Klaus Beyer

Der ewige Pilzkopf

Nachdem Klaus Beyer sämtliche Alben der Beatles texttreu ins Deutsche übertragen hat, will der Berliner Held der Outsider Art nun endlich eigene Songs schreiben. Vorher feiert er noch 60. Geburtstag

Er ist ein unscheinbarer, schüchterner Mann. Er sitzt vor seinem Cappuccino in einem Café am Heinrichplatz und redet über die Beatles. Über den ersten Song der Fab Four, den er je ins Deutsche übertragen hat: „Die Sonne kommt.“ Er lächelt. „Ich habe mir einfach ein Wörterbuch genommen und die Zeilen übersetzt“, sagt er. „Hat geklappt.“ Das kann man so sagen. Die Beatles sind die bestimmende Kraft in seinem Universum geworden, in Klaus Beyers Universum.
Seit 1980 covert der „Fünfte Beatle“ die Songs der Pilzköpfe. Alle dreizehn Alben der Liverpooler hat Beyer ins Deutsche übertragen, mit dem „Weißen Album“ komplettierte er im vergangenen Sommer sein Werk. Am 8. Juli wird der in Kreuzberg aufgewachsene Beyer 60 Jahre alt und feiert im Monarch. Dann darf man ihm noch einmal dabei zusehen, wie er „Gelbes Unterwasserboot“, „Glück ist ein warmes Gewehr“ oder „Helft!“ auf die Bühne bringt.
Klaus Beyers Adaptionen sind eigenwillig, wundersam und, ja, auch anrührend. Beyer hat den Charme und den direkten Zugang der Art Brut in Deutschland im Bereich der Musik etabliert und sie mit einem Schuss Neue Deutsche Welle garniert. Beyer, ein schlichtes Gemüt, gilt bis heute vielen Menschen mit Handicap als künstlerisches Vorbild. Er war hierzulande der erste erfolgreiche Musiker der Outsider Art. Vor allem, finden viele, trifft Beyer den Geist der Beatles-Songs genauer als viele Kopisten. Wenn dieser große Mann mit traurigen Augen „Lieb Prudence“ singt, dann darf man schon mal eine Träne verdrücken – genauso, wie man es bei den Pilzköpfen getan hätte.

Alles begann als Dolmetscher für die Mutter

Während die Sonne nun auch ins Kreuzberger Café kommt, blickt Beyer auf die vergangenen gut dreißig Jahre zurück. Als er 1980 mit seinen Beatles-Interpretationen beginnt, wohnt er noch bei seiner Mutter in der Skalitzer Straße. Sie ist Beatles-Fan, versteht aber kein Englisch. Beyer spielt den Dolmetscher. Er singt seine Übertragungen aber zunächst nur im stillen Kämmerlein. Dann fängt er an, sich selbst mit einer Super-8-Kamera zu filmen und seine Coverversionen auf Tonbänder aufzunehmen.
Einer Freundin der Mutter zeigt er die Aufnahmen – die entdeckt ihn und bringt ihn auf die Bühne. „Ich hatte ein solches Lampenfieber, dass ich überhaupt nicht singen konnte“, erinnert sich Beyer an seine ersten Auftritte. Im Juni 1984 gibt er sein Live-Debüt auf der Pfingstparty der Tödlichen Doris. Wolfgang Müller, Gründer der Künstlergruppe, ist ein Fan der ersten Stunde. Beyer wird Teil der Westberliner Kunst­szene und tummelt sich im Umfeld der „Genialen Dillettanten“. 1987 erscheint ein erstes Tape: „Beyer singt Lennon“.
Die ganze Zeit arbeitet Beyer als gelernter Kerzenwachszieher in einer Fabrik in der Gitschiner Straße, später in Neukölln. Knapp 30 Jahre lang übt er den Beruf aus. Als seine Firma ins ostfriesische Aurich umzieht, muss er sich entscheiden: Arbeitslosigkeit oder weg aus Berlin? „Sein Chef damals war wie ein Sklaventreiber“, sagt sein Freund und Manager Frank Behnke, „der hat seine ganzen Angestellten einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.“ Beyer geht nach Aurich. Drei Jahre hält er es dort aus, bis es ihn 1997 nach Berlin zurück zieht.

Mit Schlingensief nach Brasilien und Afrika
„Und dann warst Du arbeitslos“, sagt Behnke, der neben Beyer im Café sitzt, „hattest aber eigentlich mehr zu tun als je zuvor.“ Beyer wird Fulltime-Künstler und -Musiker. Er hat das Glück, Freunde und Förderer wie Behnke um sich zu haben. Der ist mehr als nur Manager, auch väterlicher Freund, der Beyer bestärkt hat, sich nicht nur in der Musik zu versuchen: Mit seinen frühen Super 8-Filmen schafft er es bereits 1986 zur documenta, seine Zeichnungen und Bilder werden regelmäßig ausgestellt. Außerdem schreibt er Gedichte. Schließlich gehörte Beyer auch zum Ensemble um Christoph Schlingensief. „Zehn Jahre haben wir zusammengearbeitet“, sagt Beyer, „ich bin mit ihm nach Brasilien, Island und Afrika gereist.“ Als der Regisseur 2010 stirbt, singt Beyer im Roten Salon auf der Gedenkveranstaltung.
Sein Lebenswerk aber sind die Beatles-Kompositionen. Im August vergangenen Jahres erschien nun aber das letzte Album. „Das war einerseits schön und andererseits auch traurig“, sagt er. Zuletzt hat er mit Jörg Buttgereit ein Stück der New Yorker Punkband Osaka Popstar ins Deutsche übertragen – und einige Beatles-B-Seiten, um den kalten Entzug zu vermeiden. In Zukunft aber will Beyer endlich eigene Stücke schreiben.
Vor kurzem ist er umgezogen, er wohnt jetzt gemeinsam mit seiner Schwester in Lichtenrade. Woran er gerade arbeitet? „Ich gucke mir erstmal die Gegend an, ich bin ja noch ganz neu da.“ Klaus Beyer wird auch hier Inspiration finden. Und seine einfachen, kleinen Songzeilen funktionieren auch ohne die Beatles, da darf man sicher sein.

Geburtstagsfeier: 8.7., 20 Uhr, Monarch, Kreuzberg, www.klaus-beyer.de

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