Geschäftskonzept gehört auch die Datenanalyse

Mobike-Chef Chris Martin
Foto: Mobike

Eigentlich sind Leihräder ein alter Hut. Seit Jahrzehnten gibt es diesen Service an jedem zweiten Touristen-Infopoint, nur mussten die Fahrräder dort innerhalb eines bestimmten Zeitfensters ausgeliehen und auch wieder zurückgebracht werden. Anbieter der neuen Generation wie Mobike, aber auch die werbe-finanzierten Angebote LIDL– und Nextbike, rüsten ihre Fahrräder mit GPS-Trackern aus. In Koppelung mit Satelliten im Orbit sind diese in der Lage, ihre Position zu ermitteln und dem Anbieter den Standort des Fahrrades mitzuteilen. So ist es möglich, das Leihrad an beliebigen Orten abzustellen und dem nächsten Nutzer via Google-Maps den Standort mitzuteilen.

Trotz GPS-Tracking bieten Nextbike und Lidl-Bike noch eigene Abhol-Stationen bzw. -zonen an, und motivieren ihre Nutzer mittels Prämie sogar, die Fahrräder hier wieder zurückzugeben. Anders Mobike: Unternehmens-Chef Chris Martin ist stolz darauf, dass die Räder an jedem beliebigen Ort geparkt und wieder ausgeliehen werden können. Er verlässt sich voll auf die GPS-Technologie, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen erlaubt ihm die Technologie, seine Fahrräder wiederzufinden. Zum anderen nutzen Chris Martin und sein Team die Daten aber auch zur Bedarfsanalyse. „Sind in einem Kiez viele unserer Bikes unterwegs, können wir zusätzliche Kapazitäten bereitstellen“, so Unternehmenschef Chris Martin. „Das hilft uns, effizient zu sein und eine möglichst hohe Auslastung zu gewährleisten.“

Über einen längeren Zeitraum analysiert, werden diese Daten zu einem Schatz. Sie erlauben nicht nur, mehr Fahrräder in den richtigen Straßen aufzustellen. Eine Analyse über Monate und Jahre erlaubt, Vorhersagen zu treffen: Zu welchen Jahreszeiten entstehen an welchen Kreuzungen mit hoher Wahrscheinlichkeit Staus? Wie wirkt sich das Wetter auf das Mobilitätsverhalten der Berliner aus? Wie beeinflussen Baustellen die Fahrradauslastung? Spricht man mit Chris Martin, spürt man den Weltverbesserungs-Anspruch, den viele Startup-Gründer ausstrahlen. Mobike gibt es bereits in 200 Städten. Der junge Unternehmer will all seine Leihräder zu einem der weltweit größten Internet-of-Things-Netzwerke zusammenschließen und die Daten nutzen, um Stadtverwaltungen zu beraten. „Wenn auf einer bestimmten Strecke ständig viele Personen zehn Kilometer oder weiter radeln, kann es sich lohnen, eine Buslinie einzurichten“, so Martin. Über solche Beratungsdienste finanziert sich Mobike; auch mit den städtischen Verkehrsexperten in Berlin steht das Startup bereits in Kontakt.

Daten für Drittparteien

Wofür die Daten genutzt werden dürfen, versteckt sich in den Nutzungsbedingungen des jeweiligen Anbieters. Bei Mobike heißt es, dass das Startup „Drittparteien“ nutzerbezogene Daten zur Verfügung stellen darf, damit diese den Nutzern ebenfalls gewisse „Services“ zur Verfügung stellen können. In den Nutzungsbedingungen des Konkurrenz-Unternehmens Obike mit Sitz in Singapur, das ebenfalls in Berlin aktiv ist, steht eine ähnliche Klausel. Obike ist zuletzt negativ aufgefallen, weil Nutzerdaten ungeschützt in sozialen Netzwerken hochgeladen wurden. Benutzt werden die Daten hier offenbar, um Restaurants hinsichtlich zielgerichteter Werbung und besserer Auslastung zu beraten – was weniger nach Weltverbesserung klingt. Außerdem beklagen Stadtverwaltungen die schlechte Bauweise der Obike-Fahrräder: Es existieren Diashows im Netz, die wild geparkte und derangierte Obike-Räder zeigen.

Angesichts solcher Zustände macht es mulmig, wenn kurz vor Redaktionsschluss ein weiterer Leihrad-Anbieter ankündigt, ab Mitte Dezember in Berlin durchzustarten. Byke, ein Startup aus dem Rheinland, verspricht: „Ein Service-Team, bestehend aus mehreren Mitarbeitern, ist täglich auf der Straße unterwegs. Ziel ist es, gut gewartete Fahrräder dort zu positionieren, wo sie auch gebraucht werden.“ Da kann man nur hoffen, dass die Sache keine Haken hat.

Die Süddeutsche über das Datenleck bei mobike

Die Tagesschau berichtete über ein Datenleck bei obike