Sonnenbad mit Bach

Der Berliner Klassik-Pianist Víkingur Ólafsson

Der Berliner Klassik-Pianist Víkingur Ólafsson hat schon Björk bezaubert und auch Philip Glass,  den großen Pionier der Minimal Music. Er jettet um die Welt. Sein neues Album kreist um Bach.  Krass: Cleaner haben diese Stücke nie geklungen

Víkingur Ólafsson
Víkingur Ólafsson
Foto: Ari Megg / Deutsche Grammophon

Hat sich da ein Pop-Künstler in die Klassik verirrt? Víkingur Ólafsson hat nicht nur diese blaue Brille, die eher an einen Techno-DJ als an einen herkömmlichen Pianisten erinnert. Im isländischen Fernsehen moderierte er eine Sendung, die auf den schönen Titel „Útúrdúr“ hörte (zu Deutsch: „Verstimmt“). Inzwischen lebt er dauerhaft in Berlin – wenn er nicht gerade zwischen Elbphilharmonie, Tokio und Hollywood Bowl die Welt unsicher macht.

Durch die Decke ging er letztes Jahr mit einem Philip-Glass-Album beim Berliner Label Deutsche Grammophon. Nicht zuletzt deshalb, weil dieses Repertoire bislang kaum für würdig befunden worden war, den Katalog des prestigereichsten Klassik-Labels der Welt zu zieren. Víkingur arbeitete dafür mit Glass, dem Pionier der Minimal Music, persönlich zusammen.

Das jetzt neue Bach-Album, auf dem Víkingur vor allem Stücke spielt, die der große Bach-Spieler Glenn Gould eher gemieden hat, klingt so, als hätte auch hier Glass seine Finger mit im Spiel gehabt. Cleaner, konstruktiver, laborhafter haben Bachs „Aria variata“, das d-Moll-Concerto BWV 974 und die Busoni-, Siloti- und Rachmaninov-Arrangements von Bach-Chorälen nie geklungen.

„Ich wollte Bachs Werke aus allen Phasen aus ihrem jeweiligen Kontext herauslösen und habe monatelang über die Reihenfolge auf dem Album nachgedacht“, so Víkingur. Die Arbeit hat sich gelohnt. Ist übrigens kein Wunder, denn die Vorbilder dieses Pianisten, der wahrlich aus der Kälte kam, sind eher ungewöhnlich. „Vor allem hat der rumänische Pianist Dinu Lipatti mein Leben verändert. Ich halte ihn für den vielleicht größten Pianisten von allen. Lipatti besaß eine unerhörte Einfachheit, Direktheit und Gesanglichkeit und ist nicht immer nur wie ein Adler auf die Tasten niedergestürzt.“ Genau diese unromantische Klarheit und Mitternachtssonne findet man in Víkingurs Bach-Spiel wieder.

Dass mittlerweile viele neue Klassik-Helden ein bisschen wie Pop-Stars aussehen, muss man dagegen nicht unbedingt als Vorteil ansehen. Erfrischend verquere Glatzköpfe wie früher bekämen heute nicht einmal mehr einen Vertrag. Víkingur kann da nichts für. Er ist immerhin ein Kopf, den man auch auf Klassik-Covern problemlos abbilden kann. Was auch nicht schlecht ist. Sein Bach ist noch besser.

Eigentlich ein netter junger Mann, der seine Heimat in Reykjavík, wo er 1984 geboren wurde, nicht vergessen hat (mit dortigem Zweitwohnsitz). „Ich spiele am liebsten bei mir im Wohnzimmer, vor fünf Leuten, denen ich traue und die ich liebe“, sagt er arglos. „Und zwar spontan, wenn es sich gerade so ergibt. Das fehlt mir in der Klassik. Mozart“, sagt Víkingur, „brauchte noch nicht darüber nachzudenken, was er in drei Jahren spielen möchte. Darum beneide ich auch die Pop- und Jazz-Szene, in der nicht so lange Planungszeiten zu berücksichtigen sind.“

Übrigens: Víkingur! Nicht Mr. Ólafsson.„Ich würde selbst den Präsidenten meines Landes nicht mit Nachnamen, sondern mit dem Vornamen ansprechen“, so Víkingur Ólafsson in aller Bescheidenheit. Also: Vikingur! Die Bräuche sind so. „Ólafsson“ bedeutet im Übrigen nur, dass sein Vater Olaf hieß. Das Namenssystem Islands ist patronymisch. „Mein Sohn wird mit Nachnamen Víkingsson, meine Tochter Víkingsdóttir heißen“, so Víkingur.

Vier Mal wurde er in Island zum „Musiker des Jahres“ gewählt. Er gewann einen „Optimismus-Preis“. Man fragt sich: Wie pessimistisch muss ein Land sein, um einen Preis fürs Gegenteil auszuloben?„Ganz genau!“, sagt Víkingur. „Der Preis wird im Januar, der dunkelsten Zeit in Island, vergeben. Dann sind alle bei uns recht deprimiert, und wir können – mangels Licht – jede Aufheiterung gebrauchen.“
Islands Klassikszene ist überschaubar. Nicht nur von zeitgenössischen Komponisten wie Snorri Sigfús Birgisson, Haukur Tómasson und Þórður Magnússon hat Víkingur schon Werke uraufgeführt. Auch mit Björk ist er schon aufgetreten – in der isländischen Fernsehsendung „Átta Raddir“, mit dem Song „Oceana“. Kann man auf Youtube nachschauen.

Zum Klavierspielen kam Víkingur durch die Mutter, selber Pianistin. Wäre das nicht eher ein Grund gewesen, um nicht Pianist zu werden? „Meine Mutter hat großen Eindruck auf mich gemacht, aber nach einem Jahr stellten wir fest, dass es vielleicht doch besser sei, wenn sie mich nicht länger unterrichte. Es wurde zu persönlich.“ Inzwischen, nachdem er an der renommierten Juilliard School in New York sein Studium abgeschlossen hatte, ist er sogar mit einer Pianistin verheiratet. Ist das Klavier dann immer Thema? „Die Phase des Kritisierens ist bei uns vorbei! Es kommt nicht auf Fehler an, von denen ohnehin mehr Aufhebens gemacht wird als selbst Franz Liszt gut gefunden hätte“, so Víkingur. „Man muss das größere Bild im Blick haben.“

Víkingur Ólafsson: „Johann Sebastian Bach“ (Deutsche Grammophon)