Startups versus Kultur-Locations

Dem Privatclub droht das Aus

Startups werden zur Gefahr für Kultur-Locations. Dem Privatclub droht das Aus. Der Grund: Marc Samwer  

Der Club, der vom großen Geld geschluckt werden könnte, schläft nie. 1.600 Bands haben hier in den vergangenen fünf Jahren gespielt, Indierocker, Pop-Bands, Singer/Songwriter – flankiert von einem roten Samtvorhang, der die Bühne ziert und einen etwas aus der Zeit gefallenen Glamour verströmt. Das Verdienst dieser Musiker: zu zeigen, dass jenseits von Techno junge Stromgitarrenmusik noch Lebenszeichen sendet.

Norbert Jackschenties heißt der Erfinder dieser Institution, die an der Skalitzer Straße 85 thront, wo der Wrangelkiez noch vierschrötig ist. Früher war Jackschenties der Sänger der Metal-Formation Fleischmann; seit knapp 20 Jahren betreibt er den Privatclub. „Ich möchte das machen, bis ich tot bin“, sagt der 56-Jährige. Eine Mission, die jetzt durchkreuzt werden könnte.

Im Privatclub
Foto: imago / Michael Schulz

Schuld daran ist Marc Samwer, der neue Eigentümer des Gebäudes, in dem der Club angesiedelt ist, ein altes Postgebäude. Der Internet-Unternehmer fordert die doppelte Miete von ihm. Statt elf Euro pro Quadratmeter im Monat sollen es 22 Euro sein – obwohl der aktuelle Mietvertrag noch bis 2022 läuft. Ein Mietzins, der den schmal budgetierten Privatclub in den Ruin treiben würde. Die Quintessenz: das nächste Gentrifizierungsdrama im Herzen Kreuzbergs.

2015 war noch der Gemüseladen „Bizzim Bakal“ ein Menetekel für Verdrängungspraktiken von Investoren. Nach Protesten, von denen am Ende sogar die „New York Times“ berichtete, konnte das Kiez-Geschäft vor dem Aus gerettet werden – ehe der Betreiber dann doch die Markisen einrollen musste, aber wegen gesundheitlicher Probleme. Nun trifft es ein Zentrum der Musikszene. Im Privatclub haben Wir sind Helden oder Kakkmaddafakka ihre Amps aufgedreht, bevor sie zu Stars wurden. Früher siedelte die Location unter der jetzigen Markthalle Neun, seit 2012 an der Skalitzer Straße.

Der Streit um Bizim Bakkal

Norbert Jackschenties spricht von einer „Taktik des Mürbemachens“, die Samwer anwendet, um an der Preisspirale drehen zu können. Dieser habe eine Abmahnung verschickt, in der er mit Kündigung drohe und Schadensersatz fordere. Ihn stört, dass regelmäßig Konzerte steigen. Er will offenbar nur zwei Veranstaltungen pro Woche dulden und keine Soundchecks am Nachmittag. Ein juristischer Schachzug.

Die Veranstaltungen im Privatclub

Gegenüber dem „Berliner Kurier“ behauptet die Anwältin Samwers, dass der Mietvertrag nur einen temporären Betrieb vorsehen würde. Das bedeute auch, dass Soundchecks erst ab 17 Uhr stattfinden dürften. Auf den Lärmschutz pocht Samwer wegen des neuen Mieters in der oberen Etage: Dort ist 2017 ein Startup eingezogen; Treasure Hunt entwickelt Handyspiele.

Der Kampf um den Privatclub ist ein Politikum: Wie tief sind die Wunden, die die Samwer-Brüder schlagen – und wie kann man Unternehmen, die sich Immobilien unter den Nagel reißen, zähmen?

Ein netter Senatsbrief

Marc Samwer ist einer der drei Brüder, die Rocket Internet gegründet haben, jenes Startup-Imperium, das wegen geklonter Geschäftsideen kritisiert wird. Der Wert ihrer Immobilien-Objekte in Berlin soll mittlerweile an der Milliardengrenze kratzen. Die Expansion könnte damit zu tun haben, dass das Kerngeschäft mit Rocket Internet zäh ist – an der Börse ist das Unternehmen nicht gerade der Überflieger.

Zu Samwers Portfolio in der Hauptstadt gehören das altehrwürdige Ullstein-Haus in Tempelhof ebenso wie Anteile an Wohnimmobilien in Neukölln. Einer der Samwer-Brüder soll auch Anteile an den Uferhallen im Wedding gekauft haben, einem Künstlerdomizil. Derzeit errichtet die Samwer-Gründung Zalando, an der die Brüder nach wie vor beteiligt sind,  einen Gewerbepark auf der Cuvry-Brache und einen Campus an der East Side Gallery.

Um den an der Skalitzer Straße 85 geweckten Profithunger zu zügeln, hat der Senat einen Brief an Marc Samwer verschickt. „Nett und fordernd“ sei das Schreiben gewesen, erzählt Katja Lucker, Geschäftsführerin des Musicboards Berlin. Der Unternehmer solle das Gespräch suchen. Aber lässt sich ein Samwer überhaupt bitten?

Wie die Startup-Branche mit Kulturtempeln verfährt, zeigt das ehemalige Postgebäude in Friedrichshain. Dort müssen fast 50 Künstler ausziehen, seit das Haus einer Eigentümergesellschaft gehört, zu deren Teilhabern auch Udo Schloemer gehört, Gründer und CEO der „Factory Berlin“, einem Startup-Campus.

Angesichts solcher Exzesse diskutieren Politiker und Kulturschaffende über Auswege. Heimatlose Veranstalter könnten in Landesimmobilien umziehen. Lucker, die Netzwerkerin vom Musicboard, bringt die Alte Münze am Molkenmarkt ins Spiel.

Dann ist da noch ein Modell, das Start-up-Mogule zu Mäzenen machen würde. Wer sich in Berliner Immobilien einkauft, zahlt zugleich in einen Fonds ein, der kulturelle Projekte fördert. Ähnlich wie es die Schweizer Stiftung Edith Maryon handhabt, die ohne Profitabsichten das Neuköllner Kindl-Gelände entwickelt.

Und es gibt politische Instrumente: etwa den Milieuschutz auf Gewerbe-Immobilien auszuweiten, ein Projekt, das Bausenatorin Kathrin Lompscher anstrebt. Dafür müsste aber eine Bundesratsinitiative gestartet werden.

Ohne Gegenwehr werden Unternehmer wie die Samwers die Stadt als ihre Beute betrachten.

privatclub-berlin.de