Berlinale 2020

Der Goldene Ehrenbär geht 2020 an Dame Helen Mirren

Unterkühlte Eleganz: Helen Mirren als
„The Queen“ Foto: 2007 Concorde Filmverleih

Die Vielfalt ihrer Rollen und Filme ist ebenso erstaunlich wie beeindruckend und reicht vom skandalumwitterten Historienepos „Caligula“ über das versponnene Fantasy-Drama „Excalibur“ bis hin zu den brachialen US-Actionstreifen der „The Fast & The Furious“-Reihe. Helen Mirren ist sowohl im britischen Autorenkino wie im US-amerikanischen Blockbuster zu Hause, und erst recht auf der Theaterbühne, nicht nur, weil sie bereits mit 19 Jahren Mitglied der Royal Shakespeare Company wird.

Doch keine Rolle scheint ihr derart auf den Leib geschneidert zu sein wie die der Königin Elizabeth II. in Stephen Frears The Queen, für die sie 2007 sowohl den Oscar als auch den Golden Globe erhält. Die Geschichte einer royalen und persönlichen Krise, in der Helen Mirren in ihrer königlichen Unnahbarkeit beinahe beängstigend authentisch wirkt. Kein Wunder also, dass die Berlinale anlässlich der Preisverleihung des Goldenen Ehrenbären und im Rahmen der Hommage ebenjene grandiose und vielschichtige Charakterstudie einer Monarchin zeigt. Mirren selbst, die von der echten Queen Elizabeth längst zur Dame Helen Mirren geadelt wurde, betrachtet die von ihr verkörperte Figur, ganz britisches Understatement, als „gute, dankbare Rolle“.

Egal ob als standes- und traditionsbewusste Herrin der Dienerschaft in Robert Altmans „Gosford Park“ oder als querdenkendes und nicht mehr ganz junges Nacktmodell in „Calendar Girls“ und selbst als resolute Gangsterfreundin in John Mackenzies IRA-Mafia-Drama The Long Good Friday, stets strahlt sie eine korrekte Strenge, stoische Selbstbeherrschung und schlichte, fast steife Eleganz aus, die ur-britisch wirkt. Dabei ist Ilyena Mironova, wie Helen Mirren bei ihrer Geburt heißt, die Nachfahrin russischer Einwanderer. Wenn sie in Michael Hoffmans The Last Station Sofia Tolstoi spielt, die Frau des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi, so ist dies in gewisser Weise auch eine Reise in die eigene Familiengeschichte und eine Annäherung an den fremden Großvater, einen zaristischen Offizier. „Krieg und Frieden“ als literarisches und familiäres Drama.

Ihre vielleicht widersprüchlichste und provokanteste Rolle ist zugleich jene, die ihre schauspielerische Bandbreite am drastischsten verdeutlicht: „The Wife“ in Peter Greenaways The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover. Hier spielt sie Georgina, gebildet und aus gutem Haus, mit einem grobschlächtigen Gauner verheiratet und auf der Flucht aus dieser Ehe. Eine cineastische Tour de Force, die das Publikum begeistert oder aus dem Kino treibt, auch weil Helen Mirren der eigentlich überzeichneten Figur eine schmerzhafte, zugleich unterkühlte Authentizität und Würde verleiht. Verstörend.

In ihrem bislang letzten Kinofilm The Good Liar aus dem Jahr 2019 tritt Dame Helen Mirren zum ersten Mal mit Sir Ian McKellen vor die Kamera und liefert sich mit ihm ein amüsant-spannendes Duell im ewigen Geschlechterkampf. Heiratsschwindler trifft reiche Witwe. Bei Helen Mirren kann man davon ausgehen, dass die Klischees nicht fruchten. Und dass sie stets Haltung bewahrt.