New York

Wütend in New York

Die Kunst-Werke steuern gegen das Zerschreddern der Lebens- und Liebesgeschichten schwuler Männer an – mit Arbeiten von David Wojnarowicz und Reza Abdoh aus New York

Müssen wir noch über Aids reden? In Zeiten, da die Gefahr ­gebannt schein, nicht zuletzt mit PrEP-Pillen, die präventiv vor dem HI-Virus schützen? Oh doch, wir müssen. Erstens, weil das Sterben einer Generation von Männern, die Sex mit Männern hatten (MSM), von der US-Regierung unter ­Ronald Reagan ­bewusst abgenickt wurde: Sie weigerte sich, über die Krankheit zu sprechen – und darüber, wie man sich schützt. Zweitens, weil die Geschichten dieser Männer, die für ihre Menschenrechte als Queers kämpfen mussten, auch von vielen ihrer Familien totgeschwiegen wurden. Die einzige Chance, nicht zu vergessen, lagert und lauert in den (künstlerischen) Nachlässen.

© Frank Sperling
David Wojnarowicz: „A Fire in My Belly“, 1986–1987, Standbild aus Super-8-Film, Installationsansicht in der Ausstellung David Wojnarowicz Photography & Film 1978–1992, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2019, Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York, © Frank Sperling

Die Kunst-Werke präsentieren zwei Einzelausstellungen, die thematisch geklammert sind durch das Thema Aids-Aktivismus: David Wojnarowicz (1954–1992), Graffitisprayer im New Yorker East Village der 1980er und passionierter Arthur-Rimbaud-­Leser, berühmt etwa durch sein Schwarzweiß-Porträt mit zugenähtem Mund ­(„Silence = Death“), hat seinen Lover und Mentor Peter Hujar 1987 noch auf dessen Sterbebett abgelichtet. Eine Bildsprache, die von grenzenloser Liebe spricht. Wojnarowicz zeigt in seinen aufrüttelnden Bildern schwules Begehren und Aufbegehren dagegen, unsichtbar gemacht zu werden. Er war ­einer, den die Wut trieb – doch nicht aus Hass, sondern aus Liebe.

Unglaublich anstrengend, aber sehr stimmig zum Sujet, ist die Videoinstallation des Regisseurs Reza Abdoh (1963–1995), in Teheran geboren und in Los Angeles zum Underground-Star des Off-Theaters erkoren. Sein Gegen-den-Strich-lesen literarischer Klassiker (etwa „The Hip-Hop Waltz of Eurydice“) erzählt in radi­kal lauten Punk-Performances von der perversen Psychohetzjagd auf (aidskranke) Queers. Abdoh verfügte, dass diese ­Stücke nach seinem Tode nicht mehr aufgeführt werden dürfen. Die MoMA-Schau, nun in den KW rekonstruiert, ist die seltene Möglichkeit, Mitschnitte zu sichten. All dies stimmt unbedingt nachdenklich, gewährt in der sehr gelungenen Ausstellungsanordnung aber trotz der visuellen Wucht der Werke auch den nötigen Raum zur konstruktiven Kontemplation.


Bis 5.5.: Kunst-Werke (KW), Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr, Do bis 21 Uhr, 8/6 €, Do 18–21 Uhr, Eintritt frei