Dran glauben

Der Berliner Bestatter Eric Wrede

Mit Mitte 20 verdiente Eric Wrede viel Geld in der Popmusikbranche. Dann stellte er sich den großen Fragen des Lebens. Und wurde Bestatter. Darauf muss man erst mal kommen

Kommt also der Herr Bestatter des Wegs und sagt als erstes: „Habe gerade gelesen, die ,Spex’ wird eingestellt.“ Er schüttelt den Kopf. Die ,Spex’!“ Was für eine Welt. Unfassbar.

Die „Spex“ war fast vier Jahrzehnte lang das popintellektuelle Zentralorgan Deutschlands. Ende des Jahres erscheint die 384. und letzte Ausgabe. Das war’s dann.

Natürlich besitzt es eine gewisse Logik, dass sich ein Bestatter für Dinge interessiert, die enden. Aber bei Eric Wrede, der jetzt vor seinem Begräbnisinstitut am Arnimplatz in Prenzlauer Berg steht, das „Lebensnah Bestattungen“ heißt, liegen die Dinge etwas anders. Er hatte ziemlich viel mit Popmusik zu tun. Früher. In einem Plattenladen, bei einem Musiklabel, als DJ.

Eric Wrede

Was macht so einer bloß in einer Bestattungsfirma?
„Wir machen vieles anders als klassische Bestatter.“ Das steht auf der Webseite seines Instituts. So etwas lesen klassische Bestatter bestimmt besonders gern.

An diesem Montagnachmittag spaziert Wrede über die Straße, zum Arnimplatz gegenüber, findet eine freie Bank. Groß, Bart, Bluejeans, schwarzer Pullover, Doc Martens. Zu Trauerfeiern trage er einen Anzug, sagt er: „Wenn ich zu leger auf Beisetzungen gehe, erkennt mich keiner als Bestatter.“ Unter den langen Ärmeln blitzen Tätowierungen hervor.

Wrede hat gerade ein Buch geschrieben, „The End – Das Buch vom Tod“. Auf Facebook ist er unter @dermitdemtodtanzt zu finden. Er betreibt einen Podcast, „The End – der Podcast über Leben und Tod“, in dem er zum Beispiel mit dem Musiker Gisbert zu Knyphausen, der Moderatorin Madeleine Wehle oder dem Schauspieler Clemens Schick über letzte Dinge redet. Auszüge stehen auch im Buch. Es liest sich sehr, jawohl: lebendig.

Sein Buch beginnt – mit seinem Testament. „Ich möchte, dass niemand auf meiner Trauerfeier spricht“, schreibt er dort zum Beispiel. Oder: „Zur Begrüßung soll ,I’m Not Like Anybody Else‘ von The Kinks laufen.“

Dran glauben müssen wir ja alle irgendwann. Sterben, der Umgang mit dem Tod, die eigene Vergänglichkeit: Gar nicht so lange her, da waren das keine Kracherthemen für Großstadthedonisten. Aber es tut sich einiges. Die alternative Bestatterin Caitlin Doughty aus Los Angeles betreibt den YouTube-Kanal „Ask The Mortician“, bloggt und schreibt Beststeller. In Berlin hat sich im vergangenen Jahr der Gesprächsclub „School of Death“ gegründet. Die gebürtige US-Amerikanerin Angela Fournes, die seit mehr als zehn Jahren als Bestatterin in Berlin lebt, hat auch gerade ein Buch herausgebracht.

Eric Wrede ist 1980 in Rostock geboren, in Weißensee aufgewachsen. Er wohnt jetzt in Moabit, hinreichend weit weg von Prenzlauer Berg. „Ich finde es nicht unangenehm, dass du in der Kneipe nicht auf Menschen triffst, die du tagsüber begleitet hast.“

Früher, sagt er, sei er immer „so sonntagskindmäßig in meine Jobs gefallen“. Mit Mitte 20 verschlägt es ihn durch den Tipp eines Bekannten zum Label Motor Music von Tim Renner, lange bevor der als Kulturstaatssekretär an der Volksbühne seinen Ruf ruiniert. Zuvor hatte Wrede im legendären Schöneberger Plattenladen Mr Dead & Mrs Free gearbeitet. Seine Praktikumsbewerbung: Vier Passbilder und ein Satz. „Motor braucht Eric Wrede.“

Er bringt es zum A&R-Manager. Arbeitet mit Bands wie Selig, Polarkreis 18, den H-Blockx. Dann wird er 30. Irgendwann beginnt es in seinem Kopf zu rattern. „Was will ich selbst eigentlich?“ Verdammt gute Frage. Wrede schreibt sich eine Liste. Eine Seite. Dinge, die er will. Und Dinge, die er nicht will. Darauf steht zum Beispiel: „Ich möchte gerne in akuten Situationen Menschen helfen können. Ich möchte gern irgendwo arbeiten, wo ich das Gefühl habe, noch etwas verändern zu können.“ Heraus kommt: Psychologe oder Tischler.

Dann, er ist auf der Rückfahrt von einer Tattoo-Covention, hört er auf der A2 im Radio ein Interview mit einem Pionier der alternativen Bestattungsszene, Fritz Roth. Und ist geflasht. Die Krebserkrankung eines Freundes ist der letzte Impuls. Im Frühjahr 2013 schmeißt er seinen Musikjob hin. Von 4.000 Euro im Monat runter auf ein unbezahltes Praktikum bei einem Bestatter. Mit Nebenjob in einem veganen Restaurant, „und das als Fleischesser!“ Dann macht er seinen eigenen Laden auf.

Eric Wrede: „The End. Das Buch vom Tod“, Heyne Hardcore, 192 S., 16 € Buchpremiere: Silent Green Kulturquartier, Gerichtstr. 35, Wedding, 16.11., 20 Uhr, Eintritt: 16 €

Niemand, schreibt Wrede im Buch, habe uns beigebracht, über den Tod zu reden: „Wir vermeiden es, wo es nur geht.“ Er kann lange darüber reden, wie viel Nachholbedarf in unserer Gesellschaft beim Thema Abschiedskultur bestehe. Wie würdelos das klassische Geschäft der Branche oft sei. „Ich stelle das Bestatterwesen in Frage“, sagt er. „Ich lebe nicht davon, dass ich teure Särge verkaufe. Sondern von viel Zeit, die ich bereitstelle.“ Reden, reden. Über neue Ideen. Über Wünsche. Vor ein paar Tagen hat er gemeinsam mit 18 Enkelkindern einen Sarg für ihren verstorbenen Opa gebaut.

Was wäre aus ihm, Eric Wrede geworden, wenn er damals auf der A2 nicht zufällig das Radio angeschaltet hätte? Wrede überlegt.„Ich glaube, irgendwie hätte ich trotzdem den Bestatterberuf gefunden.“

Kürzlich ist er Vater geworden. Eine Tochter. Ein Kind ändert alles. „Ich habe das erste Mal überlegt, mit dem Rauchen aufzuhören“, sagt Eric Wrede. Er lacht.

Denn dran glauben müssen wir zwar alle.
Es eilt aber auch nicht.


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