Mord in Neukölln

Der Fall Burak B.

Vor vier Jahren wurde Burak Bektas, ein junger Deutschtürke, in Neukölln ermordet. Bis heute ist die Tat ungeklärt. War es ein Nazi? Anwälte fordern, dass die Bundespolizei ermittelt. Wir beantworten zentrale Fragen  Text: Philip Meinhold

Berlin Mord in Neukoelln In der Nacht zum 5. April 2010 schoss ein Unbekannter im Berliner Bezirk Neukoelln auf eine Gruppe von fuenf Jugendlichen. Der 22 Jahre alte Burak B. wurde dabei getoetet, mehrere andere z.T. schwer verletzt. Die Polizei fahndet nach einem 40 - 60 jaehrigen Mann und schliesst einen rechtsextremen Hintergrund nicht aus. Im Bild: Der Tatort in der Rudower Strasse geschmueckt mit Blumen und Plakaten. 16.4.2012, BerlinFoto: Christian Ditsch/imago
Berlin Mord in Neukoelln In der Nacht zum 5. April 2010 schoss ein Unbekannter im Berliner Bezirk Neukoelln auf eine Gruppe von fuenf Jugendlichen. Der 22 Jahre alte Burak B. wurde dabei getoetet, mehrere andere z.T. schwer verletzt. Die Polizei fahndet nach einem 40 – 60 jaehrigen Mann und schliesst einen rechtsextremen Hintergrund nicht aus. Im Bild: Der Tatort in der Rudower Strasse geschmueckt mit Blumen und Plakaten. 16.4.2012, Berlin
Foto: Christian Ditsch/imago

Was sind die gesicherten Erkenntnisse aus der Tatnacht? In der Nacht zum 5. April 2012 steht der 22-jährige Burak Bektas zusammen mit vier Freunden an der Rudower Straße in Berlin-Neukölln. Sie rauchen und unterhalten sich, als gegen 1:15 Uhr ein Mann auftaucht, eine Waffe zieht und auf sie schießt: Alex und Jamal werden lebensgefährlich verletzt, Ömer und Seltunc retten sich auf die Straße, Burak stirbt. Von dem Täter fehlt bis heute jede Spur. Ein persönliches Motiv im Zusammenhang mit den jungen Männern hat die Polizei bei ihren Ermittlungen ausgeschlossen. Auch im Verlauf des Abends ist kein Motiv erkennbar, weder eine mitunter kolportierte Ruhestörung noch eine vorherige Auseinandersetzung wie in anderen Fällen öffentlicher Gewalt. Der Täter eröffnete wortlos das Feuer.

Wie realistisch ist ein rechtsextremer Hintergrund? Für den Anwalt von Buraks Familie, Mehmet Daimagüler, spricht Einiges für einen rechtsextremen Tathintergrund: „Das ist von der Tatausführung ähnlich zu dem, wie der NSU vorgegangen ist“, sagt der Anwalt, der auch Angehörige von Opfern im NSU-Prozess vertritt. Die Wahl von Opfern mit Migrationshintergrund, das Fehlen eines Bekennerschreibens, das scheinbar Willkürliche der Tat – das alles entspricht dem Wesen rechter Terrorkonzepte. Dazu kommt, dass es im Süden Neuköllns seit Jahren eine aktive rechte Szene gibt. Diese zeichnet sich laut Berliner Verfassungsschutz durch ein „hohes Aktivitätsniveau und eine enorme Gewaltbereitschaft“ aus. Gegen einen geplanten Terrorakt spricht das Zufällige der Tat: Anders als beim NSU, der seine Taten akribisch plante, muss der Anschlag auf Burak und seine Freunde spontan erfolgt sein: Niemand konnte ahnen, dass die jungen Männer um diese Uhrzeit an dieser Stelle stehen.

Hat die Polizei womöglich bei den Ermittlungen geschlampt? Die Anwälte der Familie kritisieren, dass die Polizei nur oberflächlich in Richtung eines möglichen rechtsextremen Täters ermittelt habe. In den Akten fänden sich keine Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, auch habe man bei den Ermittlungen kaum über die Grenzen Berlins hinaus geschaut. Die Berliner Staatsanwaltschaft verweist auf die enge Zusammenarbeit von Mordkommission und Berliner Staatsschutz. Ein rechtsextremer Hintergrund sei vom ersten Tag an in Betracht gezogen worden, konkrete Hinweise darauf habe man jedoch nicht gefunden.

Gibt es neue Spuren? Parallelen gibt es zu dem Fall des erschossenen Briten Luke Holland: Der 31-jährige Rechtsanwalt besucht in den Nachtstunden des 20. September 2015 das Del Rex, eine kleine Bar mit internationalem Publikum in Neukölln. Kurz nachdem er das Lokal zum Telefonieren verlässt, wird er von einem anderen Gast blutend auf dem Gehweg gefunden. Er stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Wieder wird ein junger Mann auf offener Straße erschossen, wieder in Neukölln. Wieder gibt es keine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer. Doch in diesem Fall gibt es einen Verdächtigen: den 62-jährigen Rolf Z., der nur wenige Häuser vom Tatort entfernt wohnt. Nach Angaben des Barbetreibers war auch er in dieser Nacht im Del Rex, hat sich darüber beschwert, dass niemand dort deutsch spreche. Ermittler finden in seiner Wohnung später Nazi-Devotionalien, darunter Hitler-Bilder. Auffällig ist die von Zeugen in beiden Fällen beschriebene Ruhe des Täters nach der Tat, der sich langsam vom Tatort entfernt. Das Verstörende: Der Festgenommene taucht bereits in den Akten zum Burak-Mord auf. Im Dezember 2013 hatte ein Pornokino-Betreiber Rolf Z. der Polizei als möglichen Täter genannt: Dieser besitze eine scharfe Waffe und habe außerdem erzählt, dass er mit seinem Bruder Schießübungen mache – in der Nähe des Ortes, wo Bektas erschossen wurde. Die Polizei sah damals keinen hinreichenden Tatverdacht. Auch eine nun erfolgte neue Überprüfung konnte keine Querverbindung belegen. Der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, räumt ein, dass man eine Täterschaft Rolf Z.ʼs im Fall von Burak Bektas auch nicht hundertprozentig ausschließen könne. Der Festgenommene selbst äußert sich nicht.

Was wäre zu erwarten, wenn die Bundesanwaltschaft tatsächlich diesen Fall übernimmt? Rechtsanwalt Daimagüler fordert, dass die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe den Fall übernimmt. Diese ist für alle schweren Staatsschutzdelikte zuständig, die die innere und äußere Sicherheit Deutschlands berühren. Daimagüler verweist auf die besondere Bedeutung des Falls, auch über die Hauptstadt hinaus: Vor allem in der türkisch-stämmigen Bevölkerung habe der Mord zu großer Verunsicherung geführt. Er erhofft sich bundesweite Ermittlungen durch eine Institution, die Erfahrung im Bereich des Terrorismus hat. Da ein rechtsextremer Tathintergrund aber nicht belegt ist, ist die Übernahme des Falls eher fraglich.


Aufwühlendes Verbrechen

Kaum ein Verbrechen der vergangenen Jahre hat die türkische Community in Neukölln so aufgewühlt wie der Mord an Burak Bektas. Nach den Ermittlungspannen bei den NSU-Morden ist die Furcht groß, dass die Behörden auch in diesem Fall mangelhaft arbeiten – und rechtsextreme Spuren vernachlässigen. Am Freitag, 5.2., lädt eine Protestinitiative zu einer Mahnwache vors Gebäude der Staatsanwaltschaft an der Turmstraße in Moabit.

Philip Meinhold, der Autor dieses Artikels, hat ein 9-teiliges Podcast zu dem Fall geschrieben, nachzuhören unter www.radioeins.de

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