PERFORMANCE

Eddie Murphy und die ­Goldenen Himbeeren

Anne Tismer erstellt mit dem Ensemble des integrativen Theater Thikwa eine sehr eigenwillige Bühnenfassung der Science-Fiction-Filmkomödie „Meet Dave“

Anne Tismer, vorne links, und ihr Ensemble beim Proben von „Dave – ein überirdisches Science-Fiction-Spektakel“ – Probenfoto: David Baltzer/bildbuehne.de

Text: Regine Bruckmann

Das Raumschiff, das auf der Erde ­landet, sieht aus wie ein Mensch. Ebenso die Mitglieder der außerirdischen Kommando-­Truppe, die daraus hervorklettern – allerdings sind sie sehr, sehr klein. Die Aliens haben auf ihrem Heimatplaneten ein Energie-Problem und auf der Erde eine Kugel ­abgesetzt, mit der sie Salz und Wasser ­klauen wollen. Die Handlung ist ein Vorwand, um die Begegnung der himmlischen Besucher mit den ziemlich merkwürdigen Menschen zu zeigen. Anderssein und Anpassung werden hier komödiantisch verhandelt.

Eddie Murphy hatte in der Holly­wood-Komödie „Meet Dave“ von 2008 eine Doppelrolle: einmal als Maschine (Raumschiff) und einmal als Mensch (Commander). Eine Herausforderung, die ihm die Nominierung für den Negativ-Filmpreis Goldene Himbeere als „Schlechtester Schauspieler“ einbrachte. Anne Tismer sieht das ganz anders. Für die einstige Schauspielerin des Jahres (2008 für „Nora“ in Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung) ist Murphy „der beste Schauspieler aller Zeiten.“ Sie lacht ein bisschen, aber sie meint es ernst: „Ich finde ihn einfach immer besser als alle anderen – ­lustiger, schneller, weicher.“

Im Theater Thikwa, in dem geistig und körperlich behinderte Darsteller mit ihren besonderen Fähigkeiten auftreten, übernimmt Louis Edler den Murphy-Part, ein baumstarker Kerl mit hellen Wuschelhaaren und einer kräftigen Stimme. ­Tismer, die dem etablierten Staatstheater längst den Rücken gekehrt hat, ist überzeugt: „Wenn das ­irgendjemand genauso gut ­machen kann wie Eddie Murphy, sind es die ­Thikwa-Spieler.“

Ein Mitspieler auf der Bühne und Co-­Regisseur ist Felix Loycke vom anarchischen Figurentheater Das Helmi. Er tritt hier ohne Puppen als Schauspieler auf, und wer die unkonventionellen Bühnenschlachten von Das Helmi kennt, wundert sich nicht über seine Vorliebe für Spielweisen der ­Thikwa-Performer, die er als „unorthodox, häufig unberechenbar und sehr ­individuell“ beschreibt. Als „fast unmöglich“ bezeichnet Loyke die Aufgabe, den Film mit seinen vielen ­Perspektivwechseln auf die Bühne zu bringen.

Anne Tismer, die seit langem auf gut bezahlte Theater- und Filmjobs pfeift und nur noch mit Menschen arbeiten möchte, die sie „richtig gut findet“, ist optimistischer. Nach der Adap­tion von zwei Luis-Buñuel-Filmen ist „Dave“ ihre ­dritte spielerische Nacherzählung eines Films, insgesamt ihre siebte ­Zusammenarbeit mit Thikwa: „Einzelne Künstler, die ich schon länger kenne, haben jetzt mehr Raum zu ­improvisieren und Texte zu entwickeln. Nach und nach entwickeln sie eine Leichtigkeit, als wenn sie ein kleines Jazzstück ­interpretieren müssten.“

Dritter im Bunde des Leitungsteams ist Meier Edem, ein 25-jähriger Hip-Hop-Tänzer aus Togo, wo Anne Tismer seit einigen Jahren ein zweites Zuhause gefunden hat. Als ­Tänzer und Choreograf übt er mit den Thikwas die Tanz-Moves. Exemplarisch ist ein Battle, bei dem alle nacheinander ihre eigene kleine Vorführung haben. Sie hüpfen, strecken die Arme und laufen auf allen ­Vieren. Die ­Bewegungen der Thikwa-Performer changieren zwischen Parodie, Nachahmung und einem ganz eigenen Format. Es sind Dialoge, eine Begegnung zwischen dem Etablierten und dem sogenannten Anderen. Die Bühne ist ­einem Sportplatz nachempfunden, ein Basket­ballkorb wartet auf Wurftreffer.

Das Leben ist ein Spiel mit festen ­Regeln, aber manchmal kennt man sie nicht. ­Guten Tag sagen und die Hand geben? „Eine ­einfache Verhaltensweise, die ja als selbstverständlich gilt unter Menschen“, meint ­Felix ­Loycke, „wenn man sie genauer ­betrach­tet, eine eigenartige Tätigkeit.“ Louis ­Edler gibt als Raumschiff Dave seinem Gegenüber ­beide Hände über Kreuz. Und der Polizist (Ingo Joers) stellt abschließend fest: „Ich wusste die ganze Zeit: Wir haben es mit außer­irdischer Intelligenz zu tun.“

30.8.–2.9., 6.–9.9., 20 Uhr, Theater Thikwa, Fidicinstr. 40, Kreuzberg. Konzept und Spiel­leitung: Anne Tismer, Choreografie: Meier Edem Akakpo; mit Torsten Holzapfel, Felix Loycke, Jasmin Lutze, Peter Pankow, Anne Tismer u.a., Eintritt 16, erm. 10 €

[Fancy_Facebook_Comments]