Serie: Geld Macht Kunst

Der Berliner Kunstmarkt: Wer wird hier Millionär? (Teil 6)

Der Markt für zeitgenössische Kunst läuft auf Hochtouren. Vorbei ist die Zeit, da ein Künstler tot sein musste, damit seine Werke teuer gehandelt werden. Heute herrscht ein regelrechtes Kesseltreiben um die lebenden Stars, von dem auch das lang als umsatzschwach geltende Berliner Geschäft mit der Kunst profitiert.

Und wo Erfolg ist, da wuchern die Mythen. Geht es nach der Zeitschrift „Wirtschaftswoche“, dann ist der Erfolg auf dem Kunstmarkt nahezu das Ergebnis einer Verschwörung. „Ein Netz aus vielleicht 100 Eingeweihten steuert unter den weltweiten Sammlern, den 18.000 Galeristen, 22.000 Museen, Institutionen und Sammlungen, 1.500 Auktionshäusern und rund 500 Messen den weltweiten Kunstmarkt“, stand da im Oktober zu lesen. „Diese Multiplikatoren entscheiden, aus welchem Talent ein Star wird, eine teuer bezahlte Marke in einem milliardenschweren Markt.“ Wow. Wer mögen die 100 Illuminaten wohl sein, die in Emails oder Geheimsitzungen die Blue Chips des Kunstmarkts bestimmen? Das Düsseldorfer Wirtschaftsmagazin nennt keine Namen.

Natürlich gibt es sie, die einflussreichen Händler, Berater, Auktionatoren und Sammler, die Kontakte in alle Richtungen unterhalten. Auch Berliner Galeristen wie Gerd Harry Lybke von Eigen+Art oder Matthias Arndt von Arndt & Partner setzen Arbeiten ihrer Künstler gezielt ein, um sie in hochkarätigen Sammlungen zu platzieren, um Ware zu verknappen und Karrieren zu fördern. Doch im Grunde versucht das jeder Galerist. „Das muss man sehr sensibel handhaben“, sagt Klara Wallner, Berliner Galeristin im dritten Jahr. „Ich möchte die Kunden pflegen, die mich im ersten Jahr am Leben gehalten haben, aber zugleich suche ich gezielt nach einer noch interessanteren Klientel, nach guten Privatsammlungen und Museen. Auch, um die Künstler weiter zu fördern.“

Im Hier und Jetzt

Neu sind die Dimensionen, die der Handel mit Gegenwartskunst erreicht hat. Und da setzen jetzt nicht mehr allein Galerien, sondern vor allem die Auktionshäuser, die nach der Verknappung älterer Ware ins Zeitgenössische eingestiegen sind, die Marken. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die aktuellen Rekordlisten aus New York und London. So haben bei den Frühjahrsauktionen Arbeiten von Peter Doig (1,08 Millionen US-Dollar), Daniel Richter (400.000 Pfund) oder Neo Rauch (452.000 US-Dollar) abgeräumt. Interieurs von Matthias Weischer sind im Winter im sechsstelligen Bereich angelangt, Bilder eines jungen Malers, der noch vor zwei Jahren Teilhaber einer kleinen Berliner Produzentengalerie war, wo sie für einige Tausend Euro zu haben waren.

Das Hoch stärkt auch den Berliner Markt. Schon der Kulturwirtschaftsbericht des Senats von Ende 2005 weist das Geschäft mit der Kunst als einen der kräftigsten Zweige der wachsenden Kulturwirtschaft aus. So hat das Auktionshaus Villa Grisebach, das lange auf Kunst des 19. und 20. Jahrhundert spezialisiert war, Zeitgenössisches ins Programm genommen. Seit 2004 signalisiert eine Galerie unter seinem Dach mit Ausstellungen jüngerer Künstler wie aktuell von Stefan Saffer und Sabine Fassl das Interesse des Hauses an der Gegenwart. Für die kommenden Herbstauktionen erwartet Gesellschafterin Micaela Kapitzky ein weiteres Hoch: „Der Markt ist absolut sicher“, sagt sie. Auch beim Art Forum, das sich auf Zeitgenössisches konzentriert, ist man optimistisch, nicht nur, weil sich die elf Jahre junge Berliner Kunstmesse nach vielem Schlingern konsolidiert hat. Mit rund 450 Anträgen auf 120 Ausstellerplätze, sagt Sprecherin Anne Meier, verzeichne das Art Forum für die kommende Messe Ende September so viele Bewerber wie nie zuvor: „Der Trend zur jungen Kunst hält an“.

Seit dem Zusammenbruch der New Economy verspricht keine Aktie so hohe Renditen wie Kunst. Was bis zum Frühjahr 2000 einmal EM.TV oder Intershop waren, sind für viele heute Bilder von Dirk Skreber, Eberhard Havekost oder Thomas Scheibitz – eine Anlage mit der Verheißung, dass sich der investierte Betrag binnen eines Jahres vervielfachen lässt. Viele Arbeiten wandern daher schnell aus der Galerie auf den Sekundärmarkt der Kunsthändler und Auktionäre, der Galeristen und Künstler leer ausgehen lässt, wenn sie dort nicht selbst Arbeiten einreichen. Hinzu kommt, dass die Ware gefragter Künstler begrenzt ist. Der Maler Neo Rauch liefert nur 20 Großformate im Jahr, egal, wie viele Dollar ihm geboten werden. Auf der Strecke bleiben dabei viele öffentlichen Sammlungen und Museen. Sie können mangels Geld nicht mehr mithalten. Ihre Bestände veralten.

Die Erinnerung an den letzten Börsencrash ist indes so frisch, dass auch auf dem Kunstmarkt stets die Frage zu hören ist, ob und wann die „Blase“ platzt. Die Meinungen darüber gehen auseinander. „Der gute Trend hält, so lange sich der Aktienmarkt nicht stabilisiert.“, sagt Anne Meier vom Art Forum. Das Magazin „ARTinvestor“ wiederum beruft sich auf eine Studie des Frankfurter F.A.Z.-Instituts für Management-, Markt- und Medieninformationen, nach der zeitgenössische Kunst ein ideales Instrument zur Vermögensbildung sei. Doch was genau hoch gehandelt wird, ist das Risiko bei diesem Spiel. „Wir müssen auf Messen immer wieder Fragen beantworten, ob unsere Künstler aus Leipzig kommen und jung sind“, sagt Mathias Siebert von der Berliner Kuttner Siebert Galerie.

Gérard Goodrow dagegen, der künstlerische Leiter der Kölner Messe Art Cologne, denkt, dass zumindest der Boom der Leipziger Malerei bald endet. Im Newsletter des Art Forum heißt es bereits, dass Skulptur und Installation die nächste Trends sein werden, eine Voraussage, die Galerist Lybke schon so lange trifft, dass sie wohl irgendwann wahr werden muss. In der Berliner Produzentengalerie Diskus jedenfalls, in der sich junge Bildhauer und Bildhauerinnen aus Dresden präsentieren, sieht man dem Kunstherbst und der Teilnahme an der jungen Berliner Messe Preview optimistisch entgegen. Skulpturen, gerade kleinerformatige, laufen offensichtlich gut, so gut, dass hier im nächsten Jahr die Ausgründung einer regulären Galerie wahrscheinlich ist.

Nahe liegen da Vergleiche des Leipziger Malererfolgs mit dem raschen Aufstieg und jähen Fall der „Jungen Wilden“ in den 80er Jahren oder dem Hype um die Young British Artists in den 90er Jahren. In der Ausstellung Sexy Mythos, die im Frühjahr in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst stattfand, haben die Mitkuratorinnen Doris Berger und Julia Schäfer eine wichtige Parallele zwischen dem Wirbel um die Londoner und die Leipziger Künstler benannt: Mythen wuchern nicht nur dort, wo der Erfolg schon ist, sie heizen ihn überhaupt erst an. Gründungsmythen, die divergierende künstlerische Positionen unter einem Label summieren, gehören demnach genauso dazu wie Vaterfiguren oder die Zuschreibung eines gesellschaftlichen Kontext (dort „Cool Britannia“, hier der arme Osten, obwohl viele Leipziger Maler im Westen geboren wurden).

Doch selbst wenn nun der nächste Trend kommt, muss der Fall der Leipziger nicht so heftig enden wie der der Jungen Wilden. Künstler und Galeristen haben dazu gelernt, etwa das Angebot quantitativ verknappt. Zudem sei die Sammlerbasis viel breiter geworden, sagt der Galerist Michael Schultz, der höchst erfolgreich Norbert Bisky und Cornelia Schleime vertritt. Käufer kommen jetzt auch aus den aufsteigenden Milieus in Russland, Indien und China. In Deutschland lassen sich im Zug der neuen Bürgerlichkeit zunehmend junge Banker und Rechtsanwälte für Kunst begeistern. Für Nachwuchssammler hält die Villa Grisebach eigens seinen „Third Floor“ bereit, mit Arbeiten zu einem Schätzpreis von bis zu 3.000 Euro.

Das teure Geschlecht

An Geld jedenfalls mangelt es in Zeiten der neoliberalen Umverteilung öffentlichen Reichtums in private Taschen nicht. Denn in Deutschland hat sich das Geldvermögen der Bürger seit 1990 verdoppelt, allen Klagen zum Trotz. Dabei hat aber ein Zehntel der Bevölkerung fast die Hälfte des gesamten Vermögens auf sich gezogen. Dort gehört Kunst inzwischen zum guten Ton, und weil ein gewisser Herdentrieb herrscht, oft gepaart mit fehlenden Kenntnissen über die doch noch als unwägbar geltende zeitgenössische Kunst, sind immer dieselben Namen nachgefragt.

Und was haben Künstlerinnen und Künstler nun davon? Da zeigt sich schnell das Bild einer Zweiklassen-Gesellschaft, deren Gegensätze noch schärfer ausgeprägt sind als in der Gesamtbevölkerung. Die Topkünstler der Rankings aus den Zeitschriften „Capital“ oder „ARTInvestor“ sind mit ihrer Kunst Spitzenverdiener geworden. Das Durchschnittseinkommen deutscher Künstlerinnen und Künstler dagegen muss laut Künstlersozialkasse noch einmal nach unten korrigiert werden. In diesem Jahr beträgt das Einkommen der Versicherten nach deren Selbstauskünften rund 9.900 Euro und ist damit gegenüber 2005 um elf Prozent geschrumpft. Auch gibt es wieder größere Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern.

Laut einer Studie des Berufsverbands Bildender Künstler von 2005 erzielen Frauen über 30 Prozent weniger Einkommen aus Verkäufen als ihre Kollegen. Unter den aktuellen Malerstars aus Leipzig finden sich fast ausschließlich Männer. Ihre Kolleginnen stellen bislang meist in Galerien aus, die ihre Arbeiten oft nur zu fünf- oder vierstelligen Preisen handeln. „Künstlermythen beziehen sich meist auf Männer“, sagt Doris Berger. Maßgeblich zum Aufstieg beigetragen hatte die Museumsausstellung sieben mal Malerei 2003 in Leipzig, eine reine Männerschau.
Künstlerinnen dürften auf dem Markt wieder stärker zum Zug kommen, wenn erneut prozesshaftere Arbeiten in neueren Medien gefragt sind, etwa Installation, Video, Fotografie und Performance, in jenen Disziplinen, die sich Künstlerinnen im Zug der zweiten Emanzipationsbewegung des 20. Jahrhunderts erschlossen haben. Mit ihnen sind Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel und Cindy Sherman in die internationalen Top Ten aufgestiegen.

Künstler sind also entweder steinreich oder „Avantgardisten des Mangels“, wie „Die Zeit“ kommentierte. Mit solchen Problemen brauchen sich die Käufer von Kunst wohl nicht herumzuschlagen.

Text: Claudia Wahjudi und Johannes Wendland

Villa Grisebach Gallery: Sabine Fassl,
Stefan Saffer. Bis 2.9., Fasanenstr. 25,
Charlottenburg, Di-Sa 10- 18 Uhr
Diskus: Christian Korth. Bis 28.7., Brunnenstr. 196, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr

Die Serie „Geld Macht Kunst“ startete in zitty 6/2006 mit einer Einführung zur Kluft
zwischen Kunstmarkt und schrumpfendem öffentlichen Sektor. Teil 2 berichtete über Künstler und Hartz IV, in Teil 3 sprach der Unternehmer Arend Oetker über private Kunstförderung. Folge 4 handelte von 1-Euro-Jobs im Ausstellungswesen und in Folge 5 erläuterten Berliner Kuratoren ihre Situation.

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