URAUFFÜHRUNG

„Das Wetter findet statt“

Die Gruppe Showcase Beat Le Mot und das Musikerinnen-Kollektiv Monika Werkstatt erforschen die vier Jahreszeiten und finden eine neue: „Dead Season“

Jahreszeiten: Vier Performer treffen auf vier Musikerinnen – Foto: Pilocka Krach

Text: Regine Bruckmann

Drei Wochen vor der Premiere ist der Himmel über Berlin grau. Am Morgen liegt etwas Schnee, nachmittags ist er schon weg. Auf eine Schneedecke warten die Berliner auch in diesem Jahr wieder vergebens. „Die Jahreszeiten verschwimmen, verschwinden und verschieben sich“, so Showcase Beat Le Mot. Weshalb die Performance-Gruppe die „Dead Season“, die fünfte Jahreszeit, erfunden oder gefunden hat: „Da treten alle Jahreszeiten gemeinsam auf und entfalten ihre alte Pracht und Kraft.“

In den renovierten Gewerberäumen der Wiesenburg im Wedding wird geprobt. ­Nikola Duric, Dariusz Kostyra und Thorsten Eibeler (der vierte im Bunde, Veit Sprenger, ist bei unserem Treffen verhindert) reden nacheinander, langsam, nachdenklich, greifen die Gedanken der anderen auf, entwickeln sie weiter. So etwas wie Endzeit könne man mit der „Dead Season“ schon assoziieren, Trauer hingegen nicht: „Das ist eine verschollene Jahreszeit. – Im biblischen Sinne: Sie kommt zurück nach Hause. – Sie ist wie das heftigste Gewitter im Sommer: Ein atmosphärischer Unterdruck, der alle Wetterphänomene ansaugt.“

Die vier Performer möchten nicht mit einzelnen Stimmen zitiert werden, weil sie als Kollektiv arbeiten, sie reden nicht mehr als nötig. Nicht auf der Bühne, nicht im wirklichen Leben. Dafür kann die Berichterstatterin erleben, wie der kreative Prozess unter den Performern funktioniert. Einer sagt etwas, ein anderer assoziiert dazu eine Geschichte, eine humorvolle Betrachtung entsteht. Und plötzlich gibt es etwas, was man ausprobieren und zu dem man improvisieren kann. In diesem Fall zu den Jahreszeiten.

„Das Wetter findet statt“, sagen sie. „Besser wird’s nicht.“ Und lieber als politische Statements zum Klimawandel ist ihnen ein gedanklicher Ausflug von Platons „Gutem, Wahren und Schönen“ zum deutschen Idealismus: „Was ist das, was uns da ergreift? Findet man das Schöne und Erhabene nicht am ehesten in der Natur?“ In den grauen Straßenzügen und Hinterhöfen des Wedding jedenfalls eher nicht.

Da kommt die Probe-Session mit dem weiblichen Musik-Kollektiv „Monika Werkstatt“ in der Uckermark gerade Recht. „Wir haben alle zusammen Musik gemacht und die Jungs haben gekocht“, erzählt die Musikerin Gudrun Gut. In der Arbeitsweise fanden sie sofort zusammen: „Es gibt keinen Regisseur, der sagt: Ich brauche diese Musik und das muss so klingen.“ Jede, jeder kann sich einbringen und die Energie stimmt. Die Zahlenmystik auch: vier Männer, vier Frauen, vier Jahreszeiten.

Monika Werkstatt ist ein Zusammenschluss von wechselnden Musikerinnen, die sich auf elektronische, improvisierte Live-Konzerte spezialisiert haben. ­Beate Bartel, Gudrun Gut, Islaja und Pilocka Krach – je eine Künstlerin legt über Mikrofon, Keyboard oder Synthesizer eine musi­kalische Fläche für eine Jahreszeit, je ein männlicher Performer tritt dazu auf. Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden nacheinander auf einer Drehbühne präsentiert. Das Publikum schaut und hört einfach zu.

Die Performancegruppe Showcase Beat Le Mot formierte sich 1997 nach dem Stu­dium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen. Ihr Name ist gleichzeitig ihr Motto: Die Show oder die Aktion ‚schlägt’ oder belebt das Wort. Auf ihrer Homepage ist nachzulesen, dass sie gerne Sofas auf der Bühne hin- und herschieben. Um kein Thea­ter machen zu müssen? Naja, wenn schon Thea­ter, dann ist eines „bei dem Sofas hin und her geschoben werden, meistens interessanter als eines, bei dem lange, auswendig gelernte Texte aufgesagt werden.“

Im Hamburger Kampnagel, im Berliner HAU, aber auch im Deutschen Theater, im Theater an der Parkaue und auf großen Festivals zeigen sie ihre assoziativen, gelassen-witzigen Improvisationen. Auf der Bühne hat die Theater-Boygroup schon fast alles ausprobiert. Beim „Räuber Hotzenplotz“ im Theater an der Parkaue 2007 haben sie für die sechsjährigen Zuschauer gekocht.

Im neuen Projekt „Dead Season“ werden die vier großen Kerle nun mit Tanzmoves überraschen. Aber jeder der Performer hat sein eigenes Tempo, seine eigene Herangehensweise: „Wir sind so unterschiedlich, dass jeder anders durch das Stück geht. Als wenn man gemeinsam eine große Ausstellung besuchen würde. Jeder hat etwas Anderes gesehen. Der eine sitzt schon im Cafe, der andere ist noch im ersten Raum.“ Und die vier Musikerinnen bringen ihre Kompetenz, ihre Kreativität und ihre weibliche Energie mit. Ob das zusammenfindet?

Gudrun Gut ist seit den 80er Jahren in der alternativen Musikszene Berlins aktiv, zum Beispiel mit „Mania D“ und „Malaria“. Von New Wave bis zu Techno hat sie als Musikerin, DJane und Produzentin alle Entwicklungen der elektronischen Musik erlebt und mitgestaltet. Nach all der Erfahrung hat Gut für die Jahreszeiten-Produk­tion nun einfach ein gutes Gefühl: „Wie wir an die Arbeit herangehen, das ganze Ding freimachen und entwickeln, das macht großen Spaß. Das wird ein Knaller – ich weiß es!“ 

„Dead Season“: 26.+27.2., 1.+2.3., 19 Uhr, HAU 1, Stresemannstr. 29, Kreuzberg, Idee & Umsetzung: Showcase Beat Le Mot, Musik: Monika Werkstatt, Eintritt 17, erm. 10 €
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