Theatrale Installation

Dekameron

Eintauchen in eine Retro-Welt frei nach Boccaccios Novellen-Sammlung kann und muss der Zuschauer in diesem immersiven Theaterlabyrinth

Lebende und Tote: Pia Wurzer, Sebastian Urbanski, Filostrato – Foto: Matthias Koslik / Philipp Jester

Wenn der Tod ruft, kann es heiß werden. Der Installa­tionskünstler Thomas Bo Nilsson hat daher den Nachbau eines Landhaus bei Florenz, in das sich Menschen vor der Pest retteten, mit zahlreichen Heißluftbläsern ausgestattet. Man kommt schwitzend aus dem Berliner Sommer – und fühlt die eigenen Körpergrenzen weiter zerfließen. Das Bewusstsein wird porös, die Sinne beginnen ein Gaukelspiel.

Das ist das Sprungbrett in diese liebevoll ausgestattete und für jeweils vier Stunden begehbare Retro-Welt frei nach Boccaccios „Dekameron“. Deren eigentliche Bewohner sind Untote. Die Pest-Flüchter sind übermenschengroße ­Puppen, denen ihre Begleiter Gedanken und Gefühle in die leeren Herzen und Hirne sprechen und die auch vom Pub­likum mittels Seilen oder simplem direkten Anfassen bewegt werden können.

Im Gegensatz zu früheren Performance-Environments von Bo Nilsson selbst, seiner Ex-Compagnie Signa oder des ­Brachialkollegen Vegard Vinge kommen die ­Erzählwelten von „Dekameron“ einerseits enttäuschend brav daher. ­Andererseits erhielten die Spieler, erst recht die vom Inklusionstheater RambaZamba kommenden Schauspielprofis, eine viel größere Souveränität und Reaktionsbandbreite von der Regie zuerkannt. Durchaus eine Lernkurve also in dieser opulenten Sonderform des Theaters. TOM MUSTROPH

8.–10.6., 15.–17.6., 16 + 20 Uhr, 20. + 21.6., 19 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Regie/Bühne/Kostüme: Thomas Bo Nilsson, Julian Wolf Eicke. Eintritt 25, erm. 12 €