Kernenergie

Der Anfang vom Ende

Nach knapp 50 Jahren wird der Berliner ­Forschungsreaktor abgeschaltet. Auch am Wannsee zeigt sich der gespaltene öffentliche Umgang mit der Radioaktivität.

Der BER II ist ein Schwimmbadreaktor. Im Inneren liegen gut sechs Kilo Uran.
Foto: HZB / Bernhard Ludewig

Im Wohngebiet am Birkenhügel hat man die Ruhe weg. Hier und in den umliegenden Straßen im Ortsteil Wannsee, kurz bevor Berlin aufhört, Berlin zu sein, wohnen die Menschen in freistehenden Häuschen mit Stuckatur oder kleinen Villen. Viele sind seit 30, 40 Jahren da. Im zugehörigen Bezirk Zehlendorf leben die meisten Superreichen der Stadt und auch noch ­einige Immer-noch-ziemlich-Reiche. Vielleicht auch deshalb scheinen sich die Alltagssorgen der Anwohner in Grenzen zu halten. Zwischen penibel gestriegelten Hecken, Seniorentreffs und Rasenmäher-Betulichkeit hängt höchstens mal ein Warnhinweis am Jägerzaun: „Bitte die Tür schließen, damit die Wildschweine keine Chance haben.“

Gerade mal 900 Meter vom Birkenhügel entfernt steht ein Atomreaktor. Im Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie (HZB) wird Uran-235 gespalten, zu Forschungszwecken. Sechs Kilogramm der radioaktiven Brennelemente liegen dort in einem Wasserbecken. Wenn man mal herumfragt in Wannsee, ob die Leute Angst haben hier zu leben, gibt’s kaum mehr als ein müdes Lächeln. Frau mit Kinderwagen: „Ich bin da relativ entspannt.“ Gartenschlauchnachbar: „Mir ist das egal.“ Seniorin im Blumenbeet: „Die Autos, die hier durchfahren, sind gefährlicher.“ Und eben diese vermaledeiten Wildschweine.

Was die Nachbarschaft in Wannsee wirklich beschäftigt
Foto: Sarah Bergmann

Wenn Sie gewarnt werden: Bleiben Sie im Haus und verschließen Sie Fenster und Türen. ­Duschen Sie Haustiere ab, die sich im Freien aufgehalten haben.

Früher oder später nimmt trotzdem jeder ein Wort in den Mund: Tschernobyl. Wenn schlechte Nachrichten über den Forschungsreaktor durch die Medien gehen, wie 2013 über Risse in einer Schweißnaht im Kühlsystem, rennen die Menschen in die Apotheken, sagt eine Ladeninhaberin. Leben in Wannsee heißt eben auch immer noch leben mit Notfall-Broschüre in der Schublade: Ende der 50er-Jahre eröffnete Willy Brandt den ersten Forschungsreaktor in Wannsee. Am 11. Dezember dieses Jahres um Punkt 14 Uhr wird der Nachfolger dieses „Berliner Experimentier-Reaktors“ (tatsächlich offiziell abgekürzt als BER II) für immer abgeschaltet. Vorbei ist es dann noch lange nicht. Bis die Anlage stillgelegt ist, dauert es Jahrzehnte. Inklusive Personalkosten werden wohl deutlich mehr als die ursprünglich veranschlagten 40 Millionen Euro aus dem staatlichen Portemonnaie ausgegeben. Begleitet wird der Vorgang von Bürgerdialogen, kritischen Beobachter*innen und dieser ganz speziellen Mischung aus Abgeklärtheit, Skepsis, sachlichen Diskussionen und Angst, die sinnbildlich ist für das Atomzeitalter in Deutschland — und dessen baldigem Ende.

Plötzlich piepst es im Reaktor

Bis 2022 müssen alle Kernkraftwerke vom Netz gehen, so hat es die Bundesregierung nach Fukushima beschlossen. Der Berliner Forschungsreaktor ist kein Kernkraftwerk. Erzeugt werden durch die Uranspaltung nur Neutronen, keine Elektrizität. Trotzdem lässt sich an der Schließung beobachten, wie es laufen kann, wenn Wissenschaftler*innen mit Aktivist*innen diskutieren, wenn Umweltschutz, Wirtschaftlichkeit, Bürokratie und Emotionen verhandelt werden müssen. Und eines haben die Stilllegung von BER II und Kernkraftwerken gemeinsam: Zurück bleibt Müll. Und der muss irgendwo hin. Aber wie schaltet man einen Atomreaktor ordentlich ab? Was passiert, wenn Anti-Atom-Demonstrant*innen vertrauliche Dokumente vorgelegt werden? Und warum ist sie so schwer in den Griff zu kriegen, die diffuse Furcht vor Strahlung in Berlin?

Durch die schmalen Kopfsteinpflasterstraßen im Wohngebiet rumpelt der Bus 318 und bringt Alexandra Franz zur Arbeit. Die Materialwissenschaftlerin forscht am Helmholtz-Zentrum, etwa zu neuartigen Werkstoffen für Solarzellen. Hybrid-Perowskite, kompliziertes Zeug, trotzdem ist Franz eine, die sich einfach ausdrücken kann. Im Bus werde sie schon mal raunend gefragt, ob sie sich denn sicher fühle im HZB. „Würde ich denn sonst da arbeiten?“, sagt sie dann. Dabei kann man als Laie zu Besuch im Forschungsreaktor durchaus mal ein mulmiges Gefühl kriegen bei all den Schutzschleusen und Sicherheitschoreographien.

Mit sensiblen Messgeräten forschen ist die Experimentierhalle ausgestattet
Foto: HZB / Bernhard Ludewig

Beim Rundgang geht plötzlich ein lautes Piepsen los. Kurze Verwirrung, dann Entwarnung: War gar nicht das Dosimeter, sondern nur die Mikrowelle in der Kaffeeküche. Neben ihrer eigenen Forschung betreut Franz auch die Gastwissenschaftler*innen, die Instrumente im Forschungsreaktor nutzen: jährlich bis zu 400 Teams aus aller Welt. Sie kommen nach Wannsee, um Gegenstände mit den Neutronen, die bei der Kernspaltung entstehen, zu beschießen: Dino­saurierschädel, Ölgemälde, Stahlbauteile. „Die Neutronenquelle ist für die Materialforschung wie ein großes Mikroskop, mit dem man tief in die Materie schauen kann“, erklärt Alexandra Franz. Rund um die Uhr wird im BER II experimentiert. Wenn ein Wissenschaftler nachts um drei ein Problem mit einem Gerät hat, geht Alexandra Franz ans ­Telefon und fragt: „Hast du schonmal probiert, es aus- und wieder anzuschalten?“ Dass der Reaktor zugemacht wird, finden Franz und ihre Kolleg*innen zwar schade. Mittlerweile sind Reaktoren wie BER II aber schlicht nicht mehr state of the art. „Modernisierungsarbeiten sind zunehmend unrentabel“, heißt es im HZB.

Für die gesamte Zentral- und Mittelzone kann die Einnahme von Jod-Tabletten zum Schutz der Schilddrüse für Kinder und Erwachsene bis 45 Jahre erforderlich sein.

Für Kritiker wie Stephan Worseck ist es ein Grund zum Aufatmen. „Wenn der Reaktor abgestellt wird, habe ich meine Mission erfüllt“, sagt der ehemalige Chemiker. Auch er ist Anrainer des Helmholtz-Zentrums, allerdings auf Potsdamer Seite. „Nach Fukushima bin ich aufgewacht, das war kein Science-Fiction mehr“, sagt er. Seitdem beschäftigt sich der 62-Jährige mit Atompolitik, bringt sich in Bündnissen ein, hält Reden auf Kundgebungen. Worseck hat sich viel angelesen, über Risikobewertung, Historisches, Grenzwerte. Ein greifbarer Grund aber ist: „Ich habe Angst, wenn da ein Hubschrauber drüberfliegt.“ Das apokalyptische Szenario geht zum Beispiel so: Ein Terrorist entführt einen Hubschrauber, etwa vom ADAC, und wirft über dem Reaktor zehn Kilogramm Sprengstoff ab, was dann im schlimmsten Fall zur Kernschmelze führen würde. Natürlich nicht unmöglich, aber wahrscheinlich? Naja. Stephan Worseck beschäftigt sich auch mit realistischeren Entwicklungen. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden beim Rückbau kleine Mengen Strahlung im Rahmen der aktuellen Grenzwerte freigesetzt“, glaubt er. Um solche Bedenken einzubringen, beteiligt Worseck sich am Bürgerdialog, den das Helmholtz-Zentrum zur Schließung des Forschungsreaktors führt.

Wenn Befürchtungen von Bürger*innen auf Pläne von Politik und Reaktorbetreibern treffen, kracht es sonst regelmäßig in Deutschland. Dafür steht schon das Schlagwort „Castor-Transporte“, unter dem Bilder von vermummten Blockierern auf Bahnschienen nach Gorleben im kulturellen Gedächtnis gespeichert sind. Vor allem bei der fortdauernden Endlagersuche für hochradioaktiven Schrott ist das Streitpotenzial riesig. Initiativen wie „ausgestrahlt“ kritisieren mangelnde Mitbestimmungsrechte und vorgegaukelte Partizipation, Umweltverbände bereiten Klagen vor. Sachlich und auf Augenhöhe, so scheint es, wird über Atomphysik hierzulande selten diskutiert. Manchmal auch, weil zwischen Experten und Engagierten der Wissensstand auseinander klafft. Auch in der Wahrnehmung von Helmholtz-Forscherin Alexandra Franz vermischt sich berechtigte Bürgerkritik oft mit unbegründeter Angst: „Aus meiner Sicht ist da auch viel Halbwissen dabei.“

Streit beim Thema Rückbau

Dagegen bemühen sich Forschungszentrum und Aktivist*innen in der „Dialoggruppe“ zum Berliner Reaktor, Vorbehalte ­abzubauen. Seit Januar 2018 trifft sich die Gruppe, mittlerweile monatlich: Im Wechsel beraten sich etwa Stephan Worseck und ein Dutzend andere Bürger*innen untereinander sowie mit Verantwortlichen des HZB. Geleitet werden die Treffen von einer unabhängigen Moderation, zudem ist eine Physikerin engagiert worden, die zwischen Fach- und Alltagssprache übersetzen soll.

Aktivistin Heila Beyma im Garten ihres ehemals besetzten Hauses in Kreuzberg
Foto: Sarah Bergmann

Das Vertrauen zwischen den Parteien ist groß, das HZB legt den Aktivistinnen auch interne Unterlagen vor. Die Presse darf nicht zuhören. Eingeweiht ist dagegen Heila ­Beyme: Die Angestellte hat schon eine ganze Aktivismus-Karriere hinter sich, die Zeit in der Republik Freies Wendland bezeichnet sie als die besten Wochen ihres Lebens. Im Garten ihres ehemals besetzten Hauses in ­Kreuzberg stellt sie Kirschen und BioZisch auf den Tisch, daneben zwei dicke Tragetaschen mit Unterlagen. Im Hinterhof lagern gelb-schwarz angesprühte Tonnen von Protestaktionen, regelmäßig kommen Langhaarige vorbei und grüßen nett. Beyme hebt den „offenen Dialog ohne Maulkorb“ und das „gegenseitiges Sich-Zuhören“ in der Diskussion mit dem HZB hervor — ganz anders sei das als die „Pseudo-Gespräche“, wie man sie von der Endlagersuche kenne. Auch die bestehenden Meinungsverschiedenheiten werden nicht totgeschwiegen: Während das HZB nach der Stilllegung einen direkten Rückbau des Reaktors anpeilt, wünschen sich zumindest einige Bürgerinnen, einen Teileinschluss zu prüfen: Brennstäbe raus, den Rest zumauern. „Es muss die Variante gesucht werden, die für Mensch und Umwelt am wenigsten schädlich ist“, sagt Beyme. Wenn es nach Stephan Worseck geht, könnte am Standort ein Denkmal zurückbleiben, „zur mahnenden Erinnerung an die Entdeckung der Kernspaltung 1938″.

Als provisorische Atemschutz-Filter eignen sich mehrlagig gefaltete Handtücher oder Taschentücher, die vor Mund und Nase gehalten werden. Nutzen Sie Filter auch, wenn Sie sich nur kurzzeitig im Freien aufhalten müssen.

Ein Endlager für hochradioaktiven Abfall gibt es übrigens noch nicht — und zwar weltweit. Auch wenn der BER II vergleichsweise wenig Uran hinterlassen wird: „Atommüll im Namen der Forschung ist eben auch Atommüll“, sagt Kritiker Worseck. Ein Problem, das Wissenschaft und Aktivist*innen noch lange beschäftigen wird, auch nachdem unweit des beschaulichen Birkenhügels am 11. Dezember 2019 die Lichter ausgehen.