Berlin

Der Entlausungs-Salon in Prenzlauer Berg

Wer Kinder hat, bekommt mitunter unerwünschte „Gäste“: Kopfläuse.  In Prenzlauer Berg hat nun ein spezieller Entlausungs-Salon eröffnet. Einmalig bislang in Deutschland

Die E-Mail kommt gerne sonn- oder feiertags: „Läusealarm!“ Während junge Eltern, deren Kind noch nie Läuse hatten, in Panik verfallen, fluchen eingeweihte Eltern kurz und greifen beherzt in den Badezimmerschrank, wo das Läusemittel allzeit bereit steht. Die Familie versammelt sich im Bad und hält schicksalsergeben die Köpfe hin: einölen, einwirken lassen, auskämmen. Es dauert Stunden. Ob man am Ende jede Haarsträhne und jede Laus oder Nisse erwischt hat, weiß der Himmel. Spätestens nach drei Kammstrichen hat man den Überblick verloren.

Das gilt auch für die nächste Phase: Was sollte man nun machen? Auf jeden Fall eine Rundmail schicken: „Ihr Lieben, wir haben Läuse!“ Und dann? Müssen der Teddybär und der Kuschelhund tagelang in Plastiktüten raus auf den winterkalten Balkon, muss die Seidenbluse im Tiefkühlfach steif frieren? Muss wirklich alles bei 60 Grad in die Waschmaschine? Nicht wenige finden, das Läuseproblem ginge sie nichts an. Läuse – das haben nur die anderen, die Ungepflegten. Ein Dünkel, der verkehrter nicht sein kann – und das Problem verschärft. Denn gehen nicht alle Eltern strikt gegen die Plagegeister vor, wird das Problem chronisch: Die Kinder stecken sich bei vermeintlich Unbelausten immer wieder neu an. Manche Schule oder Kita wird die Läuse über Jahre nicht los. Die Tierchen haben kein Klassenbewusstsein und mögen alle Menschen gleich gern: Wo man sie lässt, harren sie aus, um von dort zu einer neuen Tournee über die Köpfe zu starten.

Besuch in der Winsstraße, Prenzlauer Berg. Dort hat Ende November 2017 Deutschlands erste Filiale von „Bye Bye Läuse“ eröffnet. Es ist, nun ja, ein Entlausungsstudio. Drinnen sieht es aus wie in einem Friseursalon, eine Reihe Behandlungsstühle, Spiegel an der Wand. In der Ecke steht eine ganze Flotte von staubsaugerartigen Apparaten. Irina La Licata, die in dem Studio arbeitet, erklärt, dass diese Maschinen das Herzstück der Behandlung seien. Mit den „AirAllé“-Geräten rücken sie den Läusen auf die Pelle. Die massagebürstenartigen Kopfstücke erhitzen sich auf 55 Grad, wodurch die Läuse austrocknen sollen. Schon 450 Salons sollen weltweit mit dieser aus den USA stammenden Methode arbeiten.

Ein Werbevideo für Air Allé

An einem Vormittag kommt Christine Martens, 69, mit ihren beiden Enkelsöhnen herein: „Gestern haben sie sich beim Malen nach jedem Strich am Kopf gekratzt.“ Oma und Papa waren unsicher, eine Freundin wusste von dem neuen Laden. La Licata zieht einen weißen Kittel über und scheitelt den Kindern die Haare. Schon nach zwei Kammstrichen entdeckt sie die Nissen. In iPad-Bildschirme versunken lassen die Jungs die Behandlung mit der Maschine, das Shampoonieren und Auskämmen über sich ergehen. Die Prozedur dauert etwa 60 bis 90 Minuten pro Person, danach sollen alle Untermieter entfernt sein. Sogar eine Woche Garantie gibt es darauf.  Neun Tage später sagt Christine Martens, dass die Behandlung erfolgreich war.

Allerdings: „Man zahlt auch einen stolzen Preis.“ Der Preis richtet sich nach der Haarlänge und reicht von 79,90 Euro bis 119,90 Euro pro Kopf. Für Familien gibt es Gruppenrabatt.

Widerstandsfähige Nissen

Anruf bei Hermann Feldmeier, Facharzt für Mikrobiologie und Epidemiologie, der sich in seiner Forschung seit Jahren mit Läusen beschäftigt. Lohnt sich das? Klare Antwort: „Nein.“ Diagnostizieren lassen könne man den Läusebefall auch beim Kinderarzt, und für die Behandlung reichten die Präparate aus der Apotheke aus. Er empfiehlt Produkte auf Dimeticon-Basis. „Die funktionieren rein physikalisch.“ Durch das Dimeticon ersticken Läuse und Nissen, für die Patienten sei das unschädlich. Alle Familienmitglieder zu behandeln hält er für sinnvoll: „Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung innerhalb der Familie ist sehr hoch“. Von Präparaten, die die Läuse vergiften, rät er ab. Die darin enthaltenen Nervengifte töteten zwar die Läuse, nicht aber die Nissen. Doch auch die Eigenbehandlung ist nicht ganz billig: Die unverbindliche Preisempfehlung für ein von Ärzten häufig verschriebenes, auf Dimeticon basierendes Mittel liegt bei 22,45 Euro pro Person und beinhaltet Flüssigkeit für die Erst- und Zweitbehandlung nach neun Tagen. Bis zum 12. Lebensjahr trägt die Krankenkasse dafür die Kosten.

Wie hoch die Infektionsrate in Berlin ist, lässt sich nicht beziffern, weil bei Läusebefall keine Meldepflicht besteht. Laut Schulen und Kitas aber haben Läuse auch Konjunkturen. Regelmäßig sei die Zeit nach Ende der Sommerferien Höhepunkt des Jahres, sagt Feldmeier.

Am Ende hat Feldmeier aber noch eine frohe Botschaft für alle geplagten Familien: Decken waschen, Tiere einfrieren – kann man sich sparen! Studien hätten ergeben, dass fast 100 Prozent der Ansteckungen durch direkten Haarkontakt erfolgen. Läuse können weder springen, noch fallen sie einfach vom Kopf. Gar nicht so schlimm also, das mit den Läusen. Davon ist man spätestens dann überzeugt, wenn die erste Email mit dem Betreff: „Würmer!“ ins Postfach flattert.

www.byebyelaeuse.de